ZF Automotive AG in Alfdorf Mehr Sicherheit im Auto, bevor's kracht

So ein Dummy muss viel aushalten. ZF in Alfdorf hat in seinem Crashlabor 45 mit mehr als 100 Sensoren gespickte Dummies im Einsatz. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Alfdorf. Gurte, Airbags oder Knautschzonen im Auto helfen zu überleben, wenn's kracht. Sicherheit geht aber weit darüber hinaus. Die Ingenieure bei ZF Automotive in Alfdorf denken schon heute über Sicherheitssysteme nach, die ins Verkehrsgeschehen eingreifen, bevor es zum Unfall kommt. Ganz neue Anforderungen an die Sicherheit stellt in Zukunft das autonome Fahren.

Ein Augenzwinkern – und es ist vorbei. Mit 56 km/h sind die beiden Dummies gegen eine Wand gekracht. In Bruchteilen einer Sekunde öffneten sich die Airbags und wurden die Sicherheitsgurte gespannt. Drei solcher großen Crashs werden täglich im Zweischichtbetrieb in Alfdorf gefahren und ausgewertet. Die 45 Dummies, ein jeder mit mehr als 100 Sensoren gespickt und bis zu einer Million Euro teuer, sind schwer beschäftigt. Mit ihnen führen die 44 Mitarbeiter des Crashlabors den Beweis, ob die neuen Ideen der mehr als 800 Entwicklungsingenieure aufgehen und ihre Computer-Simulationen schlüssig waren.

Aktive und passive Sicherheitstechnik im Auto ist eine Erfolgsgeschichte, sagte Harald Lutz, Entwicklungsleiter der Division Passive Sicherheit, bei einem Presseworkshop in Alfdorf. Sie hat in den 1970er-Jahren bei Repa in Alfdorf mit dem ersten Dreipunkt-Sicherheitsgurt begonnen. Die ebenfalls auf dem Schwäbischen Wald mit Daimler gemeinsam entwickelten Airbags retten heute in zwei Hundertstel Sekunden viele Menschenleben. Während sich seit damals das Verkehrsaufkommen vervielfacht hat, ist die Zahl der Verkehrstoten von 30 000 auf heute 3000 im Jahr gefallen.

„Vision Zero“ und Ablenkung: Die Gefahr durch Smartphones wächst

Die Hoffnungen, dass sich die Zahl der Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr bis auf Null senken lässt, sind jedoch geplatzt. Mit sechs Verkehrstoten je 100 000 Einwohner ist Europa zwar spitze. In Afrika, Russland und selbst Amerika ist die Gefahr weitaus höher. Alle 23 Sekunden stirbt auf dieser Welt ein Mensch auf der Straße. Mehr als 1,3 Millionen Menschen lassen Jahr für Jahr ihr Leben im Verkehr.

Es sind zwei Faktoren, die die „Vision Zero“ zur Illusion macht, ergänzte Norbert Kagerer, Leiter der Abteilung Integrated Safety. Mehr Unfälle außerorts von Autofahrern, die sich vom Smartphone oder dem Infotainment im Auto ablenken lassen, sowie steigende Unfallzahlen beim Abbiegen innerorts. Zudem leben Rad- und Pedelecfahrer immer gefährlicher. Gesucht sind Lösungen, die auch sie besser schützen.

Kagerer blickte nach vorn. Im Verkehr gebe es vier Megatrends, die Auswirkungen auf die Sicherheitstechnik haben. Ob Elektromobilität oder Mobilitäts-Dienstleistungen, ob autonomes Fahren oder Digitalisierung und vernetzte Fahrzeuge: „Das gesamte System muss neu abgestimmt werden auf die Personen im Fahrzeug“, sagte Norbert Kagerer. Er wies auf den Fahrer in einem autonomen Auto hin, der es sich gemütlich macht, sich zurücklehnt und am Tablet seine Mails bearbeitet.

Der Schutzraum wandert mit den Passagieren mit

Im Falle eines Unfalls müssen Sicherheitsgurte und Airbags ganz anders auslösen, als säße der Fahrer wie heute hinterm Lenkrad. „Sicherheit“, sagte Dr. Michael Büchsner, Leiter der Division Passive Sicherheitstechnik, „ist eine der wichtigsten Grundlagen für autonomes Fahren.“ So könnten Kameras und Sensoren den Innenraum überwachen, die Sicherheitsgurte und Airbags werden in den Sitz integriert. Der Schutzraum wandere auf diese Weise mit den Passagieren mit.

Nicht in Alfdorf, wohl aber von ZF in Aschaffenburg ist bereits das Lenkrad der Zukunft entwickelt worden. Es erfüllt die Anforderung fürs autonome Fahren und fährt ins Armaturenbrett zurück, wenn's gerade nicht gebraucht wird. Wo aber seit Jahrzehnten der Airbag sitzt, nämlich in der Mitte, leuchtet ein Display. Der Airbag sitzt hinter dem Bildschirm und entfaltet sich durch das flouriszierend leuchtende Lenkrad hindurch. Pfiffig haben Guido Hirzmann und seine Kollegen die Bedienung gelöst.

„Tap, tap“ macht Hirzmann und bedient Klimaanlage, sucht sich neue Musik aus oder verstellt die Lautstärke. Bei der Frage, wann autonome Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs ein werden, ist Hirzmann so vorsichtig wie alle seine ZF-Kollegen. Völlig durchgesetzt wird es sich erst im Jahr 2050 haben, schätzt Norbert Kagerer. So lange muss die Sicherheitstechnik beiden Anforderungen genügen. Dem autonomen wie dem konventionellen Fahren.

Was nicht heißt, dass es nicht schon heute Vorstufen des vollautonomen Fahrens gibt, wie sie ZF-Testfahrer Thomas Mach in der Mercedes-E-Klasse demonstriert. In der schwarzen Limousine erproben er und sein Kollege Dr. Steffen Huber neue Sicherheitsgurte. Nicht genug, dass Sensoren messen, ob der Gurt richtig sitzt und ihn gegebenenfalls strammziehen. Droht Gefahr, zupft's und zieht's am Gurt. Der Fahrer kann flugs reagieren, wenn der Wagen die Fahrspur zu verlassen droht oder ein Auto im toten Winkel rechts überholen will. Denn gegen Warnleuchten und Piepstöne, weiß Thomas Mach, sind Autofahrer von heute beinahe schon immun.


ZF in Alfdorf

Im Jahr 2015 hat die ZF Friedrichshafen AG die TRW Automotive GmbH in Alfdorf übernommen. In der globalen Zentrale für „Aktive & Passive Sicherheitstechnik“ werden mit rund 1900 Beschäftigten Insassen-Rückhaltesysteme für nahezu alle Automobilhersteller entwickelt und produziert. Rund 550 Mitarbeiter sind noch in der Produktion von Komponenten für Sicherheitsgurte tätig.

Aus Alfdorf stammten in den 1960er Jahren die ersten Sicherheitsgurte. Erich Klink hatte in Lindach ein Feinstanz– und Repassierwerk namens Repa gegründet und begann in den 70er Jahren zusammen mit Daimler die Entwicklung und Fertigung von Dreipunkt-Sicherheitsgurten. Später folgten auch die ersten Airbags.

Repa wurde später vom US-amerikanischen Automobilzulieferer TRW übernommen: TRW verlagerte die Fertigung von Airbags sukzessive nach Osten. Alfdorf ist heute hauptsächlich ein Entwicklungszentrum, in dem mehr als 800 Ingenieure sich mit aktiver und passiver Sicherheitstechnik für Fahrzeuge beschäftigen.

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