Wirtschaftsmacht China Im Rausch der Geschwindigkeit

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Wirtschaftswunderland China: Ein Volk investiert, kauft und lebt immer mehr nach westlichem Standard. Die Mehrheit partizipiert am neuen Wohlstand, doch die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Vor allem die Mittelschicht fordert mehr Nachhaltigkeit statt Tempo.

Shanghai - "Zack, zack", ruft Gu Li Jun und baut mit den Händen Häuser in die Luft. Sie zeigt auf die berühmteste Skyline Asiens, Türme aus Glas und Stahl, die nachts wie in einem Disney-Film leuchten. Es sind die Ikonen des chinesischen Aufschwungs: Oriental Pearl Tower, 468 Meter. World Financial Center, 492 Meter. Das Fundament des Schanghai Tower, der sich in drei Jahren auf 632 Meter erheben wird. Wo vor 15 Jahren fast nur Äcker und Hütten standen, recken sich Tausende von Hochhäusern in Schanghais Finanzdistrikt Pudong zum Himmel, alles "zack, zack". Gu überschlägt sich fast, als habe sie Angst, auch sie selbst sei bald nur noch Geschichte. Deutschland? "Das dauert uns alles zu lange. Und die vielen Diskussionen!" Stuttgart 21 wäre in Schanghai in einigen Jahren fertig, sagt sie, aber es gibt ja schon wieder einen neuen Bahnhof, er wirkt wie ein Flughafen. Drei Jahre lang hat sie am Neckar studiert und bei Bosch gejobbt wie ein anständiger Schwabe. Aber hier sei es eben anders, eine schnellere Welt, eine andere Regierung. "Und wenn die bauen will, dann baut sie."

Wenn Gu durch die hektischen Straßen führt, glaubt man, in Deutschland steht das Leben still. Es ist, als wohne man einer permanenten Neueröffnung bei: Wolkenkratzer, Kaufhäuser, Hochstraßen, Autohäuser. China scheint in die Zukunft, Deutschland in der Vergangenheit zu bauen. Was nur zum Teil stimmt, schließlich entwickeln und verdienen Bosch, Daimler und Co. mit. Weltweit profitiert Deutschland am stärksten von Chinas Boom, elf Prozent des Wachstums geht ausschließlich auf die höheren China-Ausfuhren zurück. Seit 2001 hat sich Chinas Bruttoinlandsprodukt beinahe vervierfacht. Im vergangenen Jahr ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt um 10,4 Prozent gewachsen, für dieses Jahr werden 9,3 Prozent erwartet. Ein Land erschafft sich neu, und sein Volk konsumiert: Zurzeit verdingen sich laut Zensus 230 Millionen Wanderarbeiter vor allem auf dem Bau, mit Dienstleistungen und in den Fabriken. Die Lebenserwartung ist innerhalb von 60 Jahren im Schnitt von 48 auf 78,8 Jahre gestiegen. Je nach Definition können sich 100 bis 300 Millionen Menschen einen Lebensstil leisten, der annähernd mit dem Westen vergleichbar ist. Chinas neue Mittel- und Oberschicht leistet Aufbauhilfe West und sichert auch in Baden-Württemberg Arbeitsplätze.

China hat innerhalb einer Generation eine Entwicklung durchgemacht, für die andere Länder ein Jahrhundert brauchten. Ein gigantisches Staats-Experiment. Und eine Zerreißprobe für die Menschen.

Früher wurden Reiche gelyncht, heute verehrt.

1955 wird Gu geboren, sie ist noch ein Kleinkind, als wegen Maos wahnsinniger Wirtschaftspolitik im Land geschätzt 20 Millionen am Hunger verrecken. Als die Roten Garden Kader und Lehrer foltern und alles Alte zerstören, besucht sie die Grundschule. Dass sich ein Volk gegenseitig denunziert und belügt, aus Angst, man könne ein Konterrevolutionär sein, erfährt sie zur Zeit der Mittelschule. Wie viele andere züchtet sie Schweine und arbeitet auf den Reisfeldern, um studieren zu dürfen. Danach wählt die Partei den Arbeitsplatz aus. 1978 wird sie Reiseführerin, in dem Jahr, in dem Deng Xiaoping seine Reformpolitik beginnt. Seit 20 Jahren hat sich China mindestens einmal umgestülpt, und man weiß kaum noch, was innen und außen ist. Ein Volk, das Mao gleich machen wollte bis in den letzten Winkel des Privatlebens hinein, lebt den Kapitalismus: Wohlstand statt Parteikarriere; Leistung statt Gleichheit. Früher wurden Reiche zuweilen gelyncht, heute oftmals verehrt. Das ist die Erfahrung von Hunderten Millionen von Menschen.

Wenn die Investoren aus dem deutschen Südwesten kommen, sind sie oft erstaunt, wie sich Chinas Kunden unterscheiden. Aber warum sollte eine 65-jährige Chinesin den gleichen Drang nach einer glättenden Nachtcreme verspüren wie eine Frau in Karlsruhe? Vielen ist Luxus suspekt, die meisten können sich ihn ohnehin nicht leisten. Und doch gibt es die Neureichen, deren Luxusuhren bereits für die Zukunft ticken. Sie sind oft jünger, hedonistischer und stärker am Status orientiert als die westliche Klientel. Manchmal begleitet sie Gu beim Aufbruch in die alte Welt, nach Europa, zehn Tage, fünf Länder. Sie weiß, dass man in Deutschland gerne ein Patentrezept für die Geschäfte mit China hätte. Diese Fragen kommen ausgerechnet von einem Volk, wo Widersprüche zur Demokratie zählen. Wie sich die Welt verändert hat, kann Gus Arbeitgeber, die staatliche Reiseagentur CITS, mit Zahlen belegen: Die Chinesen, die ins Ausland reisen, bringen zehnmal mehr Umsatz als die Touristen, die ins Land kommen, heißt es. Früher war das umgekehrt. Jeder Chinese gebe im Schnitt auch mehr Geld aus als ein Ausländer in China. Schon weil Nachbarn und Freunde Bestellungen aufgeben: Westliche Waren liegen im Trend.

Es sind meist die 30- bis 40-jährigen Oberschicht-Chinesen aus Schanghai, Kanton und Peking, die auf Auslandsreise gehen. Gu hofft auf ihre Trinkgelder. 2000 Yuan (230 Euro) verdient Gu als Grundgehalt im Monat, dazu gibt es die Leistungsprämie. Arbeiter verdienen in Schanghai auf dem Bau im Schnitt 3000 Yuan (350 Euro) und bei VW 6000 Yuan (700 Euro). Man zeigt, was man hat, das ergibt die Position in der Gesellschaft, das "Gesicht". Geld hat das Parteibuch längst ausgestochen, es beherrscht das Leben. Die Partei sieht man pragmatisch, wie praktisch alles im Land. Die Armen sparen für Kühlschrank, Fernseher und Skooter. Mittelschicht-Familien wie die von Gu investieren in Auto, Wohnung und kleinere Reisen. Ein Auto besitzt Gu nicht, dafür bewohnt sie mit ihrem Mann, dem Vater und dem 25-jährigen Sohn ein Drei-Zimmer-Apartment mit 120 Quadratmetern nahe der Innenstadt. 800000 Yuan (92000 Euro) kostete es 2004, jetzt ist es rund 3,5 Millionen (400000 Euro) wert. "Hätte ich eine zweite Wohnung", sagt sie, "dann wäre ich jetzt Millionär."

Die Wanderarbeiter protestieren, auch die Mittelschicht murrt

Von den Millionären gibt es derzeit mehr als eine Million im Land. So vielen stehen mehr als zehn Millionen Yuan (1,1 Millionen Euro) zur Verfügung, innerhalb von fünf Jahren hat sich ihre Zahl verdreifacht. Gleichzeitig leben rund 150 Millionen Menschen von umgerechnet 1,25 US-Dollar (93 Cent) Tageseinkommen, der von den Vereinten Nationen festgelegten Armutsgrenze. 2002 waren es allerdings noch 370 Millionen. Das Land ist zwischen den Schichten, Stadt und Land und auch zwischen den Regionen zerrissen. Ein Stadthaushalt an der Ostküste und eine Bauernfamilie in Zentralchina leben in verschiedenen Welten. Schon seit langem beobachtet die chinesische Regierung die Entwicklung mit großer Sorge, vor allem die Inflation. Zurzeit liegt sie bei rund sechs Prozent - zwei Prozent über dem Ziel. Die Preise für Lebensmittel, die rund ein Drittel des chinesischen Warenkorbs ausmachen, stiegen noch viel stärker an. In der Provinz gab es dieses Jahr häufig Proteste, denn die Erhöhung der Mindestlöhne hat die Teuerung nicht ausgeglichen. Die Mittelschicht hält sich mit Protesten zurück, doch auch sie klagt immer häufiger über mangelnde Verkehrssicherheit, zu lange Staus, zu teure Wohnungen und zu großen Stress.

Dass selbst ihm das Tempo zusetzte, merkte der Geschäftsmann Li Kang (39), als die Baustellen vor seinem Haus in Schanghai nicht aufhörten zu wachsen. Lange Zeit war die Straße vor seiner Wohnung für einen U-Bahn-Bau gesperrt - nur um vor der Expo 2010 nochmals aufgerissen zu werden, für eine modernere Variante. Zwei Jahre lang fuhr Li täglich Umwege von einer Stunde, viel Zeit, den Fortschritt zu überdenken. Wie könne es sein, dass ein Metro-Neubau innerhalb von 15 Jahren die Uralt-Linien von London und New York überflügelt - und sich in zehn Jahren die Linienkilometer nochmals verdoppeln sollen? "Das geht viel zu schnell", sagt Li. "Wir wollen endlich ruhiger leben. Etwas weniger U-Bahn-Linien reichen uns auch." Er lacht. "Wie ich denken viele Chinesen."

Vielleicht verkörpert Li bereits Chinas Wohlstands-Zukunft. Eine Mittelschicht, die Statussymbole kaum noch braucht, weil sie längst zum Lebensstil gehören. Er trägt Jeans, fährt Smart und jongliert in seinen Betrachtungen mühelos zwischen West und Ost. Er sieht, dass es in China inzwischen bessere Kleidung, Essen, Wohnungen, Verkehrsmittel, Kulturangebote und Informationsmöglichkeiten gibt. Mit der Politik sei er generell zufrieden, eine Demokratie westlichen Zuschnitts sei vorerst nicht geeignet. Eine Meinung, die man in vielen Gesprächen hört. Man fürchtet, Chaos könne den Aufschwung behindern. Er kenne die Debatten in Deutschland, sagt Li. "Aber momentan will ich lieber etwas weniger Menschenrechte und dafür wirtschaftlich schneller aufholen."

Vor Li werden die Speisen der neuen Schanghaier Küche aufgetischt, gebratene Aale, das Fleisch von Süßwasser-Krebsen, Hühnerfleisch mit gerösteten Erdnüssen, die es zur Zeit seines Vaters nur mit Lebensmittelscheinen oder auf dem Schwarzmarkt gab, lauter Zeichen des Aufstiegs. "Natürlich wünschen wir uns noch eine bessere Krankenversicherung und Altersvorsorge wie in Deutschland", sagt Li. Auch weniger Korruption bei den örtlichen Kadern und eine bessere Luft. "Aber wir sind zuversichtlich: Wir haben Schwierigkeiten, aber keine Sorgen. Und wir sehen, dass die Europäer heute mit größeren Problemen kämpfen."

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