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Zeltspektakel 2017 Willy Astor und Martina Schwarzmann beim Zeltspektakel

Winterbach. Kabarettistische Meisterstücke kommen oft aus Bayern. Der Blick in das All des Humors scheint dort besonders geboten. Mag’s an der sonstigen Weitblickbegrenzung durch Berge oder den ewigen bayrisch-politischen King- Size-Horizont liegen. Der schönsten Stadt Deutschlands kann das schnurz sein.

Beim Winterbacher Zeltspektakel genossen 3000 Besucher einfach einen zollfreien Lachimport erster Verbrauchergüte. Dort waren die bayrischen Comedians Martina Schwarzmann und Willy Astor zu Gast auf der legendären Winterbacher Wiesn.

Die beiden einigt nicht nur ihre witzelnde Sicht auf die Dinge, sondern auch ein bedeutendes musikalisches Vermögen, dichterische Lust und der spitzbübisch getarnte Hang zur Seelentiefe. Beide auch greifen sie in ihren Bühnenprogrammen mit vollen Händen ins Themenreich des Alltags. Und der erreicht, in Überschallgeschwindigkeit, so mir nix, dir nix, dann in ihren Liedern und Texten vorzügliche Bühnenreife.

Größe und Gewicht gehören in die Todesanzeige

Den Vortritt am Abend hatte Martina Schwarzmann. Brav gescheitelt, mit Zöpfchendutt im Nacken, gewandet in ein zartgeblümtes beige Kleid der 70er und die Gitarre im Schlepptau, präsentierte sie ihr Programm „Gscheid gfreit“. Glückstage finden sich immer, ist ihr Motto: „Des Kleid is a Flohmarktfund. Mei, do is in de 70er Jahr eine gstorbn, die hot exakt mei Größn ghabt. Was a Glück.“ Und raisonniert weiter: „Überhaupts sollt mr des machn, Größe und Gewicht in der Dodesanzeige mit angebn. Do könnt mr sich dann auf ein Schlag komplett ausstattn. Des wär gescheid und a Freid für viele!“

Die Mutter dreier Kinder, in Oberbayern beheimatet, schüttelte ihn einmal kräftig durch, den Kinder-Mütter-Frau-Alltag, und schon glänzten die schlimmsten grauen Stunden der Hausarbeit auf der Showtreppe ihrer kabarettistischen Schleuderrevue im herrlichsten Rampenlicht. Angereichert mit zarter Poesie, ohne Scheu vor derbem Witz, in hintergründigen humorigen Farben oder einem phänomenalen Wortwitz, der sich gewaschen hat, spazierte sie durch die Nutzungslandschaft, die eine Familie eben so gestaltet.

Dauerausnahmesituation „Familienleben“

Bösartig kann sie sein. Im Lied für „Dante Helga“ zum Siebzigsten beispielsweise („das ich ihr schon zum 60. schreiben wollte. Aber da war I no net so weit. Heit aber bin I nimmer vom Erbe abhängig“). Oder in ihren Berichten von Familienfeiern: “Die Verwandten sind schon auf der Welt, wenn man selbst dazukommt“. Da muss man dann halt durch. Und nach Familientreffen („unangenehm, wenn mr dabei sitzn muss, aber au interessant“), auf denen ausführlich Darmspiegelungen, der neue Thermomix und die Wechseljahre beackert wurden, „will mr nur noch aufs Kanapee flaggn und sei Rua ham. Heut derschlagst es, aber du bist schließlich in die Familie reingeborn, weil du´s packst!“

Bei der großartigen Martina Schwarzmann wird Last zur Lust wie Wasser zu Wein und die Dauerausnahmesituation „Familienleben“ befreiend humoristisch kultiviert. Großzügig geht sie mit deren Niederungen um („Zehn Prozent der Lebensmittel kauf I für untern Tisch. Aber I kehr nimmer glei raus. Am nächstn Tag is des trocken, do geht des viel leichter“) und macht letztendlich allen a gscheide Freud an ihren familiären Eigenstudien.

„Wegen der Nervosität“

Willy Astor, selbsternannter „Unverrichter der Dinge“, begann mit einem eigens für Winterbach komponierten Song, den er, eigentlich für eine Zugabe vorgesehen, dann doch gleich loswerden wollte („wegen der Nervosität“). „Oh Winterbach, du bist so, wie du bist“. „Des is a kurzes Liad“, konstatiert er in das Gelächter der Zuschauer, gewonnen hat er allemal. Winterbach war bauchgekitzelt. Und präpariert für seinen Humor, der nachfolgend im Staccato und aberwitzigem Telegrammstil – dabei völlig unangestrengt – über die Bühne raste. Kaum saß der eine, haute Astor den nächsten Wortwitz in die Ohrgänge der Menge, unmöglich archivierbar in der Stunde des Auftrittsgeschehens. Aber nachzulauschen auf CDs, deren Titel ihn kennzeichnen wie die Daten seines Personalausweises: „Gehe hin und Mehrrettich“, „Evergrins“ oder „Kindischer Ozean“. Astor hebt ausdauernd und anhaltend Schätze im Silbensee, bricht dabei Bahnenrekorde der Pointe in Dauerschleife und - um mit seiner Kollegin Schwarzmann zu sprechen - wer Glück hat, kommt. Die Zeltbesucher kamen.

Und gingen dreieinhalb Stunden später - Lachschwaden hinter sich herziehend - nach Haus. Gscheid gfreit und Glückstag für Winterbach und sein wunderbares Zeltspektakel.


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