Deutschland

Kinder- und Jugendärzte: Unterricht in Schulen «absolut notwendig»

Coronavirus - Schule
Bund und Länder beschließen bei ihren Beratungen zum weiteren Vorgehen in der Corona-Pandemie noch keine schärferen Schritte für die Schulen. Foto: Felix Kästle/dpa © Felix Kästle

Berlin (dpa) - Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt vor negativen Folgen für den Nachwuchs durch mögliche neue Schulschließungen. Aus Expertensicht seien Kinder nicht die Spreader des Coronavirus, sagte die Vizepräsidentin des Verbandes, Sigrid Peter, am Dienstag im ZDF-«Morgenmagazin». Sie bedauerte, dass es keine einheitliche Maßgabe zum Tragen von Masken gebe. Ihr Verband empfehle dies für Kinder ab sechs Jahren mit Ausnahmen für chronisch kranke und behinderte Kinder. «Wir sehen das als eine gute Option, die Beschulung, die absolut notwendig ist, weiter durchführen zu können», sagte Peter.

Kitas und Schulen seien Orte von Kompetenzerwerb, auch von sozio-emotionaler Kompetenz, sagte Peter. Wenn das nicht mehr erfolge, würden gerade benachteiligte Kinder enormen Risiken ausgesetzt und abgehängt. Im ersten Lockdown habe auch man gesehen, dass häusliche Gewalt und Adipositas zunähmen.

Bund und Länder hatten ihre Entscheidung über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie am Montag auf kommende Woche verschoben. Die Lage ein an den Schulen war bei den Beratungen ein wichtiger Punkt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Abend nach einer mehrstündigen Videokonferenz, die Länder hätten sich mehrheitlich gegen zusätzliche Rechtsänderungen zum jetzigen Zeitpunkt ausgesprochen. Am 25. November soll es weitere Beratungen geben. In einer Beschlussvorlage hatte der Bund Maskenpflicht für alle und halbierte Klassen gefordert. Diese Maßnahmen sind nun aber vorerst vom Tisch. 

An deutschen Schulen wird nach Einschätzung von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nicht genug gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie getan. «Das Problem in den Schulen ist in Deutschland immer unterschätzt worden», sagte er am Montag in Berlin auf dem «Süddeutsche Zeitung Wirtschaftsgipfel». Die Infiziertenzahl bei den 10- bis 19-Jährigen sei derzeit ungefähr zehnmal so hoch wie während der ersten Corona-Welle im Shutdown.

Natürlich sei es auch denkbar, dass sich diese Kinder bei ihren Eltern infizierten, «aber die Studien zeigen, dass sich Kinder in erster Linie untereinander infizieren in der Schule und dann ihre Eltern infizieren», sagte Lauterbach. «Wenn es so weiter läuft, würden wir erwarten, dass wir das, was wir in den Restaurants, in den Gaststätten und dergleichen erkämpfen, dass wir das in den Schulen verlieren, und zwar komplett.»

Er plädiere «ohne Wenn und Aber» dafür, Schulklassen zu halbieren. Man habe sieben oder acht Monate Zeit gehabt, das Lernen von zu Hause aus vorzubereiten. Viele Länder in Skandinavien oder auch in Asien hätten das geschafft. Grundschulen nahm er von seinen Appellen aus, weil die Infektionszahlen hier geringer seien und das Ansteckungsrisiko geringer erscheine.

Mit Blick auf gesellschaftliche Entbehrungen sagte der Epidemiologe, man müsse sich «am Riemen reißen». Ein Teil der Menschen werde später auf eine verschobene Hochzeit zurückblicken, während andere mit Spätfolgen der Krankheit zu kämpfen hätten.