Züblin-Parkhaus in Stuttgart Ackersalat statt Autos

Stuttgart - Eine Krähe sitzt auf der Brüstung des obersten Parkdecks des Züblin-Parkhauses und blickt mit ihren wachen, kohlkrähenschwarzen Augen auf das Geschehen zu ihren Vogelfüßen. Denn dort, auf dem Parkdeck, sieht das intelligente Tier keine großen glänzenden Blechbüchsen in Reihen, sondern kleine Holzkisten, die auf einem Palettensockel stehen und mit Erde gefüllt sind. Darin grünt, wächst und blüht es munter: Bellis, Stiefmütterchen und Tagetes wachsen dort, Basilikum, Kresse und Rosmarin genießen die Sonne, Kohlrabi, Tomaten und Salat gedeihen – und sogar eine ganze Kürbispflanze ist in einer der Kisten angesiedelt. Der Exote unter den Früchten ist eine winterharte Banane, die bis zu Minus 15 Grad aushalten können soll.

Futter, denkt die Krähe, die sich auch von den Menschen nicht schrecken lässt, die dort zwischen den Kisten herumhantieren. Und die wiederum denken: Essen – während sie die Pflanzen in den Kisten gießen. Doch freilich geht es nicht allein um den Ertrag, der bei der Größe der Kisten eher mäßig ausfallen dürfte. Nein, es geht den rund 90 Gärtnern, die das Züblin-Parkhaus nutzen, um das Gemeinschaftserlebnis, es geht ihnen um das Gefühl, mit den Händen in die Erde wühlen zu können und es geht ihnen darum zu sehen, wie etwas, das sie selbst in dieselbe gesteckt haben, wächst und gedeiht – und das mitten in der Stadt.

Am Ende soll die Ernte und ein großes Essen stehen

Die Idee für das Projekt hatten die Macher der Ebene 0: Daniel Zopf, Julia Zürn, Wulf Kramer, Franziska Bettac, Leonhard Großwendt, Jan Diez, Julia Pfeiffer und Susanne Weng . Der 17 Quadratmeter große Projektraum liegt ebenfalls im Züblin-Parkhaus, im Juni 2012 wurde das Interimsprojekt genehmigt, in der vergangenen Saison fanden dort Ausstellungen statt. Inzwischen liegt auch für das Jahr 2013 die Genehmigung vor, am 28. Juni wird die Ebene 0 wiedereröffnet.

Dann ist auf dem obersten Parkdeck, von dem aus man einen fantastischen Ausblick auf die Stadt hat, vielleicht schon Erntezeit. „Unser Plan ist, dass wir alle gemeinschaftlich ernten, aus dem Gemüse und den Kräutern verschiedene Speisen zubereiten und dann zusammen hier oben an einer langen Tafel essen“, sagt Daniel Zopf. Picknick auf dem Parkdeck. Ein Beet mit einer Minigolf-Station gibt es schließlich auch schon.

Doch die Ernte steht freilich am Ende eines langen Prozesses. Zunächst galt es, die Parkhausbetreiber von dem Vorhaben zu überzeugen . Die Firma Hüfner war von Anfang an sehr offen für die Idee: „Wir wurden von ihr immer sehr unterstützt“, sagt Julia Zürn. Nachdem die Genehmigungen auf dem Tisch lagen, Sponsoren gefunden und Lagebesprechungen mit allen interessierten Mitstreitern abgehalten worden waren, ging es am 25. Juni, einem Samstag, richtig los.

90 gärtnerbegeisterte Menschen hatten sich versammelt, um den Garten auf dem obersten Parkdeck Gestalt zu geben. Zuvor hatte die Firma Hüfner den Beton auf der 120 Quadratmeter großen Fläche versiegeln lassen, Paletten, Holz und Erde hatten die Ebene-0-Macher herangeschafft – gestiftet von Sponsoren oder von den 1500 Euro finanziert, die der Bezirksbeirat Mitte für das Projekt zur Verfügung gestellt hatte. Die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) hatte sich von Anfang an für das Gärtnern auf dem Parkhaus eingesetzt, ebenso wie Irmgard Lochner-Aldinger von der Stiftung Geißstraße 7.

2014 soll das ganze obere Parkdeck begrünt sein

An diesem Samstag Ende Mai jedenfalls rackerten die Gärtner mehr als dass sie ackerten. Sie bauten über dreißig Kästen aus Paletten, Holz und Folien zusammen, befüllten sie zuunterst mit Muttererde gemischt mit Kompost und beugten Pflanzerde darauf. Dann konnten die Gärtner sich in kleinen Grüppchen ans Bepflanzen und Verschönern machen. Aus den restlichen Holzbeständen wurden noch liebevoll Bänke und Sitzgelegenheiten gezimmert. „Dort sitzen wir oft, nachdem wir gegossen haben, trinken ein Feierabendbier und reden – man hat ja immer ein gemeinsames Thema“, sagt Julia Zürn. Sie mag die bunte Mischung an Mitgärtnern: ein Kindergarten ist dabei, aber auch Rentner, viele Menschen aus der Nachbarschaft, Studenten, Architekten und Hartz-IV-Empfänger.

„Wir hätten nicht gedacht, dass wir auf ein so großes Interesse stoßen“, sagt Jan Diez. Die vielen Mitstreiter – und auch viele interessierte Besucher – bestärken die Ebene-0-Macher in ihrem Vorhaben, im 2014 das gesamte obere Parkdeck zu bespielen, insgesamt 2400 Quadratmeter. Die Erlaubnis der Firma Hüfner liegt bereits vor, nun geht es um die Genehmigungen von der Stadt und um Sponsoren. „Hier oben soll ein kleiner Park entstehen, wir wollen Rollrasen auslegen, Bäumchen sollen hier stehen, es wird wieder einen Gartenbereich geben und eine Präsentationsfläche“, sagt Daniel Zopf.

Die Krähe reckt die Flügel, hebt ab und überfliegt das kleine Vogelhäuschen, das im Garten emporragt. Sie kann warten. Bis aus dem Parkhaus ein echtes Park-Haus wird – und noch mehr Futter wächst.

www.ebene0.de

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