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Zeltspektakel 2017 Das Winterbacher Wunder: Eine Analyse

Winterbach. Es ist rum, das Zeltspektakel. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Rems über die Ufer tritt. Was jetzt nicht heißen soll, dass ein zürnender Gott Anlass hätte, einen Sündenpfuhl wegzuwaschen. Vielleicht hat der da oben zum Ende hin aus Wehmut geweint.

Am Dienstag gegen halb sieben am Abend, als der Himmel sich ausschüttete und im Biergarten die ersten frühen Gäste fürs Wecker-Konzert unter den Schirmen zusammengluckten, stand der Fußweg vom Zeltnebenausgang zu den Toiletten böse unter Wasser. Ein Jemand aber, das Gesicht unter der Anorakkapuze kaum zu erkennen, stapfte eben dort schmatzenden Schrittes durch den Schlick, kippte Rindenmulch in die Kuhle und strich mit dem Rechen das notdürftig gerichtete Gelände glatt, auf dass jede und jeder einigermaßen trockenen Fußes zur Erleichterungsstätte gelange.

Der Jemand entpuppte sich bei genauem Hinsehen als: Steffen Clauss, Chef der Kulturinitiative Rock. Äh, das ist jetzt aber nicht normal, dass Sie sich nicht zu schade sind, diese Drecksarbeit zu erledigen?!

24 500 Karten wurden verkauft

Clauss lugte unter der Kapuze vor und schaute drein, als verstehe er die Frage nicht. „Doch“, antwortete er schließlich, „das ist normal. Bei uns ruht sich keiner aus. Ich bin gelernter Maurer, mit dem Rechen kann ich umgehen.“ Anderthalb Stunden später stand er vor 3000 Leuten auf der Bühne und sagte Konstantin Wecker an. Es sind Szenen wie diese, die einen begreifen lassen, was den ganz besonderen Geist des Zeltspektakels ausmacht.

Das ist die Bilanz 2017: „Hoch zufrieden“ sei er, sagt Clauss nach acht Tagen im Achtmaster. Mit 24 500 Karten ist ein absoluter Rekord eingefahren, fast 6000 mehr zur Bestmarke bisher. Zwar war das Wetter nicht stabil, mal allzu heiß, mal versifft – dennoch schätzt Clauss die Biergarten-Getränkekassenlage gar nicht so schlecht ein. Geregnet hat es oft erst später, wenn die meisten im Zelt waren. Und viele waren danach für die Abkühlung dankbar. Den Dampf in der Manege muss man ja mögen.

Das Winterbach-Wunder

Mit wem man auch spricht, viele schütteln erst den Kopf und legen dann los: Also, dass es so was in einer kleinen Gemeinde gibt. Dass sich da so viele Menschen von außen in Listen eintragen lassen, dass es da genug Vereinsmitglieder gibt, die ihr ganzes Know-how, das sie etwa von der Arbeit haben, fürs Management der vielen Gruppen und Dienstleister verwenden. Das ist das Winterbach-Wunder. Und dann noch für so zivile Preise. Schaut fast nach einer öffentlichen Grundversorgung aus mit Kultur- und Unterhaltungsgütern.

Wenige sagen: Ja, toll – aber musikgeschmacklich ließe sich noch was draufsetzen. Für die wirklich Jungen sei eher nichts dabei. Und hey, wo seien die neueren Heroen des Postrocks, des Postpunks, der gewinnenden Geräuschemacherei? Gemach. Die Winterbacher setzen ihr Publikum durchaus auch Zumutungen aus. Ein Caterer, der sich auf Maultaschen spezialisiert hat, klemmt die Teigtasche gern zwischen Laugenweckle-Hälften, da kennt der nix. Und was die Jugend betrifft: Die Beginner zogen durchaus junges Volk, das Zelt bebte.

Kommerziel und künstlerisch kluger Schachzug

Intern durchaus für Debattenstoff sorgte die Programmausrichtung – letztlich hat sie sich als ein Schlüssel zum Erfolg erwiesen. Sich „breit aufzustellen“, nicht nur auf das Winterbacher Herzens-Genre Bluesrock und Artverwandtes zu setzen, das habe sich bewährt, bestätigt Bernd Waldheim von der Rock-Ini. Letztlich haben die Frequenzbringer von Amy MacDonald bis Dieter Thomas Kuhn die Classic-Rock-Nächte mit Uriah Heep oder Golden Earring mitgetragen und möglich gemacht. Und an den beiden Schluss-Tagen das Zelt zu bestuhlen und auf Kleinkunst mit Martina Schwarzmann und Willy Astor beziehungsweise auf einen deutschen Klassiker namens Wecker zu setzen, hat sich kommerziell wie künstlerisch als kluger Schachzug entpuppt.

Abgesehen von der Berühmtheit einzelner Künstler – zum Publikumserfolg hat wohl auch die Strahlkraft beigetragen, die dieses Festival an sich mittlerweile hat. Hierher kommen auch Leute, die vor allem das Flair mitnehmen wollen; am Dienstag sagte eine Besucherin zur andern beim Rausgehen: „Ich weiß gar nicht, was ich die nächsten Tage machen soll, wenn’s vorbei ist.“ Das Zelt ist ein Hauptdarsteller, nicht nur eine Bespiel-Lokalität, die freundlichen Security-Leute und entspannten Ausschankhelfer sind wichtige Mitspieler, nicht nur Komparsen. Die Ini-Macher ernten jetzt die Früchte, die sie ein Vierteljahrhundert lang gepflanzt haben. „Viel Lehrgeld“ haben sie gezahlt, räumt Steffen Clauss freimütig ein – gewachsen ist dabei ein immenses Veranstalterwissen.

Ehrenamts-Initiative meistert Großunternehmung

Das Zeltspektakel ist eigentlich eine Unmöglichkeit: eine betriebswirtschaftliche, logistische, organisatorische Großunternehmung mit wohl siebenstelligem Etat, die top-professionelles Know-how erfordert – und von einer Ehrenamts-Initiative gemeistert wird. Das Publikum spürt das und reagiert feinnervig: Als sich am Dienstag vor dem Wecker-Konzert der zehnköpfige Ausschuss zum Gruppenfoto auf die Bühne stellte, brandeten Ovationen durchs Zelt.

Alle zwei Jahre wieder. Man muss an 2019 denken, und dass da dann im Remstal sowieso ein großer Rummel sein soll. Die Gartenschau. Wobei: Die großen Knaller finden sich noch nicht in den Plänen der Kommunen. Winterbach will die Rems erlebbar machen. Aber das wollen alle. Deshalb könnte die Losung und auch die Lösung heißen: Das Zeltspektakel macht den Mittelpunkt, für acht, neun, zehn Tage. Und wird dafür endgültig zur Angelegenheit aller; soweit die Rock-Ini das will.

Multimedia-Report auf www.zvw.de/zeltspektakel2017

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