Zeltspektakel 2017 Die Nacht der glänzenden Augen mit Konstantin Wecker

Winterbach. Manche hatten ihn schon in die Schublade mit der Aufschrift „Peinliche alte Säcke“ gesteckt, und dann so was: Konstantin Wecker, 70, und seine fantastische Band haben dem Winterbacher Zeltspektakel am letzten Abend die Krone aufgesetzt.

Dass hier und heute in dieser verregneten Winterbacher Nacht etwas Besonderes in der Luft liegt, dass dieses Konzert die Leute aus den Sitzen reißen wird, lässt sich früh ahnen. Eine gute Stunde hat Wecker gespielt, die Band wirft sich ins Lied „Was keiner wagt“, der Sänger schmettert mit einem Pathos, das sich tatsächlich sonst niemand getraut, „wo alle geizen, wagt zu schenken, wo alles dunkel ist, macht Licht“, danach verbeugt er sich, tritt ab, der Applaus ordnet sich zu rhythmischem Klatschen, die Leute wollen mehr, Wecker kehrt zurück – und bevor er gleich wieder in der Kulisse verschwindet, lacht er verwundert: Es sei doch nur „Pause, natürlich“.

Wecker war immer einer wie keiner

Großartig ist Konstantin Wecker seit jeher: Seine Lyrik, die Agitprop („Steh auf und misch dich ein, sage nein!“) genauso kennt wie intime Bekenntnisse („Du warst es, die das Ungereimte in mir zu einem Vers verband“); seine Musik, die so viel Wissen um deutsche Romantik und Kunstlied in sich trägt; sein Gesang, dieser stilvoll verwilderte Heldentenor; das hochdynamische Klavierspiel, das klassische Arpeggien und kantige Jazz-Akzente paart: Wecker war immer einer wie keiner. Nur hatte das bisweilen etwas Prahlerisches. Er gab den Sensibilissimus, er gab den Berserker, hört her, wie tief ich fühlen kann, und schaut, ich kann vor Kraft kaum laufen!

Wucht und Feinnervigkeit, Zorn und Zärtlichkeit

Alles, was Wecker ausmacht, ist da an diesem Abend, die Wucht, die Feinnervigkeit. Aber was früher manchmal unverbunden aneinanderstieß, findet heute bruchlos zueinander. Er lässt vom Band eine knisternde alte Aufnahme einspielen: Ein Kind und ein Mann schmettern eine Arie aus einer Puccini-Oper – es sind der Bub Konstantin, der den Sopran-Part übernimmt, und sein Vater. Dieser Vater war Pazifist und Antifaschist in der Hitlerzeit, danach erfolgloser Musiker und Maler, 1914 geboren und gleichwohl als Erzieher „antiautoritär“. Solche biografischen Reminiszenzen helfen, den ganzen Wecker zu verstehen; sein Zorn, seine Zärtlichkeit und seine Musikalität: All das speist sich aus derselben Quelle.

Mit 70 Jahren phänomenal gut bei Stimme

Wecker heute wirkt ganz bei sich und – Entschuldigung, großes Wort: – weiser geworden. Federnd schreitet er die Bühne ab, das Haar weiß, die Hand in der Hosentasche, um den Hals eine Friedenskette in Regenbogenfarben. Hinter sich hat er eine sagenhaft flexible fünfköpfige Band, jeder spielt mindestens zwei Instrumente, die Cellistin wechselt zum E-Bass, der Geiger haut auf der Gitarre ein Solo raus. Feinziselierte Kammermusik gelingt ihnen so mühelos intensiv wie derber Blues, sie malen mit Dissonanzen avantgardistisch zersplitternde Landschaften und im nächsten Moment ein regelrechtes Seestück aus Klang, in dem man die Brandung tosen hört und die Wolken sich türmen sieht. Die Band tut Wecker gut, sie trägt und treibt ihn: Der Mann, der früher am Klavier zu etwas gschlamperter Virtuosität neigte, spielt mit solchen Könnern im Rücken nuancenreicher und konzentrierter. Dazu ist der Kerl, mit 70 und nach manchen schlimm verkoksten Jahren, man fasst es nicht: phänomenal gut bei Stimme. Und findet zu mehr Feintönungen zwischen Wispern und Aufdonnern denn je.

„Lasst uns lieben, und besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit!“

All das: genug und mehr. Zum Ende hin aber verwandelt dieses Konzert sich in eine regelrechte Stärkungsmesse, einen großen Ermutigungsgesang. Gegen die Parolen, die den rechten „Menschenfängern wieder aus den Mäulern sprudeln“, singt Wecker sein „Lasst uns lieben, und besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit!“ Gegen die Gier – „An der Börse wird ein Gesslerhut platziert“ – setzt Wecker sein „Empört euch, beschwert euch und wehrt euch!“ Gegen den Nationalismus, diese „lebensbedrohliche Seuche“, besteht er darauf: „Woher wir auch stammen, wir sind eins und zusammen.“ Und: „Ich habe einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein, alle, die fliehen vor Hunger und Mord, und wir lassen keinen allein.“

„Nennt mich gerne einen Spinner, Utopisten und naiv.“

Ja, natürlich ist das dick aufgetragen und – zumindest nach den kleinmütigen Sortiermaßstäben der politischen Tagesrationalität – verrückt in seiner pazifistischen, humanistischen, anarchistischen Radikalität, Wecker reflektiert das sogar selber: „Nennt mich gerne einen Spinner, Utopisten und naiv.“ Aber na und? Es ist in sich stimmig an diesem erhebenden Abend: Von einer „grenzenlosen Welt, in der ich leben will“, singt Wecker, und tatsächlich pulverisiert dieses Konzert in seiner Musizierlust, seiner Gefühlsdichte, seiner schieren Länge – dreieinhalb Stunden, bis halb zwölf Uhr nachts – alle Grenzen des Gängigen.

Irgendwann gibt es die Standing Ovations, die schon vor der Pause in der Luft lagen, die Leute setzen sich wieder, springen nach dem nächsten Lied erneut auf, und nun hält es keinen der 3000 mehr im Sitz. Wecker steigt von der Bühne, schlendert singend durchs Zelt, vorbei an Menschen, die minutenlang nicht aufhören können zu lächeln vor Beseeltheit, Augen glänzen, einer Frau laufen die Tränen runter, „Buona notte, amore mio“, schwelgt der Sänger, ein italienisches Schlaflied, „buona notte per voi“, und noch immer ist es nicht vorbei. Ein allerletztes Gedicht: „In der Zeit muss alles sterben, aber nichts im Augenblick.“

Wecker ist von gestern? Er ist genau richtig fürs Hier und Heute.

Alles zum Zeltspektakel finden Sie in unserem Multimedia-Report unter www.zvw.de/zeltspektakel2017

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