Nur mit Hut

Grandiose Stimme: Van Morrison wird 75

Musiker Van Morrison
Van Morrison bei einem Konzert in Wien 2015. Foto: Georg Hochmuth/APA/epa/dpa © Georg Hochmuth

London (dpa) - Vor seinem 75. Geburtstag überraschte Van Morrison seine Fans mit einer sehr kurzfristigen Konzertankündigung. Anfang September will der nordirische Sänger an zwei Abenden in London auftreten - vor reduziertem Publikum und mit Mindestabstand, versteht sich.

Auch nach über 50 Jahren im Geschäft hat der fleißige Musiker, dessen optische Markenzeichen der Hut, die Sonnenbrille und der meist dunkle Anzug sind, keine Lust, musikalisch kürzer zu treten. Allein in den letzten fünf Jahren veröffentlichte er stolze sieben Alben.

Im März hatte Van Morrison in einem seiner seltenen Interviews der Zeitung «The Independent» gesagt, er werde «langsam etwas faul» und wolle wieder anfangen zu schreiben. Eine wahrnehmbare längere Pause gab es für ihn kaum, seit sein Vater dem damals Elfjährigen eine Gitarre kaufte und so eine große Musikerkarriere in Gang setzte.

Im zarten Alter von zwölf Jahren gründete Morrison, der am 31. August 1945 in Belfast geboren wurde, seine erste Band. Nach der Gitarre lernte er Saxofon zu spielen. Später kam der Gesang. «Ursprünglich war ich gar kein Sänger, aber niemand anders konnte singen», sagte Morrison dem «Independent», «so wurde ich dann der Leadsänger.»

Zu seinen Vorbildern zählten legendäre Künstler wie Mahalia Jackson, Ray Charles und Muddy Waters genauso wie Woody Guthrie und Hank Williams. «Nach einer Weile hab ich meinen eigenen Stil entwickelt», so Morrison. «Niemand will eine Kopie von einer Kopie, man muss der Musik seinen eigenen Stempel aufdrücken.» Das ist dem Eigenbrötler, der mitunter als stur und verschwiegen wahrgenommen wird, gelungen. Vielen gilt Morrison als der beste weiße Rhythm-&-Blues-Sänger.

Auf die musikalische Entwicklung des jungen George Ivan Morrison hatte auch die riesige Schallplattensammlung des Vaters maßgeblichen Einfluss. Von Blues, Gospel und Jazz bis zu Folk und Country - so ziemlich jedes Genre, das sich Morrison später als Künstler zu eigen machte, lief damals in seinem Elternhaus auf dem Plattenspieler.

Die Schule beendete Morrison ohne Abschluss. Sein Geld verdiente er erstmal als Fensterputzer. Später sang er darüber. Doch schnell trug sein musikalisches Talent erste Früchte. Mit der Band The Monarchs tourte «Van The Man» schon als Teenager durch Deutschland. Die Gruppe spielte in US-Soldatenclubs und Musikkneipen. In Köln nahm sie sogar eine erste Single auf. Als Bezahlung gab es damals Cognac.

Später gelangen Morrison mit der von ihm gegründeten Band Them trotz mehrerer Besetzungswechsel in zwei Jahren einige Hits, darunter «Here Comes The Night», «Mystic Eyes» und die Coverversion des Bluesklassikers «Baby, Please Don't Go». Deren B-Seite «Gloria» wurde ein Überraschungserfolg Jimi Hendrix, Patti Smith und die Doors, die zeitweise Vorband von Them waren, coverten «Gloria» später.

Nach der Trennung von Them kam Morrisons Solokarriere schleppend in die Gänge, obwohl er mit «Brown Eyed Girl» (1967) einen Hit hatte. Sein erstes Soloalbum «Blowin' Your Mind!» erschien ohne Morrisons Wissen. Und vor der Veröffentlichung von «Astral Weeks» (1968) war der junge Sänger fast pleite. Doch dieses zweite Album änderte alles. Die progressive Mischung aus Folk, Jazz und Soul klang zwar völlig anders als das launige «Brown Eyed Girl», doch sie wurde ein Erfolg. «Astral Weeks» gilt als wegweisend für Morrisons Karriere und taucht bis heute in den Bestenlisten renommierter Musikmagazine auf.

Der Millionenseller «Moondance» machte den Iren zwei Jahre später endgültig zum Star. Fortan produzierte er ein Album nach dem anderen. «It's Too Late To Stop Now», ein Zusammenschnitt von Konzerten, die der schweigsame Künstler in Kalifornien und London gegeben hatte, ist ein Klassiker unter den Live-Scheiben der 70er Jahre. Wenn ihm sein Publikum zujubelt, bekomme er das kaum mit, erzählte Morrison dem «SZ Magazin», denn: «Wenn ich Musik mache, bin ich ganz woanders.»

In den späten 80er Jahren wurde das Multitalent ungewollt Lieferant für Schmusesongs, die auf Soundtracks romantischer Komödien landeten, wie «Someone Like You» oder die Hitballade «Have I Told You Lately». Ein Missverständnis, denn der dreifache Vater, der zweimal geschieden ist, hatte letztere als Gebet geschrieben. Doch der Song funktioniert eben auch als irdisches Liebeslied. Privat ist Morrison spirituell, einer Religion gehört er nach eigener Aussage aber nicht an.

Auch ein Album mit traditionellen irischen Volksliedern nahm er 1988 auf. Seinen keltischen Wurzeln blieb der nimmermüde Sänger, der in den 70er Jahren lange in Kalifornien lebte, stets treu. Und immer wieder experimentierte Sir Ivan, der 2015 von Queen Elizabeth II. geadelt wurde, ohne Rücksicht auf gängige musikalische Konventionen. Meistens gefiel es seinem Publikum. Zuletzt entzückte er mit «Three Chords & The Truth» Kritiker und Fans gleichermaßen.

Dem Musikmagazin «Uncut» gestand Morrison 2017, er habe keine Lust mehr, Alben zu machen. «Ich habe Spaß daran, die Stücke aufzunehmen» sagte er, «aber dann dieses Abmischen und der ganze Rest, das ist so langweilig.» Trotzdem hat der «König der irischen Soulsänger» («Rolling Stone») als Solokünstler mittlerweile 41 Studioalben in seiner offiziellen Discographie. Und die Chancen, dass Van Morrison in den kommenden Jahren noch weitere veröffentlicht, stehen gut.

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