"Wir für morgen" Bürgerinitiative für den Nordostring

Drei Köpfe der Initiative: Otto Sudrow (76) war Industriedesigner und Gründer des Einrichtungsladens „Magazin“, Dietrich Schreiner (70) war leitender Ingenieur bei Daimler und Martin Frey (50) ist Unternehmensberater (von links). Foto: Kölbl / ZVW

Waiblingen/Remseck. Wer glaubt, die Befürworter des Nordostrings säßen „nur“ in Politik und Wirtschaft, der irrt. In Remseck und Umgebung formiert sich eine Initiative von Bürgern, die eine Straße durch ihren Vorgarten in Kauf nehmen würden. Der Verein „Wir für morgen“ sieht wegen des Verkehrskollapses die Wirtschaftsregion Stuttgart in Gefahr. 

In unserer interaktiven Karte im Artikel zeigen wir das Konzept für eine "ökologische Nordostumfahrung", das die Initiative unter Einbeziehung von Experten entwickelt hat.

„Oft werden wir gefragt, ob wir eigentlich einen Vogel hätten, eine Straße durch den eigenen Vorgarten zu fordern.“ Otto Sudrow, Dietrich Schreiner und Martin Frey stehen auf dem Schlossberg, mit Blick aufs Neckartal bei Aldingen und in Richtung Westen aufs Schmidener Feld. Unweit des noblen Wohngebiets würde der Nordostring verlaufen. Tatsächlich stehen Bürgerinitiativen eher im Ruf, von denen gegründet zu werden, die versuchen, Baumaßnahmen vor der eigenen Haustüre zu verhindern – seltener von Befürwortern. Über den Nordostring diskutiert die Region schon seit rund 30 Jahren – und in der meisten Zeit prägten Unternehmer, Politiker und die Gegner von der Arge Nordostring das Meinungsbild in der Öffentlichkeit. Den Eindruck will die 150 Mitglieder zählende Pro-Nordostring-Initiative revidieren. Ihre Sorge gilt einerseits dem Verkehr in Remseck, anderseits der Wirtschaftkraft der ganzen Region. Vorsitzender Dietrich Schreiner: „Die Verkehrssituation im Nordosten Stuttgarts ist katastrophal und hat langfristig Auswirkungen auf unseren Wohlstand – und den unserer Kinder.“

Großraum Stuttgart muss attraktiv bleiben

In 20 Jahren baut Daimler andere Autos als heute, und Mahle produziert keine Dieselkolben mehr. Der autolastigen Wirtschaft der Region steht ein tiefgreifender Wandel in Richtung E-Mobilität und Digitalisierung bevor, und zwar unter dem Druck einer sich immer rascher entwickelnden internationalen Konkurrenz. Wenn Zehntausende Arbeitsplätze verlorengingen und durch andere Jobs in anderen Branchen kompensiert werden sollen, müsse der Großraum Stuttgart attraktiv bleiben, auch was die verkehrliche Infrastruktur anbelangt. Aktuell jedoch gehört Stuttgart zu den „Stauhauptstädten Deutschlands“, der tägliche Stillstand am Kappelberg und der A 81 gehört zu den letzten Gewissheiten des modernen Lebens.

Verkehrsaufkommen unabhängig vom Straßenbau konstant

Der Ackerboden des Schmidener Felds und die Warnung, dass, wer Straßen sät, Verkehr ernten wird – die Befürworter kennen die Kritik. Erstens, das Verkehrsargument: Das scheint ihnen nicht zutreffend, denn das Verkehrsaufkommen bleibe unabhängig vom Straßenbau konstant. Keine Firma schaffe wegen des Nordostrings neue Lastwagen an. „Der Verkehr verhält sich wie Wasser und nimmt den Weg des geringsten Widerstands“, glaubt Dietrich Schreiner. Gibt’s den Nordostring, läuft’s auf der A 81 plötzlich flüssig. Die „Negativutopie“, der Nordostring ziehe in Verbindung mit der ausgebauten B 29 als Querverbindung zwischen A 81 und A 7 den europäischen Fernlastverkehr von Bratislava bis Rotterdam ins Remstal, sei eine bloße, durch keine Studien belegte Behauptung.

Konzept für "ökologische Nordostumfahrung" entwickelt

Auf reine Konfrontation mit den Nordostring-Gegnern möchten sie jedoch nicht gehen, vielmehr das Patt zwischen Pro und Contra auflösen. Denn zweitens, das Flächenverbrauchs-Argument: Der Eingriff in die Landschaft wird massiv sein, soll nach Dafürhalten der Initiative aber so gering wie möglich ausfallen. Weshalb sie unter Einbeziehung von Experten ein Konzept für eine "ökologische Nordostumfahrung" entwickelt haben.

Zweispurig statt vierspurig verläuft sie weitgehend auf bestehenden Straßen und untertunnelt Engpässe wie beim Anschluss der Waiblinger Westumfahrung zur B 14, bei Hegnach und an der Kreuzung nördlich von Oeffingen und mündet beim Hornbach-Markt in eine der Andriof-Variante nahe Neckarbrücke.

Ob Pförtnerampeln, verbesserte Ampelschaltungen und Tempo 30 – das sei alles „Herumdoktern an Symptomen“. Da das Nahverkehrsnetz Stuttgarts mangels Tangentialverbindungen ohnehin nicht für den großen Umstieg auf die Schiene aufnahmefähig sei, führe an der „großen Lösung“ kein Weg vorbei.


Westrandbrücke

Die in Neckarrems geplante Westrandbrücke lehnt der Verein entschieden ab. „Sie zertrennt unsere Stadt“, sagt Martin Frey. „Sie wäre der Nordostring mitten durch Remseck.“

Emissionen wie Feinstaub würden zunehmen. Dazu blockiere sie die Stadtentwicklung. Sie wäre mindestens zwölf Meter hoch. An den Auffahrten würden Staus entstehen.

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