Geschichte

«Hitler entsorgen» - Umgang mit NS-Devotionalien

Museum thematisiert Umgang mit NS-Devotionalien
Das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) stellt Objekte aus der Nazi-Zeit aus. Foto: Klaus Pichler/HDGÖ/APA/dpa © Klaus Pichler

Wien (dpa) - Was tun mit Nazi-Devotionalien? Unter dem Titel «Hitler entsorgen - Vom Keller ins Museum» befasst sich das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) in Wien in einer kleinen Schau (bis 9.10.2022) nun mit dieser Frage.

Fast jede Woche würden dem Museum von privater Seite Objekte aus der Nazi-Zeit angeboten, sagt die Direktorin Monika Sommer. Zu den 14 Ausstellungsstücken zählen ein Schmuckbajonett der Wehrmachts-Soldaten, sogenannte Knipseralben von Frontsoldaten, in denen sie in meist verharmlosender Weise den Kriegsalltag ablichteten, oder auch ein besonderes Mikrofon. Der Diktator Adolf Hitler (1889-1945) soll es bei seiner ersten Rede nach dem «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 in Linz verwendet haben. Jahrzehntelang habe dieses Mikrofon in einem Büro des ORF-Landesstudios gelegen, so Sommer.

Florierender Markt

Der Markt für Erinnerungsstücke an das NS-Regime floriere weiterhin, sagt Kurator Stefan Benedik. Ein für Hitler ausgestellter Ehrenbürgerbrief der Stadt Langensalza in Thüringen sei im Netz für knapp 10 000 Euro angeboten worden - obwohl es ganz viele ähnliche Dokumente anderer Städte gebe. Die Anbieter machten sich in Österreich jedoch leicht strafbar, da nütze ihnen auch das Retuschieren von Hakenkreuzen bei Inseraten nichts. «Sobald eine NS-Devotionalie nicht nur im kleinen privaten Kreis gezeigt, sondern öffentlich angeboten wird, verstößt das in Österreich gegen das Gesetz», sagte Benedik. Umso mehr stelle sich für Nachfahren und Erben die Frage, wohin zum Beispiel mit teils kistenweise gesammelten Abzeichen des Winterhilfswerks, sagt Sommer.

Dabei wirkten diese seit 1933 verkauften Abzeichen mit ihren Blumen-, Tier- und Trachten-Motiven so perfekt harmlos, dass sie zunächst kaum mit einem verbrecherischen Regime in Verbindung gebracht würden, so die HdGÖ-Direktorin weiter. Ganz harmlos scheint auch der Puppenwagen, den ein Wehrmachtssoldat nach dem Krieg aus einer Feldpostkiste gebastelt hat. Aus Interviews gehe aber eindeutig hervor, dass in dieser Kiste Raubgut aus dem Frankreich-Feldzug nach Haus geschickt wurde. Statt sich von diesem Kriegsverbrechen abzuwenden, sei aus dem Relikt ein Kinderspielzeug samt sichtbarer Versandadresse entstanden, sagt Benedik.

Bronzebüsten aus dem Panzerschrank

In einem Panzerschrank im Müllraum des österreichischen Parlaments lagerten die zwei Bronze-Büsten des in Österreich geborenen Hitler, die jetzt in der Schau zu sehen sind. Sie seien 2017 bei der Renovierung des Parlamentsgebäudes gefunden worden, so Sommer. Ein Schlaglicht wirft die Ausstellung auch auf das nie wirklich wirksame Verbot von NS-Liedgut. Die Lieder seien unbedacht gesungen, teils aber auch mit Absicht oder als Mutprobe angestimmt worden, heißt es in der Schau. Die Unbekümmertheit oder Faszination zeige die ausgestellte Sammlung von Liederheften des «Bunds Deutscher Mädel» (BDM), die eine Musiklehrerin bei privatem Flötenunterricht noch Jahrzehnte lang benutzt habe. Sie hatte dafür nur die BDM-Kennung überklebt.

Wo die Grenze zwischen Dokumentation und fragwürdiger Faszination liege, werde selten diskutiert, meint Sommer. «Generelle Handlungsempfehlungen sind schwierig, man muss tatsächlich jeden Fall einzeln bewerten.»

© dpa-infocom, dpa:211212-99-352045/3