Hamburger Barclays-Arena

Konzert-Marathon in fast leerer Arena

Konzert-Marathon
Nur ein paar hundert Zuschauer sitzen während des Livestreams in der sonst leeren Barclays Arena vor der Bühne. Foto: Jonas Walzberg/dpa © Jonas Walzberg

Hamburg (dpa) - Die Bässe wummern, die Lichter zucken, den Künstlerinnen und Künstlern steht die Spielfreude ins Gesicht geschrieben: In der Hamburger Barclays-Arena haben am Dienstag rund 50 namhafte oder aufstrebende Musiker vor fast leeren Rängen auf der Bühne gestanden.

Sie haben trotzdem mehrere tausend Menschen erreicht.

Pohlmann, Cassandra Steen, Revolverheld, Laith Al-Deen, Max Giesinger, Eko Fresh, Joris, Antje Schomaker, Lina Larissa Strahl, die Lochmann-Zwillinge He/Ro, Luna, Deine Freunde, Alex Diehl, WHT?!, Älice, Deine Cousine, Nessi, ... - die Liste des Abends war scheinbar endlos. Acht Stunden lang sollte der Konzert-Marathon kostenlos und live von Amazon Music auf Twitch.tv übertragen werden.

«Wir haben ein Wahnsinns-Line-Up. Es ist toll, dass wir das machen können. Aber auch traurig, dass wir das noch immer machen müssen», sagte Moderator Steven Gätjen kurz nach Beginn der besonderen Show.

Mehr als nur Euphorie

Denn den Musikern und Mitarbeitern auf und hinter der Bühne ging es bei dem Schlagabtausch nicht nur um die Euphorie des Auftritts, sondern vor allem um viele Spenden. Mit dem Spenden-Streaming-Konzert des Projektes «AllHandsOnDeck» soll Geld zugunsten von existenzgefährdeten Konzertmitarbeiterinnen und -mitarbeitern sowie Künstlerinnen und Künstlern gesammelt werden.

Am Ende des Konzerts waren auf der Online-Spendenplattform Betterplace.org fast 102.000 Euro zusammengekommen. Die Organisatoren hoffen zudem drauf, dass auch nach der Veranstaltung noch weiter gespendet wird. Die Branche zählt zu den Wirtschaftszweigen, die von den Corona-Einschränkungen seit März 2020 am intensivsten betroffen waren und sind.

Finanzielle Unterstützung

Das Geld geht den ehrenamtlichen Veranstaltern zufolge an vier Vereine und Organisationen, die die Spenden an die Menschen in der Branche verteilen, die die finanzielle Unterstützung gerade am dringendsten brauchen.

Dass er einen Teil dazu beitragen möchte, war Sänger Laith Al-Deen sofort klar. «Die Veranstaltung war von vornherein deklariert für viele vor und hinter der Bühne, die über den Tellerrand fallen. Und sie fallen immer noch. Es gibt wahnsinnig viele Leute, ohne die könnte ich gar nicht hier sein. Der ganze Apparat wackelt in sich und bröselt langsam vor sich hin.»

Die Probleme sind auch der Politik bekannt. «Die letzten Monate haben der Kultur wieder viel abverlangt, und der Livemusikbranche ganz besonders. In dieser Situation richtet AllHandsOnDeck zum zweiten Mal den Spot auf diejenigen, die auf und hinter der Bühne immer wieder einmalige Konzerterlebnisse möglich machen», sagte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. «Nach fast zwei Jahren der Pandemie geht es jetzt darum, dass wir sie nicht verlieren, sondern dass es für sie weiter eine Perspektive in der Musikbranche gibt.»

Bei vielen Musikern ist indes die Geduld fast aufgebraucht. Sänger Wincent Weiss zeigte sich - vor allem mit Blick auf bis vor kurzem noch fast volle Fußballstadien und die Ungleichbehandlung - frustriert. «Mein letztes Konzert war hier 2019. Das ist schon lange, lange her. Uns allen zuliebe: Ich möchte, dass wir endlich wieder Konzerte spielen können, wie es sich für eine Veranstaltungsbranche gehört.»

Von Rap bis Soul

Der Konzert-Abend war für die Fans an den Bildschirmen - und für die wenigen, die Tickets für die Arena gewonnen hatten - ein schöner Querschnitt durch die musikalische Landschaft. Ob Rap, Hip-Hop, Pop, Rock, Singer-Songwriter, Soul - fast alle Genres waren auf der Bühne vertreten. Und den Künstlerinnen und Künstlern war vor allem eines gemein: die unbändige Freude darüber, vor Publikum auftreten zu können.

Auch Soul-Sängerin Cassandra Steen war für zwei Lieder in die Arena gekommen. «Es ist der Wahnsinn. Man hat diese Riesenhalle und es ist grundsätzlich schon schön, überhaupt ein Publikum zu haben und die Möglichkeit, mit anderen Künstlern aufzutreten.»

Auch Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel war die Begeisterung über den Auftritt und das Projekt deutlich anzumerken. «Echte Menschen, hammergeil.» Er warb nachdrücklich fürs Spenden: «Ich mag das eigentlich nicht, zu betteln. Aber das ist Kohle für die ganze Peripherie, die dafür sorgt, dass hier überhaupt das Licht an ist.»

© dpa-infocom, dpa:211214-99-384522/4