Wo landet unser Müll Hier gären 42 000 Tonnen Biomüll pro Jahr

Waiblingen/Backnang. An einer der engsten und idyllischsten Stellen des Murrtals steht die Biogasvergärungsanlage Neuschöntal. Hier vergären und verrotten Kaffeefilter, Gartenschnitt, Laub, fauliges Obst und Gemüse sowie Reste von Fleisch, Wurst und Käse aus Waiblingen und dem ganzen Landkreis. Der große Kompost treibt zwei Kraftwerke an.

Wie Biomüll verwertet wird, können Sie hier in der Grafik nachschauen (PDF-Datei).

Ja, es stinkt. Ziemlich sogar. Aus dem Flachbunker der Anlieferhalle hebt ein Greifer braune Masse zum Schredder. Die Luft schmeckt süßlich, schwer und stumpf. Nach Sekunden meldet sich ein Stechen in der Nase, und ein Gedanke wird vordringlich: Nichts wie raus. „Das ist Ammoniak“, sagt Gerald Balthasar. „Es sind eigentlich die geruchsaktiven Stoffe, die jeder vom Waldspaziergang kennt – nur sehr komprimiert.“ Der Geschäftsführer der AWG, die seit 2011 den kompletten Biomüll aus dem Kreis in Neuschöntal kompostiert, zögert nicht mit der erleichternden Auskunft, dass kein Mensch in diesem Dampf stundenlang arbeiten muss. Die Arbeiter in den Radladern sitzen in dicht verschlossenen Kabinen mit eigener Atemluftversorgung. In der gesamten Anlage von der Größe eines mittelständischen Unternehmens arbeiten nur sechs Menschen. Allein der Greifer schafft 24 Stunden am Tag, und das an 365 Tagen im Jahr. Denn der Biogasreaktor kennt keine Feiertage und muss gefüttert werden.

Das Endprodukt: Kostenloser Kompost und Flüssigdünger

In der Komposthalle herrscht leichter, künstlich erzeugter Unterdruck, damit möglichst wenig Geruch nach außen dringt. Entlüftet wird die Anlage über insgesamt zwei Meter dicke Schichten zerrissener Wurzelhölzer. Der Biofilter minimiert die unangenehmen Gerüche auf ein Minimum, tatsächlich auf eine Art Waldduft. In regelmäßigen Abständen muss das Holz erneuert oder im Sommer bei Trockenheit gewässert werden, damit es seine verwandelnde Fähigkeit behält. Geschreddert und gesiebt, metallischer Störstoffe mittels Magnet entledigt, gelangt die braune Masse in die Fermenter. In diesen Gärreaktoren herrschen ein Druck von 30 Millibar, „thermophile“ 55 Grad Celsius und eine anaerobe Atmosphäre unter Luftabschluss. So brodelt und gärt der Biomüll zwei Wochen vor sich hin. Milliarden von Bakterien verstoffwechseln die Brühe und bauen krankheitserregende Stoffe ab. Durch eine Art Bullauge kann man einen Blick werfen in dieses Blubbern. „Wie dunkler Haferschleim – aber das auf einer Länge von 30 Metern.“ Gewaltige Rührwerke unterstützen das Entweichen der Gase aus den Abfällen, das bei der Gärung klimaneutral entstehende Biogas wird dann gereinigt und in zwei Blockheizkraftwerken verfeuert. So werden jährlich rund 8,6 Millionen Kilowattstunden Strom in Ökoqualität ins Netz eingespeist. Das entspricht dem Jahresbedarf von knapp 3000 Haushalten. Durch Kraft-Wärme-Kopplung gewinnt die Biomüllvergärungsanlage auch noch Wärme zur Heizung der Fermenter und zur Trocknung des Klärschlamms im benachbarten Klärwerk.

Nach 14 Tagen verlässt der Biomüll die Fermenter. Die flüssigen Gärreste lagert die AWG in zwei Speichern mit je 3000 Kubikmetern, bis die Landwirte sie abholen, um sie, ohne dass eine weitere Bearbeitung nötig wäre, als Dünger auf die Äcker zu bringen. Die Bauern wissen ihn laut Gerald Balthasar und AWG-Abteilungsleiter Dr. Manfred Siglinger sehr zu schätzen. Kostenlos bleibt er dennoch, denn die Marktposition der Anbieter ist trotz Gütesiegel ungünstig. Jeder Insider weiß, die AWG muss das Zeug früher oder später loswerden, sonst laufen die Tanks über. Die festen Gärreste dürfen noch vier Wochen vor sich hin rotten und sich in Kompost verwandeln. Auch der trägt das Gütesiegel der Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK) und geht kostenlos in die Landwirtschaft oder zur Veredelung der Böden in den Garten- und Landschaftsbau. Privatleute können ihn auf den Mülldeponien Backnang und Kaisersbach umsonst abholen. 10 000 Tonnen Kompost produziert die Anlage jährlich. Trotz der kostenfreien Abgabe spart die AWG mit der Kompostierung bares Geld, denn im Gegensatz zur Restmüllverbrennung in Stuttgart-Münster (140 Euro pro Tonne) kostet die Biomüllverwertung in Eigenregie nur rund ein Drittel (weniger als 50 Euro). Dadurch konnte die Müllgrundgebühr im Rems-Mur-Kreis um vier Euro pro Bürger gesenkt werden.

Plastik im Biomüll

Ein Aufregerthema für die AWG sind die Störstoffe im Biomüll – Plastikfetzen und Metallteile, die alle Prozeduren vom Aussieben bis zum Gären überstehen und als bunte Tupfer die Kompostberge verunzieren. Zwei Müllfahrzeuge sind daher mit Metalldetektoren ausgerüstet, zudem kontrollieren die Müllwerker stichprobenartig die Tonnen, lassen sie gegebenenfalls stehen und verteilen Rote Karten.

Das hat zwar die Zahl der Beanstandungen im Innenstadt-Bereich von neun auf knapp zwei Prozent verringert, dennoch müssen weiter erhebliche Mengen nachträglich aus dem Kompost gesiebt werden. Vollständig gelingt das nicht: Am Ende enthält der Kompost 0,1 Prozent Störstoffe, vor allem Plastik.

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