Zeltspektakel 2017 Golden Earring: Die Sekundärtugenden des Rock’n’Roll

Winterbach. Pünktlich wie die Maurer hat Golden Earring im Winterbacher Zelt ihr Konzert begonnen. Zuverlässig, doch keineswegs lustlos spielten die fünf Holländer ihre Hits. Darunter natürlich auch ihren größten. „Radar Love“. Satte 15 Minuten Nostalgie.

Video: Redakteur Martin Winterling trifft sich mit seinem Freund Rainer Pietsch um nach 46 Jahren noch einmal Golden Earring live auf der Bühne zu sehen.

Die älteren Herren auf der Bühne haben sich gut gehalten. Respekt. Golden Earring ist immerhin seit 1961 im Geschäft – länger als die Rolling Stones. Und seit den 70er Jahren diszipliniert in derselben Besetzung. Dass die Sekundärtugenden Höflichkeit, Zuverlässigkeit und Ordnung Einzug in die Rockmusik gehalten haben, dafür sind Golden Earring ein quicklebender Beweis. Von Pünktlichkeit haben Golden Earring einst nämlich nicht viel gehalten, damals im Oktober 1971 in der alten Stadthalle Ludwigsburg.

Um 22 Uhr sollte der 15-Jährige zu Hause sein, so lautete die elterliche Ansage (was sonst kein Problem in Ludwigsburg war, weil in der Barockstadt der Hund begraben war). Um 22 Uhr packte die Stuttgarter Vorband „Waterloo“ gerade erst ihre Instrumente ein ... Nichts war es mit der Sekundärtugend Gehorsam. Sie galt es abzuwägen gegen die Tugend Sparsamkeit. Man gab schließlich keine fünf Mark für die Vorband aus. Die Eltern zeigten Verständnis, was ja ebenfalls als Tugend gilt.

Golden Earring hat treue Fans

Es war die pure Nostalgie, weshalb sich der Autor 46 Jahre später erneut auf den Weg zu Golden Earring machte. Mit dabei sein Freund Rainer aus der Nähe von München, der ihm schon 1971 in der Stadthalle Ludwigsburg Gesellschaft leistete und das Golden-Earring-Plakat von einst bis heute in Treue verwahrt. Treue. Noch so eine Sekundärtugend. Golden Earring hat anhängliche Fans. Freilich nicht mehr so viele, um das riesige Zelt zu füllen. Aber Dutzende Hände schossen nach oben, als Sänger Barry Hay ins Publikum fragte, wer die gern durch den Süden Deutschlands tourende Band schon einmal gesehen habe. Darunter die Hand des Autors dieser Zeilen. Golden Earring war sein erstes großes Rockkonzert. Das erste Mal vergisst man nicht.

Die Erinnerungen an den Auftritt von damals sind etwas verblasst. Tief eingeprägt hat sich das ausgeflippte Solo des schlacksigen Bassisten Rinus Gerritsen, eines der Gründungsmitglieder der Band von 1961. Mit seinem weißen Doppelhals-Bass zeigte Gerritsen nun beim Zeltspektakel, dass Soli nicht von gestern sein müssen, aber zu ehrlicher Rockmucke gehören – na ja, so wie Käse zu Gouda. Schlagzeuger Cesar Zuiderwijk ließ sich solistisch ebenfalls nicht lumpen und legte bei „Radar Love“ mit einem imposanten Alleingang mit seinen Stöcken los und warf diese – wie es sich gehört! – in die Menge. Zuiderwjiks Kollegen zogen sich währenddessen dezent von der Bühne zurück und ließen ihren Drummer ackern und rackern. Radar Love hat was, noch immer. Unverkennbar der Anfangsriff. „I’ve been drivin’ all night, my hand’s wet on the wheel.“ Treibend der Rhythmus.  „There’s a voice in my head that drives my heel ...“ Wenn bei einer Party „Radar Love“ die Schlaffis nicht von den Sofas holte, schaffte es auch kein „Whole Lotta Love“.

46 Jahre später: Beeindruckende Lebendigkeit

„Radar Love“ war natürlich der Höhepunkt des Konzerts beim Zeltspektakel. Mit „Twilight Zone“, „45 Miles“ oder „ The Devil made us do it 35 Years“ hatten Golden Earring zuvor die akustischen Erinnerungen aufgefrischt und die Erwartungen des Publikums erfüllt. Der Sound im Zelt war okay. Eine Zugabe. 21.20 Uhr war Schluss. Als Top Act angekündigt – „Golden Earring“ ist Eyecatcher auf den Plakaten fürs Zeltspektakel –, spielten die Holländer quasi als Vorband für die Kenny Wayne Shepherd Band, deren Mitglieder die Söhne von Hay, Gerritsen, Zuiderwjiks und dem Leadgitarristen George Kooymans sein könnten. Die Shepherds machen die Musik, die man als die Keimzelle der Winterbacher Kulturinitiative Rock bezeichnen darf: Bluesrock.

Die alten Recken des Rock’n’Roll wollen offenbar nicht nur früh zu Bett, sie haben es auch sonst nicht leicht und können es keinem recht machen. Wer zu Golden Earring – oder am Sonntag zu Uriah Heep und den Hooters – pilgert, will die alten Lieder hören, horcht bei „45 Miles“ auf und singt „Twilight Zone“ mit. Mit Stücken von jüngeren Alben, sofern es welche gibt, könnte das Publikum sowieso nichts anfangen. Zum Dank wird den Rockheroen der Vorwurf um die Ohren gehauen, nur die im Oldie-Sender SWR 1 schier zu Tode genudelten größten Hits aller Zeiten abzuspulen. Sei’s drum. Wir waren beeindruckt von der Lebendigkeit von Golden Earring. 46 Jahre später. Mit solcher Frische wird man gerne alt. Rainer zeigte sich übrigens nach Golden Earring „enthusiasmiert“. Zu Sekundärtugenden zählen Begeisterungsfähigkeit und Enthusiasmus nicht. Sollten sie aber.


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