Interessantes Projekt

Corona-Doku aus Handy-Videos

#EchtzeitExperiment
Ein Mann mit Mundschutz hält in einem Ausschnitt aus der "Corona-Rolle" ein Schild mit der Aufschrift "Bitte skyped nicht ohne Mundschutz" hoch. Foto: --/EchtzeitExperiment/dpa © --

Wien (dpa) - Leere Straßen und Parks, Schlangen vor Supermärkten, einsame Tage, unausgelastete Kinder: Der Corona-«Lockdown» im Frühjahr versetzte viele Menschen in einen Ausnahmezustand.

Einen ungewöhnlichen Film über die ebenso ungewöhnliche Zeit und ihre Auswüchse hat das österreichische Kunstprojekt «#Echtzeitexperiment» zusammengestellt. Aus mehr als 1500 eingereichten Handy-Videos schnitten die Künstlerinnen die «Corona_Rolle». Rund 500 Menschen stellten private Aufnahmen von März bis Juni zur Verfügung - von bizarr bis banal und ein «historisches Zeitdokument», wie die Regisseurin und künstlerische Leiterin Elisabeth Scharang es nannte.

«Irgendwie merkt man, das Komische und das Tragische, das ist so nah beieinander», sagte Scharang der Deutschen Presse-Agentur in Wien. «Ich gehe davon aus, dass die Menschen in diesen Lockdown-Wochen Dinge gemacht haben, die sie ganz, ganz sicher vorher noch nie gemacht haben, und das Interessante ist, dass sie das festgehalten haben auf Video, warum auch immer.»

Der Film, streng chronologisch nach dem Datum der Aufnahmen geordnet, zeigt den «Lockdown» in Phasen der Absurdität. Zunächst überwiegen die Beobachtungen der seltsamen neuen Zeit, die Supermärkte, die Straßen. Nach einigen Wochen, so beschreibt Scharang, eskaliere die Stimmung dann: «Es wird immer verrückter, die Leute malen sich an, und dann merkt man die Phase, wie das Leben und der Alltag zäh wird, die Kinder werden lauter, der Alltag wird unorganisierter.»

Typisch für die Zeit ist auch die Entstehung des Projekts «#Echtzeitexperiment» - zwei weitere Filme gehören dazu - selbst: Die acht Künstlerinnen und Künstler fanden einander während des Lockdowns über eine Facebook-Gruppe, so Scharang. Nach der Premiere am Samstagabend soll die «Corona_Rolle» eine Woche lang an Hauswände in Wien gestrahlt werden. Eine anderthalbstündige Fassung läuft im Kino.

«Wir glauben, dass es notwendig ist, einen öffentlichen Raum zu schaffen, in dem die Menschen die Möglichkeit haben, diese erste Zeit der Pandemie nochmal zu reflektieren und zu schauen, was ist da gewesen», sagte Scharang. «Es müsste aus jedem Land eigentlich eine Corona-Rolle geben. Die deutsche würde sicher ganz anders ausschauen, die italienische sowieso, und das ist ein Abbild, wie Menschen mit Krisensituationen umgehen.»

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