Meinung

Kaltherziger Umgang mit Erwerbslosen: Wer nichts leistet, ist nichts wert?

Arbeitsmarkt Symbolbild
Wodurch bemisst sich ein Wert? An der Arbeitskraft? © pixabay

Es gab in meinem Leben Phasen, da wusste ich nicht, wo das Geld herkommen sollte. Da stand in grell leuchtenden Buchstaben immer und überall der Schriftzug „So geht es nicht weiter“. Manchmal bin ich nachts aufgewacht und fühlte bis in die letzte Faser meines Körpers, dass ich abgehängt war und außerdem einfach versagt hatte. Eine echte Horrorshow.

Die Botschaft dahinter lässt sich auf die einfache Formel bringen: Geld = Leistung = persönlicher Wert. Ich verdiente kein Geld, also leistete ich nichts, also war ich nichts wert. Das widersprach eigentlich all meinen Überzeugungen. Aber es hat doch in mir gewirkt, und das tut es wohl in den meisten von uns.

Ich denke, dass diese Formel eine wichtige immaterielle Grundlage unserer Wirtschaft ist. Sie wirkt so stark, weil sie sich als naturgegeben tarnt, dabei ist sie bloß verinnerlichte Ideologie. Sie ist wohl auch dafür verantwortlich, dass erwerbslose Menschen von unserem Land so kaltherzig behandelt werden.

Bis auf die Knochen entmutigt

Warum arbeiten Menschen nicht? Dafür gibt es natürlich viele Gründe. Vielleicht brauchen sie es nicht, weil sie genug auf der Kante haben, Rente beziehen oder Kind sind. Andere, um die es mir hier geht, sind vielleicht von ihren Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt bis auf die Knochen entmutigt, ihr Selbstwert ist einfach zu gering, sie sehen sich selbst nicht mehr als Teil ihrer Zukunft oder können aus körperlichen Gründen nicht arbeiten. Dass sie einfach faul sind, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Menschen wollen sich engagieren, wollen etwas beitragen, wollen arbeiten. Auch wenn manche diesen Wunsch in sich nicht mehr spüren können.

Was geschieht mit diesen Menschen? Sie erhalten gerade so viel Geld, dass sie alles Lebensnotwendige kaufen können. Ja, man kann von Hartz IV leben. Aber das kann man auch in Isolationshaft oder in einem Hundezwinger. Ein würdevolles Leben ist mit Hartz IV sehr schwierig. Mal Kaffee und Kuchen mit einem Freund, mal Kino, ein Buch, gar ein eigenes Hobby: Nein, das ist nicht drin. Gesunde Ernährung auch nicht. Und wenn sich der Arbeitslose nicht nach dem Jobcenter richtet, wenn er einen Termin verpasst oder einen Job nicht annimmt, dann kann ihm ein Teil dieses lebensnotwendigen Geldes gestrichen werden.

Kriechen am Existenzminimum

Der Hartz-IV-Satz (demnächst heißt es Bürgergeld) liegt heute bei 449 Euro. Ein solches Kriechen am Existenzminimum führt regelmäßig zu sozialer Isolierung. Dass Armut psychisch und körperlich krank macht, ist ja allgemein bekannt. Teure Therapien und eine flächendeckende Sozialarbeit versuchen, die Folgeschäden wieder auszubügeln. Dafür ist dann Geld da!

Viel wird in Deutschland von Chancengleichheit gesprochen. Dass Kinder so arm sind, dass sie am Leben ihrer Mitschüler/-innen wenig teilnehmen können und Resignation als Lebenseinstellung lernen, ist zu einem Teil auch eine politische Entscheidung. Der Hartz-IV-Betrag hat vor allem eine Aussage: „Wir geben für euch keinen Cent mehr aus, als es unbedingt sein muss, denn ihr seid es nicht wert“.

200 Euro mehr

Der paritätische Wohlfahrtsverband hat ausgerechnet, dass etwa 200 Euro mehr im Monat notwendig sind, damit das, was das Gesetz vorsieht, auch wirklich bezahlt werden kann. Dazu gehört zum Beispiel kulturelle Teilhabe. 200 Euro mehr für den Einzelnen, die Einzelne – das wären dann insgesamt etwa zehn Milliarden Euro für alle Betroffenen im Jahr. Klingt viel – ist es aber nicht wirklich. Die steuerliche Subvention von Kerosin und Diesel kostete laut Umweltbundesamt 2018 mehr als 16,5 Milliarden Euro. Klimaschädlicher Wahnsinn, der uns mehr wert ist als ein würdevolles Leben der Ärmsten.

Dank der zehn Milliarden würden viele Folgekosten der Armut vermieden werden. Vielleicht wären die Einsparungen sogar größer als die Kosten. Für mich deutet alles darauf hin, dass diese Armut tatsächlich gewollt ist. Eine ganz praktische Erklärung: Hartz IV unterstützt den Niedriglohnsektor. Menschen verharren in prekären Arbeitsverhältnissen aus Angst vor dem Abstieg. Und die Jobagentur subventioniert Jobs, um Hartz-IV-Empfänger in Erwerbsarbeit pressen zu können.

Geld fungiert als Platzhalter

Eine andere Erklärung ist dieser perfide Leistungsethos. Geld (und Popularität) fungiert noch immer als Platzhalter für Leistung, obwohl wir eigentlich wissen, dass das nicht hinhaut. Und Leistung gilt als unbedingte Pflicht gegenüber der Gesellschaft. Arbeitslose werden zu unnützen Sozialschmarotzern. Geeignet höchstens als wohlig-gruseliger Kontrast zum eigenen Wohlstand. Die sollen sich halt aufraffen. Dass jeder dieser Menschen das ganze Potenzial menschlicher Empfindung in sich trägt, wird einfach übersehen. Und auch, dass jeder seine Gründe hat. Sie sind zur Kategorie geworden. Viele von den Hartz-IV-Empfängern sind Opfer eines erbarmungslosen Wettbewerbs – Kollateralschäden unseres Produktivitätskults.

Kaum jemand würde behaupten, dass er den Wert eines Menschen von seiner Leistung abhängig macht. Und trotzdem beurteilen wir uns selbst und andere andauernd und selbstverständlich auf diese Weise. Wie befreiend und beglückend wäre es, Menschen, sich selbst eingeschlossen, nicht mehr nach welchen Aspekten auch immer von oben nach unten einzuordnen, sondern sie in ihrer Lebenserfahrung, ihrem ganz spezifischen Menschsein einfach anzunehmen. Quasi von der vertikalen zur horizontalen Betrachtung. Klingt simpel und naheliegend. Ist aber in der Konsequenz revolutionär.

Wettbewerb muss nicht zum todernsten Spiel um Würde werden

Klar, man wird das nie ganz erreichen, aber es könnte gefördert werden, es könnte auch ein politisches Ziel sein. Mit einer solchen Sichtweise wäre es völlig unmöglich, Erwerbslose so verächtlich zu behandeln, wie es derzeit geschieht.

Ich bin ganz und gar nicht gegen Marktwirtschaft. Und Leistung soll sich durchaus lohnen. Aber Wettbewerb muss nicht zum todernsten Spiel um Wert, Würde und Existenz werden.

Es ist nicht unsere allererste Menschenpflicht, den Motor unserer Wirtschaft anzukurbeln. Der läuft sowieso schon viel zu heiß. Auf jeden Fall sollten wir die, die beim Wettbewerb unter die Räder kommen, nicht auch noch bestrafen. Denn das ist ganz einfach unwürdig.

Es gab in meinem Leben Phasen, da wusste ich nicht, wo das Geld herkommen sollte. Da stand in grell leuchtenden Buchstaben immer und überall der Schriftzug „So geht es nicht weiter“. Manchmal bin ich nachts aufgewacht und fühlte bis in die letzte Faser meines Körpers, dass ich abgehängt war und außerdem einfach versagt hatte. Eine echte Horrorshow.

Die Botschaft dahinter lässt sich auf die einfache Formel bringen: Geld = Leistung = persönlicher Wert. Ich verdiente kein Geld, also

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