Wohnungsnot im Rems-Murr-Kreis Keine Stellplätze für Tiny Houses in Winterbach

Madeleine Krenzlin am Schreibtisch in ihrem fertigen Tiny House, das insgesamt rund 40 000 Euro gekostet hat. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winterbach.
Stuttgart ist für Mieter die teuerste Großstadt in Deutschland – das verkündete erst vergangene Woche eine neue Auswertung des Forschungsunternehmens F+B. Damit hat Stuttgart sogar München überholt, wo die hohen Mieten im Prinzip schon zum Image der Stadt gehören.

Wie schwer die Herausforderung der stetig steigenden Mietpreise in der Region wiegt, wird an den vielen Einzelbeispielen deutlich, die zeigen, wie die unbezahlbaren Preise das Leben der Menschen beeinflussen. Das von Madeleine Krenzlin zum Beispiel. Sie hat eine ganz besondere Wohnform gefunden, um mit dem schwierigen Wohnungsmarkt umzugehen.

Seit einigen Jahren begleiten wir die Winterbacherin beim Bau ihres Tiny Houses, eines vollwertigen Mini-Hauses auf Rädern. Inzwischen ist ihr Haus fertig und steht auf einem Grundstück in der Nähe von Bonn. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sie von den Tiny Houses erfahren hat und warum ihr Haus nicht in Winterbach bleiben konnte.

Das Tiny House als Wohnmöglichkeit im Rentenalter für die Mutter?

„Meine Mutter wird mit der Rente, die sie einmal bekommt, die Miete für ihre Wohnung im Remstal nicht mehr bezahlen können“, sagt Madeleine Krenzlin. Das war der Grund, warum sie vor einigen Jahren anfing, sich mit kleinen Wohnformen zu beschäftigen. Über einen befreundeten Architekten aus Chile hörte sie dann das erste Mal von den vollwertigen Häusern im Miniaturformat.

In den folgenden Jahren wurde daraus mehr als ein Projekt für die Mutter: „Ich habe das Tiny House für mich entdeckt, weil ich immer viel in der Welt unterwegs war“, erzählt Madeleine Krenzlin. Der Reiz, das Gebäude nach ihren eigenen Gestaltungswünschen umzusetzen, die Freiheit, das Eigenheim transportieren zu können – das passt zum nomadischen Lebensstil der Winterbacherin. Trotzdem sieht die junge Frau die kleinen Häuser nicht als Allheilmittel für die Wohnungsnot im Kreis.

„Es ist aber ein Baustein,“, sagt sie. „Ich würde mir wünschen, dass die Gemeinden im Remstal das erkennen, bevor die Immobilienhaie auf diesen Zug aufspringen.“ Sie habe Wirtschaft studiert und kenne sich mit dem Streben nach Profit aus, aber beim Thema Wohnen sei sie allergisch, denn „Wohnen ist Menschenwürde“.

„Ich kenne wahnsinnig viele Menschen, die ein Tiny House bauen wollen, aber keine in der Umgebung, die es auch tun“, bedauert Madeleine Krenzlin. Weil es an Stellplätzen fehlt. Besonders Singles und alleinerziehende Mütter reden mit der Winterbacherin über das Thema. Das Problem: Im Moment fehlen die rechtlichen Grundlagen.

„Tiny-House-Besitzer wollen ja keine Nutznießer sein und sich billig durchmogeln“

„Es gibt wenige legale Möglichkeiten, um ein Tiny House abzustellen“, sagt die Frau, die sich inzwischen selbstständig gemacht hat und anderen Menschen beim Umsetzen ihrer Tiny-House-Projekte hilft. Ein Baugrundstück zu kaufen kollidiere mit dem Gedanken, dass die Tiny-House-Besitzer in aller Regel irgendwann weiterziehen wollen. Die Möglichkeit, sich auf einem Grundstück einzupachten, scheitere daran, dass es auf dem Markt im Kreis keine entsprechenden Angebote gebe.

„Mir tut es weh, wenn ich durch Winterbach fahre und die vielen ungenutzten Grundstücke sehe“, sagt Madeleine Krenzlin. Grundstücke, die für spätere Bauprojekte oder Enkel aufgespart werden. „Ich würde den Menschen gerne die Angst nehmen, dass die Tiny-House-Besitzer nicht mehr gehen, wenn sie einmal da sind.“ Das sei ja überhaupt nicht deren Mentalität.

Auch sie selbst würde ihr Häuschen gerne für ein paar Jahre in Schorndorf oder Winterbach abstellen – und dann wieder weiterziehen. „Es wäre so einfach“, findet sie. „Tiny-House-Besitzer wollen ja keine Nutznießer sein und sich billig durchmogeln, sondern bezahlen gerne eine Pacht.“

Was in Deutschland laut Madeleine Krenzlin noch fehlt, ist das Konzept eines „Co-Living Spaces“, also eines Ortes, an dem mehrere Tiny-House-Besitzer sich auf einem Platz einmieten können, um dort gemeinsam zu wohnen. Bei einem solchen Konzept gäbe es einen Betreiber, der sich um Genehmigungen kümmert und die Fläche in einzelne Parzellen unterteilt. „Das ist bei uns nicht legal möglich“, so Madeleine Krenzlin.

„Wir haben noch vier Jahre Zeit“

Ihr fertiges Tiny House hat ein vorübergehendes Zuhause auf einem Grundstück in der Nähe von Bonn gefunden. Auf dem Wochenendplatz stehen kleine Holzhäuser, zum dauerhaften Leben ist er aber eigentlich nicht gedacht. „Das ist eine Grauzone“, sagt sie. Sie ist in Schorndorf gemeldet und arbeitet zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade in Barcelona. „Ich bin manchmal in Schorndorf und manchmal in Bonn“, sagt sie. In ein paar Jahren will sie weiterziehen. „Für mich ist das so okay, aber wenn man eine Familie und einen festen Arbeitsplatz hat, dann geht das natürlich nicht.“

Eine Lösung für die Frage, wo ihre Mutter im Alter wohnen kann, hat Madeleine Krenzlin noch nicht gefunden. Das Tiny House darf ja nirgends dauerhaft stehen. „Das haben wir noch nicht geknackt“, bedauert sie. Im Moment beschäftigt sie sich mit dem Thema Wohnmobil. Vielleicht könne die Mutter ja in ein solches ziehen und dann abwechselnd bei Familienmitgliedern im Hof parken.

„Wir haben noch vier Jahre Zeit“, sagt Madeleine Krenzlin. „Bis dahin müssen wir eine Lösung gefunden haben.“


Info

Wer ein Grundstück hat, das er an Tiny House-Besitzer verpachten möchte, kann sich unter hallo@indiviva.de gerne an Madeleine Krenzlin wenden.

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