Meinung

Kommentar zum Bundesliga-Start: Der VfB ist die größte Wundertüte der Liga

Daniel Didavi (li.) und Trainer Pellegrino Matarazzo
Aufbruch ins Ungewisse: Wohin geht die Reise für den VfB Stuttgart mit Spielmacher Daniel Didavi (li.) und Trainer Pellegrino Matarazzo? © Danny Galm

Am Samstag startet der VfB Stuttgart mit einem Heimspiel gegen den SC Freiburg in die neue Bundesliga-Saison. Die Schwaben gehen als Aufsteiger an den Start und wollen sich nach den turbulenten letzten Jahren wieder im Fußball-Oberhaus etablieren. Die Zielvorgabe ist klar: Klassenverbleib.

Hitzlsperger: „Wir fangen von unten an“

Vorstandschef Thomas Hitzlsperger bekräftigte das Saisonziel kurz vom dem Start im SWR-Interview noch einmal mit einer klaren Einordnung: „Wir sind nicht mehr der große Verein, der gesetzt ist, der einen gewissen Anspruch erheben kann, sondern wir müssen jetzt liefern. Wir fangen von weit unten an und müssen erst mal zeigen, was wir draufhaben.“

Keine Europapokal-Fantastereien, keine millionenschweren Neuzugänge, keine vollmundigen Ansagen aus dem roten Clubhaus an der Mercedesstraße. Stattdessen fast schon demütiger Realismus.

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VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger. © ZVW/Benjamin Büttner


Nach dem 2017er-Aufstieg in die 1. Liga hatte Club-Präsident Wolfgang Dietrich noch einen ehrgeizigen Fünfjahresplan aufgestellt: „Mein Traum ist, dass wir uns dann im oberen Drittel der Tabelle etabliert haben und bestenfalls nur zwei Vereine größer sind als wir.“

Aber die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. Das obere Tabellendrittel ist dem Rest der Liga enteilt. Bayern, Dortmund und Leipzig spielen fußballerisch und finanziell in einer anderen Liga. Damit muss der stolze Traditionsverein aus Bad Cannstatt leben. Ob er will oder nicht.

Auf den VfB wartet eine Mammutaufgabe

Wohin Dietrichs Werk und Reschkes Beitrag führten, ist hinlänglich bekannt. Nach dem drölften Neuanfang der jüngeren Vereinshistorie dürfen die Schwaben kommende Saison wieder unter den 18 besten deutschen Teams ran. Dort zu bestehen, wird eine Mammutaufgabe. Viele Fans und Experten sind skeptisch. Und das nicht ohne Grund.

Zum einen überzeugte die Mannschaft in der abgelaufenen Saison keineswegs. Der kurze Blick zurück: wilder Walter-Ball, Krise im Herbst, neuer Trainer im Januar, krachende Derby-Pleite im Juni, starker Schlussspurt, Aufstieg. Ach ja, der sagenhafte Einbruch des Hamburger SV darf nicht unerwähnt bleiben.

Ohne die gütige Mithilfe der Hamburger wäre der VfB mit seiner wackeligen Truppe wohl kaum direkt in die erste Liga aufgestiegen. Aber sei’s drum. Nach 34 Spielen - 58 Punkte, 17 (!) sieglose Spiele - stand der zweite Platz hinter der grundsoliden Arminia aus Bielefeld.

Jetzt muss sich die Mannschaft, unter der Federführung von Kaderplaner Sven Mislintat zusammengestellt, in der Bundesliga beweisen. Das wird hammerhart. Oder wie die fatalistischen Bruddler von der Haupttribüne - bzw. in Corona-Zeiten vor dem heimischen Empfangsgerät - grummeln: „Ob des a mol was wird ...“

Der Stuttgarter Jugendstil ist Chance und Risiko zugleich

Der VfB stellt eines der jüngsten Teams der Liga. Der Trainer ist talentiert, hat sein Profil im Laufe der Sommer-Vorbereitung geschärft und durch den Aufstieg an Selbstvertrauen gewonnen. Seine Bundesligatauglichkeit muss Matarazzo aber ebenso wie seine junge Mannschaft erst noch unter Beweis stellen.

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Muss seine Treffsicherheit erst noch unter Beweis stellen: der wieselflinke Angreifer Silas Wamangituka (hier vergibt er eine große Chance im Testspiel gegen Racing Strasbourg). © Danny Galm


Der neue Stuttgarter Jugendstil ist Chance und Risiko zugleich. Jungprofis wie Mateo Klimowicz (20), Tanguy Coulibaly (19), Lilan Egloff (18) und Silas Wamangituka (20) verfügen über ein gewaltiges fußballerisches Potenzial. Aber die PS müssen auf die Straße bzw. den Rasen. Bleiben die erhofften Entwicklungsschritte aus, könnte es schnell ungemütlich werden im rauen Bundesliga-Alltag.

Und die erfahrenen Profis im Kader? Daniel Didavi ist - wie eigentlich jedes Jahr - abhängig von seinem Gesundheitszustand. Hält das Knie, ist der Spielmacher mit den eleganten Bewegungen immer noch einer der besten seines Fachs. In wie vielen Spielen er aber zum Einsatz kommen wird, ist - wie eigentlich jedes Jahr - unklar.

Und Gonzalo Castro? Der neue Kapitän der Stuttgarter ist ein erfahrener Kicker (383 Bundesliga-Spiele), ohne Murren flexibel einsetzbar und auf einer Wellenlänge mit dem Trainer. Ein feiner Kerl, aber - um leicht abgewandelt den schottischen Ex-Profi und BBC-Experten Andy Gray zu zitieren: „Can he do it on a cold rainy night in Sinsheim?“

Abstieg, Relegation, solider Mittelfeldplatz?

Beim Blick in die diesjährige VfB-Glaskugel sieht man nur undurchdringlichen, grau wabernden Nebel. Abstieg, Relegation, solider Mittelfeldplatz, Euro League? Alles kann, nichts muss. Für eine seriöse Prognose beinhaltet die Gleichung schlicht zu viele Unbekannte - selbst für den studierten Mathematiker Matarazzo.

Fest steht einzig: Der VfB ist die größte Wundertüte der Liga und muss Fußball-Deutschland sowie den eigenen Fans erst einmal zeigen, was er wirklich draufhat.