ZVW-Gegnercheck - Union Berlin Das erwartet den VfB Stuttgart in der Relegation

Unions Torwart Rafal Gikiewicz. Foto: Annegret Hilse/Archiv Foto: dpa

Berlin/Stuttgart.
Vor der ersten Relegation in der langen Vereinsgeschichte des VfB Stuttgart war die Favoritenrolle schnell verteilt. Die Schwaben wollen sich im Heimspiel gegen Union Berlin am Donnerstagabend (20.30 Uhr / ZVW-Liveticker) eine gute Ausgangslage für das Rückspiel in der stimmungsgeladenen Alten Försterei erarbeiten und so den Grundstein für den Klassenverbleib legen. Für die Gäste aus der Hauptstadt ist es der nächste Anlauf, ins Fußball-Oberhaus zurückzukehren.

In unserem Gegnercheck zeigen wir die Stärken und Schwächen der Köpenicker und werfen einen Blick zurück auf den Saisonverlauf der "Eisernen".

Der Saisonverlauf

Nachdem die „Eisernen“ die vergangene Spielzeit auf Rang acht beendeten und mit dem 1.FC Köln sowie dem Hamburger SV zwei große Traditionsvereine in die 2. Bundesliga abstiegen, machte man sich an der Alten Försterei nichts vor: Ein Aufstieg in Liga eins wird in dieser Saison nur schwer zu realisieren sein. Nach dem letzten Heimspiel gegen Würzburg reifte bei vielen Fans dennoch die überraschende Erkenntnis: „Scheiße, wir steigen auf“, wie auf einem leicht sarkastischen Transparent zu lesen war. In die finalen Spiele gingen die Profis von Union Berlin fortan unter dem Motto: „Alles kann, nichts muss.“ Für die Mannschaft von Trainer Urs Fischer wäre ein Nicht-Aufstieg kein Beinbruch, dennoch ist den Spielern klar, dass sie etwas Großes erreichen und mit Union Berlin Geschichte schreiben können.

Die aktuelle Form

Das Saisonfinale hätte für die Hauptstädter dramatischer nicht laufen können: Am letzten Spieltag patzte mit dem SC Paderborn der direkte Konkurrent um den Aufstieg überraschenderweise in Dresden. Damit war für Union alles angerichtet, doch dem Team gelang es nicht, beim VfL Bochum einen Dreier einzufahren. Trotz toller Moral reichte das 2:2-Unentschieden (nach 0:2-Rückstand) am Ende nicht, um direkt in die Erste Liga aufzusteigen.

Das Bittere an der ganzen Geschichte: Auf die gesamte Saison verteilt, fehlten den Berlinern am Ende zwei Tore, um die Relegation gegen den VfB zu umgehen. Dementsprechend angeknackst wirkten Mannschaft und Fans nach Abpfiff – ein herber Dämpfer für die Moral in der ansonsten charakterstarken Truppe. Auch wenn der Relegationsplatz am Ende einer starken Saison fast folgerichtig ist, denn: Union Berlin stand an 20 von 34 Spieltagen auf eben diesem dritten Rang.

Ruhig und besonnen: Trainer Urs Fischer

Der unaufgeregte Schweizer hat seine Mannschaft im Griff und mit seiner ruhigen Art kontinuierlich an die Spitze in Liga zwei herangeführt. In seiner bis dato knapp einjährigen Amtszeit in der Hauptstadt gelang es dem erfahrenen Trainer, seinem Team eine enorme defensive Stabilität zu verleihen – dieser Aspekt ist auch der absolute Fokus in der täglichen Trainingsarbeit des 53-Jährigen.

Für Urs Fischer sind die „Eisernen“ die erste Station seiner Trainer-Laufbahn, die außerhalb seiner Heimat liegt. Der Eidgenosse war vor seinem Engagement in der deutschen Landeshauptstadt unter anderem beim FC Zürich und FC Basel äußerst erfolgreich tätig gewesen – unter anderem wurde er zweimal Schweizer Meister sowie einmal Pokalsieger. Auch dort zeichneten sich seine Teams stets durch eine perfekte Organisation in der Abwehr und nur wenige Gegentore aus.

Als aktiver Spieler kam Urs Fischer unter Trainer Uli Stielike zu vier Länderspielen für sein Heimatland und bestritt in der heimischen Liga über 500 Pflichtspiele für Zürich und den FC St. Gallen.

Das Kollektiv macht Union stark

Finanziell stehen die „Eisernen“ im Schatten ihres Stadtrivalen Hertha BSC, mit denen sich Union Berlin in der kommenden Spielzeit in zwei Partien im Fußball-Oberhaus duellieren möchte. Da die Alte Försterei im Falle eines Aufstiegs in den nächsten Jahren ausgebaut werden müsste (aktuell gibt es dort nur Stehplätze), sitzt das Geld beim Zweitligisten alles andere als locker.

Aus diesem Grund müssen sich die sportlich Verantwortlichen immer wieder auf alternativen Märkten umschauen und Profis verpflichten, denen bei anderen Vereinen der Durchbruch nicht gelang – dazu gehören auch Leihen oder Käufe von ablösefreien Spielern. Bestes Beispiel dafür ist der Ex-Stuttgarter Carlos Mané, der aktuell von Sporting Lissabon ausgeliehen ist, und in der Zweitliga-Saison im VfB-Trikot durchaus zu überzeugen wusste – bis ihn eine schwerwiegende Verletzung außer Gefecht setzte.

Grundsätzlich spielen bei Union Berlin keine teuren Stars oder Spieler mit prominentem Namen. Diese würden nur das Gehaltsgefüge sprengen oder mit vermeintlichen Allüren Unruhe in den ansonsten so beschaulichen Verein hineintragen. Der schwedische Top-Torjäger Sebastian Anderson (12 Treffer) kam beispielsweise ablösefrei von Drittligist Kaiserslautern, Abwehrboss Florian Hübner für mickrige 500.000 Euro vom Bundesliga-Absteiger Hannover 96. Die Mannschaft macht vieles im Kollektiv wett und kann sich bei jedem Heimspiel auf ihre überragenden Fans verlassen, die das Stadion im Berliner Osten in einen wahren Hexenkessel verwandeln.

Die Stärken und Schwächen

Auch aus einer fußballerisch wenig hochklassigen zweiten Liga sticht Union Berlin nicht besonders heraus. Das Team von Urs Fischer spielt sehr einfachen Fußball und agiert dabei immer wieder mit „Langholz“ auf ihre beiden großen und kantigen Angreifer Anderson und Sebastian Polter. Qualitativ sowie beim Blick auf die Spielerbögen eine klare Angelegenheit für den VfB, der als Bundesligist favorisiert in die Begegnungen geht.

Dennoch ist große Vorsicht geboten: Union Berlin stellt mit lediglich 33 Gegentoren die beste Defensive im Fußball-Unterhaus. Dazu ist die Heimspielstätte zu einer wahren Festung geworden – von 17 Heimspielen in der Alten Försterei ging nur ein einziges verloren (1:3 gegen den SC Paderborn).

Bei allen Warnungen gilt es festzuhalten, dass die „Eisernen“ spielerisch doch arg limitiert sind. Im Spiel nach vorne taten sich die Berliner in dieser Spielzeit äußerst schwer, für Gefahr zu sorgen – ähnlich wie der VfB über weite Strecken einer völlig verkorksten Saison. Gegen zum Teil deutlich schwächer besetzte Teams blieben die Gäste aus der Hauptstadt in fünf Spielen ohne eigenen Treffer. Zum Vergleich: Der Tabellenführer und souveräne Aufsteiger Köln hat am Ende der Saison ganze 30 Tore mehr erzielt als der kommende Gegner der Stuttgarter (84 statt 54).

Doch neben all den Hoffnungsmachern darf ein Aspekt nicht außer Acht gelassen werden: Der besondere Druck wird in diesen „Do-or-die-Spielen“ selbstredend beim VfB Stuttgart liegen – es bleibt abzuwarten, wie die Schwaben damit umgehen. Union Berlin kann nur gewinnen, für das Team von Interimstrainer Nico Willig geht es um nicht weniger als die nahe Zukunft des traditionsreichen Bundesligisten aus dem Süden der Republik.

Die Einschätzung von VfB-Trainer Nico Willig

Der Stuttgarter Trainer erwartet „eine ganz harte Nuss“. „Union hat eine Mannschaft, die als Gruppe gut funktioniert und bis zur letzten Minute sehr viel läuft“, erkennt auch Willig den eher kämpferischen Ansatz des Zweitligisten. Auf folgende Stärken wird der 38-Jährige seine Mannschaft vorbereiten: „Die Berliner stehen kompakt in der Defensive und kassieren kaum Gegentore. Dieser Mentalität müssen wir entgegentreten und Lösungen finden.“ Aufgrund dieser Voraussetzungen geht der Interims-Coach auch davon aus, dass die Relegation „nicht nach einem Spiel entschieden“ sein wird.  

Die Anspannung empfindet der Tübinger nicht höher als den „normalen Kitzel vor spannenden Spielen.“ Nico Willig versprüht Energie, von der sich seine Mannschaft hoffentlich anstecken lässt – zumindest, wenn es nach den VfB-Fans geht. „Wir freuen uns auf diese Spiele und gehen da mit einer breiten Brust rein.“

Bei all dem verständlichen Frust über die desolate Saison des VfB, müsse man die anstehenden Relegationsspiele als „Chance“ sehen: „Mit so wenig Punkten ist das alles andere als selbstverständlich. Wir können jetzt etwas gewinnen“, versucht Nico Willig einen gewissen Optimismus zu verbreiten. Dennoch gilt es, nicht zu überdrehen: „Neben dem heißen Herz, fordern die anstehenden 180 Minuten auch einen kühlen Verstand“, weiß der junge Trainer.


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