Wohnungspolitik Wohnungsbau braucht Vorfahrt

Großstädte wie Stuttgart werden immer beliebter. Die steigende Nachfrage nach Wohnraum lässt die Preise steigen. Daran sei auch die Politik schuld, sagt die Wohnungswirtschaft und fordert ein Umdenken. Foto: Mierendorf

Stuttgart - Den Politikern in Bund und Land dürften diese Woche die Ohren geklingelt haben. Die Schelte der baden-württembergischen Wohnungswirtschaft an der Energie- und Sozialpolitik zog sich wie ein roter Faden durch den 15. Immobilienkongress. Veranstaltet hatten den Kongress die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen HfWU in Zusammenarbeit mit dem vbw Verband der baden-württembergischen Wohnungswirtschaft im neuen IHK-Gebäude in Stuttgart. Im Fokus der Kritik der Wohnungswirtschaft viel Altbekanntes: zu viele Vorschriften und Gesetze, zu wenig Flexibilität bei der Umsetzung und fehlende finanzielle Anreize für den Bau neuer Wohnungen.

Für Axel Gedaschko, Präsident des GdW Gesamtverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, führen die aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen nur dazu, dass die Belastungen von einem Marktteilnehmer auf einen anderen abgewälzt würden. Dabei wäre es sinnvoller, sich einmal anzuschauen, welche Kosten das Wohnen wirklich teurer machten. Die Kostentreiber hat der GdW auch schon ausgemacht: Der Staat würde durch ständig steigende energetische Anforderungen und die Kommunen durch die Anhebung de Grundsteuer-Hebesatzes mit dafür sorgen, dass Wohnen immer teurer werde. Die Mehreinnahmen müssten die meisten Kommunen dazu nutzen, um jene strukturellen Defizite zu beseitigen, die durch die staatlichen Maßnahmen erst entstanden seien.

Politik für bezahlbares Wohnen

Auch die Mietpreisbremse werde daran nichts ändern. Die Überregulierung werde vor allem dem ländlichen Raum schaden, weil deren größter Vorteil, nämlich günstigere Mieten, dadurch wegfalle. 'Wir brauchen in Deutschland auch eine geografisch differenzierte Objektförderung mit Inves­titionszuschüssen und Abschreibungsmöglichkeiten', fordert Axel Gedaschko. Guido Rebstock, der in Vertretung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann über 'Politik für bezahlbares Wohnen' sprach, machte auf dem Kongress indes deutlich, dass die Landesregierung für großzügige Geschenke an die Wohnungswirtschaft keinen Anlass sehe. Es gebe aus­reichende Fördermöglichkeiten für den sozialen Wohnungsbau. Doch die würden nur selten abgerufen, stellt er fest. Für Robert an der Brügge, seit Mai dieses Jahres neuer Verbandsvorsitzender des vbw, sei die Wohnungswirtschaft schon immer der preispolitische Dämpfer auf dem Mietwohnungsmarkt gewesen.

Allerdings werde es auch für die vbw-Mitgliedsunternehmen immer schwieriger, den Spagat zwischen den gesetzlichen Anforderungen an die energetische Sanierung und dem Wunsch nach sozialen Mietpreisen zu realisieren. Allein die baden-württembergischen Wohnungsunternehmen würden jedes Jahr rund eine Milliarde Euro in die Modernisierung ihres Bestandes investieren. 'Da können wir keine Überrenditen erwirtschaften.' Die Erträge der Wohnungswirtschaft kämen schon lange nicht mehr nur aus den Mieteinnahmen. Viele Wohnungsunternehmen würden die Mieten mittlerweile über andere Geschäftszweige wie die Tätigkeit als Bauträger subventionieren. Dass die Fördermittel des Landes von den privaten Wohnungsunternehmen nur selten abgerufen werden, liege einfach daran, dass die Unternehmen rechnen könnten. 'Bei den energetischen Vorgaben für die Zuteilung der Mittel ist die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben', so der vbw-Verbandsvorsitzende.

"Die Politik bestellt stets das Beste, trägt aber nicht die Kosten"

Robert an der Brügge ist sich deshalb auch sicher, dass die Verknappung von Wohnraum in den Ballungsräumen weiter zunehmen werde, 'wenn der Wohnungsbau in Deutschland nicht endlich Vorfahrt hat'. Davon hat er auch schon eine klare Vorstellung: 'Schnellere Genehmigungsverfahren und eine öffentliche Hand, die auch bezahlbare Grundstücke für den Wohnungsbau zur Verfügung stellt.' 'Die Politik bestellt stets das Beste, trägt aber nicht die Kosten', kritisiert Thomas Wolf vom Bau- und Wohnungsverein Stuttgart. So seien allein in den zurückliegenden sieben Jahren die Preise für Instandhaltungsmaßnahmen aufgrund der gesetzlichen Auflagen um über 50 Prozent gestiegen. Andererseits würden einige Kommunen den Kauf städtischer Grundstücke so mit Auflagen vollpacken, dass das Grundstück selbst zum halben Preis nicht mehr wirtschaftlich sei.

Das habe dazu geführt, dass zum Beispiel in der Landeshauptstadt die reinen Baukosten ohne Grundstück bei fast 3000 Euro pro Quadratmeter angekommen sind. Bei einem angenommenen Mietpreis pro Quadratmeter von elf bis zwölf Euro könne sich aber jeder ausrechnen, dass bereits bei einem Baukostenanteil von 2800 Euro die Grenze der Wirtschaftlichkeit erreicht sei. Einer konnte sich dann am Ende der Veranstaltung doch noch freuen. Professor Werner Ziegler, ehemaliger Rektor der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, wurde vom Freundeskreis des Studiengangs Immobilienwirtschaft der HfWU die Verdienstmedaille des Vereins verliehen.

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