Wohnungsnot im Rems-Murr-Kreis Werden Migranten bei der Wohnungssuche diskriminiert?

Sarra A. will in der Nähe ihres Sohnes leben. Foto: ZVW/Gülay Alparslan

Waiblingen. Sarra A. ist frustriert. Mittlerweile sucht die 41-jährige Tunesierin seit über neun Monaten nach einer Wohnung in Waiblingen. Über hundert E-Mails hat sie verschickt, fünfzig Telefonate geführt. Sie hat Freunde und Bekannte aktiviert, Kontakte zu Immobilienmaklern geknüpft. Vergebens. Sie hat bisher keinen einzigen Besichtigungstermin bekommen.

Ihre Eltern stammen aus Tunesien, Sarra A. spricht akzentfrei Deutsch. Geboren wurde sie in Kiel. Ihren Lebensunterhalt verdient sie in einer Betriebskantine in Fellbach. Warum sich bisher nichts ergeben hat, kann Sarra A. sich nicht erklären. In Telefongesprächen mit potenziellen Vermietern werde sie zwar nach ihrem Familienhintergrund gefragt, doch die Unterhaltungen verliefen ihrem Gefühl nach fast immer positiv.

Bisweilen beschleicht Sarra A. das Gefühl, es könnte mit ihren tunesischen Wurzeln zusammenhängen. Damit ist sie nicht alleine. Rund 70 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland fühlen sich laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2014 bei der Wohnungssuche benachteiligt. Eine tatsächliche Benachteiligung nachzuweisen ist aber sehr schwer. Für den Rems-Murr-Kreis gibt es keine belastbaren Daten dazu. Jedoch lässt sich in einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2016 nachlesen, dass „befreit von ökonomischen Zwängen Diskriminierungen deutlicher zutage treten würden“. Das heißt, gibt es viele Bewerber, können sich Vermieter aussuchen, an wen sie vermieten.

In Waiblingen bleiben will Sarra A. trotzdem, ihrem achtjährigen Sohn zuliebe. Er lebt bei seinem Vater in Waiblingen, besuchte bis vor kurzem seine Mutter regelmäßig. Das hat sich geändert, seit Sarra A. wegen eines Jobwechsels aus der Betriebs-Wohnung übergangsweise in eine WG umziehen musste. Dort fühlt sich ihr Sohn wegen der fehlenden Privatsphäre nicht wohl. Sarras Räumlichkeiten beschränken sich derzeit auf fünfzehn Quadratmeter. Sie fürchtet, ihren Sohn deswegen zu verlieren.

Der Umstand, dass Sarra A. einen Sohn hat, scheint ein weiteres Problem bei ihrer Suche zu sein. „Viele wollen lieber einen Hund oder eine Katze als ein Kind“, sagt sie. Ihr Sohn sei jedoch das Wichtigste in ihrem Leben. Sie wäre bereit, nach Fellbach, Rommelshausen, Sommerrain oder Cannstatt zu ziehen, aber noch weiter weg von ihm wolle sie auf keinen Fall. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung würde ihr vollkommen genügen. Dort würde sie ein Zimmer hübsch für ihn herrichten – damit er wieder gerne zu ihr kommt.

Sieben Familien, sieben Schicksale, ein Problem: Sie alle suchen eine Wohnung. Ob zur Miete oder zum Kauf. Der Wohnungsmarkt ist leergefegt, die Preise gehen durch die Decke. Wir stellen Wohnungssuchende vor, die stellvertretend für die Tausende stehen können, die im Rems-Murr-Kreis eine neue Bleibe brauchen. Mehr Artikel unserer Serie zum Thema "Wohnungsnot im Rems-Murr-Kreis" finden Sie unter zvw.de/wohnungsnot

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