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Kloster Lorch: Chorbücher in der württembergischen Schatzkammer

Chorbuch
1511 und 1512 entstanden insgesamt fünf große Chorbücher für den Gebrauch im Kloster Lorch. © Privat

Der 23. April ist der Welttag des Buches - Grund genug, an eine späte Blüte der mittelalterlichen Buchproduktion zu erinnern. Kurz vor der Reformation und 50 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks entstanden für das Kloster Lorch kostbar ausgemalte Bände, gestiftet vom Herzog von Württemberg – die Lorcher Chorbücher.

1995 erklärte die Unesco den 23. April zum „Welttag des Buches“, den weltweiten Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren. Der 23. April ist außerdem der Todestag von zwei historisch bedeutenden Schriftstellern: William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Heute sind Bücher für alle erschwinglich und überall stehen die Bibliotheken für alle Menschen offen. Im späten Mittelalter war das bei weitem noch nicht so: Klöster wie das Benediktinerkloster Lorch waren Inseln in einer bücherlosen Welt – und ihre Buchbestände kostbare Schätze. Kurz vor der Aufhebung des Klosters in der Reformation erhielt Lorch nochmals besonders wertvolle und aufwendige Bücher: die berühmten Lorcher Chorbücher.

1511 und 1512 entstanden insgesamt fünf große Chorbücher für den Gebrauch im Kloster – ein bedeutendes Projekt für Lorch. Drei dieser Chorbücher sind heute noch in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart erhalten. Zwei sind sogenannte Antiphonarien: Sie dienten dem Stundengebet der Mönche. Eines ist ein Graduale für den Messgottesdienst. Jedes Benediktinerkloster besaß eine Bibliothek, denn die Benediktsregel verpflichtete die Mönche zu täglichem Lesen. Ein Abt wie der damalige Lorcher Abt Sebastian Sitterich versuchte daher, den Bibliotheksbestand zu vergrößern: durch Bücherkäufe, durch Bücherstiftungen oder durch den Auftrag, neue Handschriften zu schreiben. Die Bibliothek von Kloster Lorch existiert schon lange nicht mehr. Man weiß aber, dass sie vor allem liturgische Handschriften zum Gebrauch im Gottesdienst enthielt sowie theologische und historische Werke. Das Kloster Lorch hatte wohl keinen eigenen Raum für die Bibliothek: Vielleicht stand in der Kirche oder in der Sakristei ein Bücherschrank, ein „armarium“.

Buchkunst am Ende einer Epoche

Das Kloster Lorch gehörte nicht zu den herausragenden Zentren klösterlicher Schreibkunst. In der Lorcher Schreibstube, dem sogenannten Skriptorium, wurden Handschriften vorwiegend zur Verwendung im Kloster und in den von Lorch abhängigen Pfarrkirchen hergestellt. Nachdem Lorch 1462 der Reformbewegung des österreichischen Klosters Melk beigetreten war, benötigten die Mönche neue liturgische Bücher nach einheitlichen Richtlinien. So kam es in Lorch, wie auch in anderen Reformklöstern, zu einer Belebung der Schreibtätigkeit. Diese späte Blüte des klösterlichen Buchschreibens ist bemerkenswert - und ein bisschen anachronistisch: Denn außerhalb der Klöster hatte sich schon ab 1450 der neu erfundene Buchdruck verbreitet.

Der Herzog als Stifter

Die Chorbücher waren jedoch keine normalen Bücher: Die riesigen Formate wurden kunstvoll geschrieben und reich verziert mit Zeichnungen. Damit sollten sie zum Glanz der Klosterkirche beitragen. Herzog Ulrich von Württemberg, dessen Familie mit Lorch seit langem finanziell und politisch eng verbunden war, trat als Hauptstifter auf. Grund genug, dass das württembergische Wappen mehrfach in den Chorbüchern auftaucht. Zusätzlich finanzierte eine Gruppe von Stiftern aus dem Umfeld des Klosters einzelne Partien der Buchmalerei: Mitglieder des Hofstaates von Herzog Ulrich, Konventsmitglieder, Priester, Ordensleute und zahlreiche Laien. Zum Dank wurden sie mit Wappen, Monogramm, Namensinschrift oder sogar als figürliche Darstellung in den Chorbüchern verewigt. Ein gewaltiger Umfang: 892 Blätter, also insgesamt 1784 Seiten, mussten geschrieben werden. Das war nur von mehreren Schreibermönchen zu schaffen. Fünf Mönche arbeiteten an den drei Bänden - und man weiß sogar ihre Namen: Friedrich von Schorndorf und Laurentius Autenrieth aus dem Kloster Lorch, Balthasar Schad vom Kloster Elchingen, Ulrich Flechsinhar vom Kloster St. Ulrich und Afra in Augsburg sowie Conradus Bavarus vom Kloster Murrhardt. Jeder von ihnen dokumentierte seine Mitarbeit und die Fertigstellung mit Hilfe von Signaturen, Wappen und sogenannten Kolophonen, den lateinisch verfassten Schlussschriften. Auch für das Notenschreiben waren mehrere Notenmaler zuständig. Vom Notenmaler Leonhard Wagner gibt es sogar eine Zeichnung, die ihn bei der Arbeit zeigt: eine seltene Darstellung!

Reiche Bilderwelt

Für die Bilder der Chorbücher beauftragte das Kloster Lorch mit Nicolaus Bertschi ebenfalls einen Spezialisten für liturgische Handschriften. Was er für die Lorcher Prachtbände mit seiner Werkstatt schuf, ist enorm: 108 Bildinitialen und Bordürenrahmen sowie 63 ornamentale Zierinitialen - und alle Illuminationen, die voller Beobachtungen aus dem Alltag der Zeit sind! Die drei bis heute erhaltenen kostbaren Originale der Lorcher Chorbücher werden in der württembergischen Schatzkammer für Bücher aufbewahrt: in der Landesbibliothek in Stuttgart. Im Kloster Lorch aber vermitteln großen Faksimile-Exemplare einen Eindruck von der Schönheit dieser Prachtbücher des späten Mittelalters - zum Anfassen und Blättern!

Weltweites Lesefest

Seit 1995 findet jedes Jahr am 23. April der „Welttag des Buches“ statt. Mit dem weltweiten Aktionstag feiern die Unesco das Lesen, Bücher und die Rechte der Autoren. Die UN-Organisation für Kultur und Bildung ließ sich dabei von dem katalanischen Brauch inspirieren, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Deutschlandweit finden seit 1996 zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen statt, organisiert von Buchhandlungen, Verlagen, Bibliotheken, Schulen und Lesebegeisterten.