Zum Waldgipfel in Stuttgart Eine Waldbesichtigung in Forstrevier bei Backnang

Diese Buche ist nicht mehr zu retten: Die Rinde platzt ab, es haben sich schon Pilze angesiedelt, die Krone ist nicht mehr dicht, dürre Äste drohen abzubrechen. Sie muss gefällt werden. Wie diesem Baum geht es vielen Buchen im Forstrevier Reichenberg bei Backnang. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen/Backnang/Stuttgart. Ganz aktuell, Montag, 2. September, versammelt Landwirtschaftsminister Peter Hauk Forstfachleute um sich. Das Thema: Der grüne Patient – unser Wald. Im Rahmen eines Waldgipfels will Hauk einen „Notfallplan Wald“ erarbeiten. Forstamtsleiter Martin Röhrs arbeitet in seinem Forst längst an einem solchen. Bei einem Waldgang zeigt er die „Katastrophe“, aber auch Chancen.

Die Katastrophe: Blauer Himmel statt grünen Dachs

Wer im Wald bei Backnang, im Reichenberger Forst, unterwegs ist – und das sind viele Leute, denn das Gebiet mit seinen Seen ist bei Backnangern beliebt –, sieht auf den Waldwegen natürlich Bäume. Aber auch sehr viel blauen Himmel. Noch im Frühjahr, sagt Martin Röhrs, Forstamtsleiter des Landratsamts, bildeten die Kronen eine geschlossene Decke. Doch jetzt, im Hochsommer, zeigen sich die Lücken, die die Forstleute im Wald schlagen mussten. Borkenkäfer und Trockenheit kosteten vor allem Fichten und Buchen das Leben. Die Bäume, sagt Röhrs, seien nicht mehr zu retten. Sie müssten raus. Zu groß sei die Gefahr für die Waldbesucher. Letztlich gehe es jetzt darum, das wertvolle Holz noch zu retten.

Die Buche leidet an Wassermangel

Zugegeben: Röhrs hat ein Waldgebiet ausgesucht, das besonders betroffen ist. Der Reichenberger Forst liegt gen Südwesten, die Mittags- und Nachmittagssonne knallt hier rein. Die große Buche, bestimmt 150 Jahre alt, die da so nackert steht, hatte im Frühjahr noch ausgetrieben. Jetzt wird sie nur noch von dürrem Laub bedeckt. Und die daneben sieht nicht besser aus. Und die noch weiter daneben auch nicht. Die Buche, die häufigste Baumart in unserer Gegend, leidet an Wassermangel. Sie will die einst üblichen kühlfeuchten atlantischen Strömungen haben und bekommt, seit der Klimawandel spürbar geworden ist, stattdessen lange Trockenperioden.

Und, das weiß fast niemand, geschwächte Buchen können auch von einem Borkenkäfer befallen werden.

"Wir machen aktuell nur Schadholz"

Rund um den Wald toben Kämpfe. Er müsse, sagt Martin Röhrs, öfters mal ganz schön was schlucken. „Wir Forstleute weisen seit Jahren darauf hin“, sagt er, dass es um unseren Wald schlecht bestellt sei. Doch die Kulisse sei ja grün – die Forstarbeiter arbeiten effizient. Sie fällen, sie hacken, sie holen das Holz raus aus dem Wald. Und deshalb nähmen „die Mitbürger“ das Problem „erst wahr, wenn’s richtig deutlich wird“. Jetzt zum Beispiel, wenn der Wald Löcher kriegt. Nein, die ständigen Beschwerden über den „Raubbau“ und die „Gewinnoptimierung“ im Forst seien nicht gerechtfertigt. „Wir machen aktuell nur Schadholz!“

Monster im Wald: Die Baum-Erntemaschinen

Unser Wald wächst auf Tonboden. Über diesen klebrigen Lehm freuten sich unsere Vorfahren; sie konnten Ziegel brennen. Der Boden kann sehr gut Wasser speichern. Davon profitierte der Wald Hunderte von Jahren. Doch wird der Lehm trocken, dann wird er wie Stein. Trocknet er, wie jetzt, bis in tiefste Tiefen aus, dauert es ewig, bis das verhärtete Material wieder Wasser aufnehmen und sich vollsaugen kann.

Die großen Baum-Erntemaschinen, Harvester, wiegen Tonnen. Verdichten sie den eh schon problematischen Boden? Werden für die bequeme Bearbeitung zu viele Schneisen in den Wald geschlagen? Röhrs sagt: Ja, die Vollernter seien größer geworden. Doch der Bodendruck habe sich durch neue Technik reduziert. „Während die Schlepper früher 15 bis 20 Zentimeter breite Reifen hatten, liegen wir heute bei 40 bis 50 Zentimetern. Und statt Vier-Rad-Maschinen sind heute acht Räder die Regel. Zusätzlich werden noch bei Weichböden Raupenbänder montiert, um die Auflagefläche weiter zu vergrößern.“ Das Fahren im Wald ist international geregelt und zertifiziert. Doch Röhrs gibt zu: „In den Weichböden in unserer Region kommt es zu optisch teilweise nicht schönen Ergebnissen, insbesondere wenn wir wie im Moment die Schadhölzer an allen Ecken des Waldes einschlagen müssen.“ Die Asthaufen allerdings, die die Vollernter in den Rückegassen hinterlassen, sind zwar hässlich, aber dem Boden von Nutzen. Denn auf ihnen steht die Monstermaschine wie auf einer weichen, elastischen Matratze. Das Gewicht wird somit abgepuffert.

Der Nutzwert: Weit mehr als nur Holz

Der Wald bringt seinem Besitzer Geld. Denn Holz ist wertvoll. Ja, so war das. Doch lang schon, sagt Martin Röhrs, seit über 30 Jahren, werde im Wald im Rems-Murr-Kreis unter der Überschrift „natürliche Waldwirtschaft“ gearbeitet. Hier gebe es keine „Fichtenwüsten“ wie in Nordhessen und keine „Kiefernwüsten“ wie in Niedersachsen. Hier wachse Mischwald, hier werden nur einzelne Bäume geschlagen und nicht ganze Flächen leergeräumt. Hier wachsen große, mittlere und kleine Bäume nebeneinander. „Stufigkeit im Bestand“ sagt der Fachmann dazu. Im Wald, sagt Röhrs, geht es um den Schutz des Bodens vor Erosion, es geht um den Wasserhaushalt und es geht in Gegenden wie dem dicht besiedelten Rems-Murr-Kreis um Erholung. Im Wald der Zukunft, sagt Röhrs, wird Holzwirtschaft nur noch eine Nebenrolle spielen.

Waldbesitzer und ihre Verantwortung

„Wir erreichen Teile der Privatwaldbesitzer nicht“, sagt Martin Röhrs. Manche, sagt er, wüssten nicht mal mehr, dass oder wo sie Wald haben. Oder, wie jüngst geschehen, kommt auf ein Anschreiben aus dem Forstamt die Rückmeldung: Die Dame lebe in München in einem Altenheim. Das ist in Zeiten wie diesen ein großes Problem. Denn haben Waldbesitzer einen in ihrer Mitte, der sich nicht kümmert, dann können sich die anderen abstrampeln, wie sie wollen. Sie haben trotzdem keine Chance. Eine Borkenkäfer-Generation braucht vier Wochen bis zum Ausschwärmen. Bis Verfügungen und Mahnungen greifen, vergehen viel, viel mehr Wochen. Martin Röhrs hofft daher auf forstwirtschaftliche Vereine wie im Mittleren Schwarzwald. Ab Januar 2020 tritt die Umstrukturierung der Forstämter in Kraft. Dann könnten solche auch im Rems-Murr-Kreis aktiv werden und den etwa 11 000 hiesigen Privatwaldbesitzern, die dann idealerweise Mitglied wären, mit Dienstleistungen unter die Arme greifen. Rund 12 000 Hektar Privatwald wären dann versorgt. Zur Mitgliedschaft zwingen könne man allerdings, sagt Röhrs, niemanden. Der dann neu gegründete Staatsforstbetrieb allerdings, so erwartet Röhrs, muss dann das leuchtende Vorbild im „Waldmanagement“ sein.

Blick in die Zukunft: Etwas mehr Exotik bitte

Die Zukunft hat längst angefangen. Im Wald von Martin Röhrs zeigt sie sich als kleine Pflänzlein, geschützt durch grüne Umhüllungen. Dort, wo die Globalisierung zugeschlagen hat und die großen Eschen dem „kleinen Stengelbecherlein“, einem Pilz aus Ostasien, zum Opfer fielen, wächst jetzt die Baumhasel. Sie kommt aus der Türkei und ist hart im Nehmen. Die Elsbeere, ursprünglich auf Weinbauflächen gepflanzt, soll den Wassermangel auch aushalten können. Douglasien, Ersatz für die darniederliegenden Fichten, stehen längst überall. Auch in die Eichen, die keimen, legt Röhrs all seine Hoffnung. Und der Förster des Reviers Reichenberg experimentiert mit einem besonderen Nussbaum, einer Mischung aus Wal- und Schwarznuss.

Röhrs ist nicht hoffnungslos. Orkan Lothar hinterließ vor 20 Jahren auch totes Land. Doch der Wald und seine Förster ließen sich nicht unterkriegen. Röhrs sieht neben der Katastrophe auch die Chance. Allerdings: Bislang gelten für Sämlinge, die im Wald gepflanzt werden, strenge Regeln. Sie dürfen nicht von irgendwoher kommen. Dieses eherne Gesetz, sagt Röhrs, werde fallen müssen. Und Martin Röhrs plant für seinen Wald schon das große Experiment: Vermutlich werden an der einen oder anderen Stelle bald die ersten Zedern duften.


Der Notfallplan Wald

Landwirtschaftsminister Peter Hauk, auch für den Forst im Land zuständig, will sich „ein umfassendes Bild von der Lage vor Ort machen und mit Waldbesitzern sprechen“, heißt es in einer Pressemitteilung aus dem Regierungspräsidium.

„Der Wald droht sich in Teilen aufzulösen, dies hätte dramatische Folgen für den Klimaschutz und die Artenvielfalt“, heißt es weiter.

Von bisher nicht bekannten, drastischen Schäden an der Buche wird geschrieben.

Hauk will Geld von der Bundesregierung erbitten.

Am Montag, 2. September, trifft er sich im Rahmen eines Waldgipfels mit für den Wald verantwortlichen Verbänden und Fachleuten, um einen ‚Notfallplan Wald‘ zu erarbeiten.

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