Wohnen im Alter Die große Angst vor der Hilflosigkeit

Die Evangelische Gesellschaft stellt Modelle für Wohnen im Alter vor. Foto: dpa

Stuttgart - Wer will schon „artgerechte­ Altenhaltung?“, fragt der Autor Eckhard Rahlenbeck und zeigt das Bild eines Wohnsilos. Gelächter im Saal, Kopfschütteln. Für die rund 80 Zuhörer im Treffpunkt Sozialarbeit bei der Evangelischen Gesellschaft ist dieses Wohnmodell völlig ausgeschlossen. Dann präsentiert der Redner Baupläne für ein neues Wohngebiet. Einfamilienhaus an Einfamilienhaus, in Reihen ausgerichtet, ohne Zentrum, ohne Verbindungen. „In solchen Problemzonen sitzen alte Leute sechs Stunden am Tag vorm Fernseher“, sagt er.

Die Provokation leitet über zu den Gegenentwürfen, die der SWR-2-Journalist als Alternativen ausbreitet – Wohngemeinschaften oder das Co-Housing in Dänemark bis hin zu einer „Begegnungsarchitektur“, wie sie momentan in Tübingen entsteht. Dort ist Eckhard Rahlenbeck Geschäftsführer einer Baugemeinschaft, die im Stadtteil Lustnau neben der denkmalgeschützten Egeria-Textilfabrik baut. 22 Häuser sind dort für 700 Menschen geplant. Wo der Autor selbst einzieht, entstehen 13 Wohnungen für 40 Menschen zwischen 6 und 75 Jahren, darunter sieben betreute Wohnungen für Demenzkranke. Die Häuser sind so angeordnet, dass jederzeit Kontakt zu Nachbarn möglich ist.

Eine Zuhörerin blieb skeptisch: „Für Frauen, die in Altersarmut geraten, sehe ich keine Chance, in Baugemeinschaften investieren zu können.“ Rahlenbeck sieht sich nicht das erste Mal mit dem Vorwurf konfrontiert, es handle sich in Lustnau um ein „Mittelstandsprojekt“, allerdings gebe es ein herausragendes Beispiel in München, wo Bedürftige oder Alleinerziehende von Stadt und Land gefördert würden – „das muss man einfordern“.

Kaum Flächen für Neubauten

Was die Zuhörer außerdem beschäftigte, ist die Frage: Was passiert, wenn eine Wohnung leer wird und ein Nachrücker gebraucht wird? In Tübingen habe sich eine Gruppe zwar ein Vetorecht eingeräumt, sinnvoll sei auch ein Vorschlagsrecht, doch „rechtlich ist natürlich nichts gegen das ­Erbrecht zu machen“, sagt er.

Flächen für Neubauten stehen in Stuttgart selten zur Verfügung. Deshalb sind Modelle wie Generationenhäuser, betreute WGs oder Quartiersprojekte, wie sie von der ehemaligen Stuttgarter Sozialplanerin Gabriele Gern­groß-Haas vorgestellt wurden, beliebte Alternativen. Sie sagt: „Allen Formen ist gemein, dass die Menschen mental beweglicher bleiben und zu Aktivität angeschubst werden.“

Eine Hilfe auf dem Weg zum Wohnprojekt ist beispielsweise der Verein Integrative Wohnformen in Stuttgart, wie Dagmar Lust darlegte. Ihm gehören 15 Wohnbauunternehmen an, die ihre Häuser auf die Bedürfnisse älterer Menschen hin umbauen und ausstatten: Mit einem von Bewohnern geführten Wohncafé, einer Gästewohnung und einer Sozialstation. Dadurch erübrige sich die Betreuungspauschale, die in betreuten Wohnformen mit bis zu 100 Euro zu Buche schlage.

Und was, wenn man ins Pflegeheim muss? Eckhard Rahlenbeck verweist auf die Demenz-Wohnungen und die Möglichkeit, dort ambulante Hilfe zu holen, „aber bei vielen Dingen können wir uns gegenseitig auch selbst helfen“. Ansonsten erhofften sich er und seine Mitbewohner, bis zum Tod im Projekt wohnen zu können. „Ich kann’s nicht voraussehen, ich wage es einfach.“

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