«Wir sind fassungslos»

Deutschlands Kultur fährt wieder runter

Kinobranche
Die Kinosäle bleiben wieder leer. Foto: Julian Stratenschulte/dpa © Julian Stratenschulte

Berlin (dpa) - Eigentlich ist jetzt die wichtige Zeit. Für Kinos sind die grauen Monate die guten. Wenn es draußen nieselt und schon nachmittags dunkel wird, laufen die Blockbuster. In diesem Jahr allerdings sind die Starts vieler Filme abgesagt - und Kinos sollen wieder schließen. Ein Monat Stillstand, um das Virus auszubremsen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) spricht von einer «Vier-Wochen-Therapie». Nicht nur Filmtheater, auch Theater, Opern und die Gastronomie sollen dichtmachen. Fragt man die Kulturbranche, wie viel Therapie darin steckt, stößt man auf Unmut.

«Wir können alle nur inständig hoffen, dass der Patient Deutschland Herrn Söders «Vier-Wochen-Therapie» auch wirtschaftlich überlebt», sagt Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino). Nur wenn es jetzt sofort unbürokratische Finanzhilfen gebe, würden Kinos diese «erneute Radikalkur» durchstehen.

Schon im Frühjahr hatten viele Einrichtungen bundesweit geschlossen. Seitdem haben viele Häuser investiert. In Plexiglasscheiben an der Kasse, in Online-Ticketsysteme, in Desinfektionsmittel. Vor allem in Abstand. Im Kino bleiben Plätze frei. Das Berliner Ensemble und das Münchner Residenztheater hatten zwischenzeitlich ganze Sitzreihen ausgebaut.

Mittlerweile aber sind die Infektionszahlen in Deutschland wieder stark gestiegen. Binnen eines Tages wurden zuletzt rund 16.800 neue Ansteckungen gemeldet, wie aus Angaben des Robert Koch-Instituts vom Donnerstagmorgen hervorgeht.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs haben vereinbart, das öffentliche Leben ab Montag wieder herunterzufahren. Wenn man warten würde, «bis die Intensivstationen voll sind», wäre es zu spät, verteidigte Merkel den Beschluss am Donnerstag. Nun sollen beispielsweise Geschäfte und Schulen offen bleiben, Restaurants und Freizeiteinrichtungen aber schließen.

Der Kinoverband spricht von einem «ständigen Auf und Ab». Seit sechs Monaten arbeiteten sie mit Sicherheitskonzepten, großen Räumen, Belüftungsanlagen und einer geringeren Auslastung. «Die Kinos übernehmen eine große Verantwortung für ihre Besucher und dennoch nützt ihnen das überhaupt nichts», teilte HDF-Vorstand Berg mit. «Wir sind fassungslos.»

Wirtschaftlich sei das Ganze eine Katastrophe, sagt auch Christian Bräuer von der AG Kino. Dem Verband gehören Arthouse-Kinos an. Auch sie sähen natürlich die Entwicklung der Infektionen mit Sorge. Aber Kinos seien sichere Orte, das hätten sie mit der Umsetzung von Hygienekonzepten bewiesen. «Das Publikum ist sehr diszipliniert.»

Ähnlich argumentieren auch andere Kulturverbände. Es gebe bisher «keine gemeldeten Fälle von Museen als Infektions-Hotspots», hatte etwa der Deutsche Museumsbund vor den Beratungen mitgeteilt.

Was weiß man also zur Frage, wo sich Menschen anstecken? Vom Robert Koch-Institut heißt es, dass viele der nachvollziehbaren Fälle auf private Treffen und Gruppenveranstaltungen zurückgehen. Die Angaben seien aber mit Zurückhaltung zu interpretieren. Ein wichtiger Punkt dabei: Nur für einen Bruchteil lässt sich nachvollziehen, wo die Ansteckung wahrscheinlich stattfand.

Aus Sicht des Bremer Epidemiologen Hajo Zeeb ist die Schließung der Kultur durchaus bitter. Ihm mache es Sorgen, dass der Bereich als nicht so entscheidend angesehen werde. Die Kulturbetriebe hätten gute Hygienekonzepte entwickelt. «Auf der anderen Seite sind das Veranstaltungen, wo Menschen zusammenkommen - auch bei guten Konzepten.» Es gebe die An- und Abreise, es komme zu Kontakten, dabei müsse das Ziel eine Kontaktverminderung sein.

In Teilen der Kulturbranche wächst nun die Zukunftsangst. Die Schätzungen, wie viel Minus die Kinos in diesem Jahr einfahren, gehen auseinander. Die Filmförderungsanstalt hatte eine Analyse beauftragt, die im Sommer ein Minus zwischen 225 Millionen und 325 Millionen Euro prognostizierte. Das war noch vor Ankündigung der zweiten Schließung. Beim HDF ist derzeit von einem prognostizierten Verlust von etwa einer Milliarde Euro die Rede.

Der Bund hat für die Wirtschaft neue Hilfsgelder in Höhe von zehn Milliarden Euro angekündigt. Firmen, die besonders von den neuen Regeln betroffen sind, sollen große Teile ihres Umsatzausfalls ersetzt bekommen. Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern und Solo-Selbstständige sollen 75 Prozent ersetzt bekommen. Für größere Unternehmen werden die Sätze von Fall zu Fall unterschiedlich sein.

Es sei das Mindeste, dass die Politik den Branchen nun stark unter die Arme greife, hatte HDF-Vorstand Berg gefordert. Die Tücke liege jedoch im Detail. Die letzten Monate hätten gezeigt, dass viele Kinobetriebe durch Förderraster gefallen seien - etwa wegen der Zahl ihrer Mitarbeiter, Leinwände oder Standorte.

Unterstützung sei existenzwichtig, sagt auch Programmkinochef Bräuer, der Kinos in Berlin betreibt. Er gibt zu bedenken, dass ein Lockdown in der Branche auch dann noch Auswirkungen haben kann, wenn er eigentlich wieder vorbei ist. Das habe man im Frühling gesehen.

Denn Kinos alleine funktionieren nicht. Läuft alles im Normalbetrieb, sind sie Teil einer ziemlich gut geölten Maschine. Produktion, Marketing, öffentlichkeitswirksame Premieren und Filmkritiken - das alles passiert, bevor ein Film überhaupt anläuft. Mittlerweile ist die Maschine ins Stottern geraten. Große Filme wie der neue «James Bond» sind verschoben, die Disney-Neuverfilmung «Mulan» wanderte gleich in den Streamingdienst ab. Auch der neue Animationsfilm «Soul» soll gleich online laufen.

Andere Verleiher zeigten sich solidarisch. So sollte etwa der Krimi «Kaiserschmarrndrama» Mitte November anlaufen, jetzt muss ein neues Datum her. Constantin Film will aber an einem bundesweiten Starttermin noch in diesem Jahr festhalten. Auch der Kinostart von Sönke Wortmanns «Contra» war auf Dezember vorgezogen worden. Entscheidungen, die die Kinobranche als Hoffnungssignal deutete.

Jetzt herrscht wieder Unsicherheit. Können die Kinos auch wirklich wieder im Dezember aufmachen? Und was ist mit den Filmen, die jetzt gerade erst angelaufen sind? Die würden «abgewürgt», sagt Bräuer. Dabei seien durchaus wichtige Filme für die Arthouse-Branche dabei - «On the Rocks» von Sofia Coppola, der Krimi «Eine Frau mit berauschenden Talenten» oder Miranda Julys «Kajillionaire».

Eigentlich hätte jetzt auch der Gewinnerfilm der Berlinale anlaufen sollen. «Doch das Böse gibt es nicht» aus dem Iran ist auf ungewisse Zeit verschoben. «Wir haben in den letzten drei Monaten auf den Start hingearbeitet und fast eine Viertelmillion Euro in den Film investiert», erklärt der Verleih Grandfilm. «Dass wir ihn jetzt nicht auswerten können, stellt für uns eine existenzielle Bedrohung dar.»

Auch in der Theaterszene gibt es wieder offene Fragen und Unmut. Die neue Chefin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, warf der Politik in der «Süddeutschen Zeitung» «komplette Willkür» vor. Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) findet es unsinnig, dass Theater wieder schließen sollen. «Wir werden in Mithaftung genommen für eine Symbolpolitik», sagt der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater in Stuttgart, Marc-Oliver Hendriks. «Das schmerzt.»

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