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Wo landet unser Müll Im Pfuhl unserer Müllsünden

Waiblingen/Stuttgart. Ein Ausflug an die frische Luft war’s nicht gerade, was der Zeitungsverlag Waiblingen seinen Lesern bei der Sommertour ins Restmüllheizkraftwerk Stuttgart-Münster zumutete. Fasziniert blickten sie in den Müllbunker sowie in den Glutofen und staunten, was alles im Restmüll landet, obwohl es nie und nimmer reingehört.

Die Wahrheit über unsere Mülltrenn-Moral liegt im Bunker. In diesem gewaltigen Schlund mit einem Fassungsvermögen von 18 000 Kubikmetern landet der gesamte Restabfall aus Stuttgart, aus dem Rems-Murr-Kreis und aus Esslingen, dazu Abfälle aus weiteren Kreisen Baden-Württembergs, sogar vom Bodensee wird er angekarrt. 420 000 Tonnen Müll kann die Anlage jährlich verarbeiten. Fast im Minutentakt kommen die LKW an, um ihre stinkende Ladung durch Klappen in den Bunker zu kippen. Bevor sie in diese Entlade-Halle einfahren, werden sie in Sekundenschnelle gewogen, abgerechnet wird nach Gewicht. Aus dem Rems-Murr-Kreis bringt die Firma Schäf den gesammelten Müll nach Münster. Die mit ihrer Regionalniederlassung in Waiblingen ansässige Firma Alba ist unter den Anlieferfahrzeugen stärker vertreten. Liefert Schäf direkt mit dem Müllauto, packen die Anlieferer von weiter her ihre Ladung in schwere Brummis.

„Manchmal meint man, es findet gar keine Mülltrennung statt“

Der Bunker erinnert an Dagobert Ducks Geldspeicher – nur, dass er nicht mit Goldtalern gefüllt ist, sondern eben mit Müll. Reinspringen und darin baden wie die reichste Ente der Welt in ihrem Vermögen möchte man eher nicht. Hier lagern die Rückstände unserer Wohlstands- und Überflussgesellschaft. Wobei am anderen Ende der Anlage, wo nach der Verbrennung die Schlacke auf einem Förderband herausbefördert wird, die staunenden Besuchern noch sehen, wie viel Material von Wert sich darin verbirgt. Metall übersteht das Höllenfeuer mit Temperaturen von 900 bis 1100 Grad – die Überbleibsel sind aschene Spraydosen, Büchsen, Messer.

In der grauen, undefinierbaren Masse im Bunker stecken Sperrmüll, große Plastikbehälter, Möbelteile, Reifen, Gewerbeabfälle. Jedes Mal, wenn die Greifer zupacken, ziehen dicke, gelbe Staubwolken durch die schummrige Halle. Eine Riesenhand aus Stahl hebt den Müll nach oben, zieht dabei Folien in die Länge wie zerrissenen Kaugummi, der zehn Meter tiefer im Müll zu kleben scheint. Mit dumpfem Grollen wird ein Laster entladen. Dann lautes Klirren – eindeutig Glas. „Manchmal könnte man meinen, Mülltrennung findet nicht statt“, sagt Ralf Pietzsch, Referent für Öffentlichkeitsarbeit, den Besuchern. Batterien, Elektrogeräte, Energiesparlampen, Nutella-Gläser – all das landet unnötigerweise im Bunker. Mit Sicherheit auch Tierkadaver, womöglich Schlimmeres, niemand kann das genau wissen. Einmal lugte ein Arm aus dem Müll-Meer – er gehörte zu einer Schaufensterpuppe.

Endstation der Schlacke ist das Bergwerk bei Bad Reichenhall

Zwei Greifarme bewegen sich wie von Geisterhand durch die staubige Halde, heben Material nach oben, von wo es in die drei Öfen mit Verbrennungsrosten purzelt. 60 Tonnen Müll pro Stunde können sie verheizen. Die 70 Meter hohen Kessel sind mit einem System 200 Kilometer langer Rohre durchzogen, in das aufbereitetes Wasser gepumpt wird, das sich dadurch auf 500 Grad erhitzt. Regelmäßig werden die Rohre einer Revision unterzogen, denn zum Beispiel durch verbranntes PVC bildet sich Salzsäure, die sie rasch zerfrisst. Dampf aus Müll- und Kohlekesseln treibt gemeinsam zu den Turbinen. Mittels Kraft-Wärme-Kopplung wird die Energie für Fernwärme und zur Stromerzeugung genutzt.

Durch den Verbrennungsprozess reduziert sich das Müllvolumen auf ein Fünftel, Münster ist also noch nicht die Endstation des Rems-Murr-Restmülls. Die liegt unter Tage im Salzbergwerk Bad Friedrichshall-Kochendorf, wo mit der zurückbleibenden Schlacke Hohlräume verfüllt werden. Davor ziehen Magneten in einer Anlage bei Heilbronn die Eisenmetalle aus der Schlacke, und im Zentrifugalverfahren werden weitere Metalle aussortiert. „Im Müll steckt gutes Geld“, sagt Ralf Pietzsch. Das gilt selbst noch für die Schlacke. Manche Bundesländer nutzen sie für den Straßenbau, Baden-Württemberg nicht.

Eine Müllverbrennungsanlage mitten in der Großstadt – ohne aufwendige Rauchgasreinigung wäre das gewiss nicht möglich, selbst wenn der Qualm vom Westwind meistens in Richtung Rems-Murr-Kreis geweht würde. Da könnte der Schornstein noch höher sein als seine 180 Meter. In Elektrofiltern wird der im Qualm enthaltene Staub elektrostatisch aufgeladen und magnetisch entfernt. Dann folgt die nächste Stufe: Auch für Rauchgas gibt’s Waschanlagen mit Nassdusche und Katalysator. Als Salze werden die Schadstoffe entnommen, sie landen wie Staub und Schlacke letztlich im Kochendorfer Bergwerk. Jede halbe Stunde übermittelt die EnBW als Kraftwerksbetreiberin die Emissionswerte an das Bundesumweltamt als Nachweis, dass am Schornstein die gesetzlichen Höchstwerte eingehalten sind. Derweil gibt es aber immer noch genug Länder in Europa, sagt Ralf Pietzsch, in denen Müll einfach im Freien verbrannt oder teilweise gar ins Meer gekippt wird.

Dabei stecken im Müll große Mengen Energie, er hat sogar fast die gleiche Brennleistung wie Braunkohle. Das an das Kraftwerk Stuttgart-Münster angeschlossene Fernwärmenetz misst 300 Kilometer – und wächst. Daimler hängt dran, die neue Stadtbücherei, das Milaneo und eines fernen Tages kommt der S-21-Bahnhof dazu. Der Beitrag zur Stromerzeugung nimmt sich dagegen eher bescheiden aus mit zwischen drei und vier Prozent des Stuttgarter Bedarfs.

Historie

Als „Dampfkraftwerk des städtischen Elektrizitätswerks“ nahm das Kraftwerk Stuttgart-Münster 1908 die Stromerzeugung für die Stadt Stuttgart auf. Mit der verstärkten Elektrifizierung der Bahn wurde ab 1933 bis in die 1970er Jahre zusätzlich Bahnstrom in Münster erzeugt. 1935 begann im Münsteraner Kraftwerk die Fernwärmeerzeugung durch Kraft-Wärme-Kopplung. Erste Kunden waren die Mineralbäder und das Krankenhaus Bad Cannstatt. 1965 nahm die Müllverbrennungsanlage den Betrieb auf.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Stuttgarter Hausmüll mit der Bahn in die Deponie Erbachtal zwischen Waiblingen-Neustadt und -Hohenacker geschafft. Ortskundige Sommertour-Teilnehmer können sich noch an das unangenehme Düftchen erinnern, dass an heißen Tagen über den Ortschaften lag. 2014 wurde der erste Abschnitt der renaturierten Deponie als Park eröffnet.

 

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