Afrofuturismus

New York: «Black Panther» im Central Park

Black Panther im Central Park
Ein Schild weist hin auf das einstige Seneca Village im Central Park, die erste New Yorker Ansiedlung befreiter Afro-Amerikaner. Foto: Christina Horsten/dpa © Christina Horsten

New York (dpa) - Kinder spielen Fußball auf einer Wiese, Spaziergänger halten ihre Gesichter in die Sonne, lassen ihre Hunde an Bäumen schnüffeln, und auf einer Bank spielt ein Musiker Gitarre.

Im oft harmonischen Alltag des New Yorker Central Parks fallen einige braune Schilder an der mittleren Westseite des Geländes nur selten auf. «Discover Seneca Village» steht in weißen Buchstaben darauf - entdeckt das Dorf Seneca.

Viel Grün in der Millionenmetropole

Der Central Park, der schon in unzähligen Hollywood-Filmen als Kulisse diente, gehört mit mehr als 40 Millionen Besuchern im Jahr zu den beliebtesten Attraktionen der Millionenmetropole. Die von den Landschaftsarchitekten Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux 1876 fertiggestellte, rund 3,5 Quadratkilometer große Grünanlage scheint aus dem Stadtbild heute nicht mehr wegzudenken - aber für ihre Erschaffung musste damals das Seneca Village weichen, die erste Ansiedlung befreiter Afro-Amerikaner in New York.

1825 hatten die Besitzer John und Elizabeth Whitehead ihr Land - gelegen etwa zwischen der 82sten und 89sten Straße auf der Westseite des heutigen Parks - in 200 Parzellen aufgeteilt und verkauft. Andrew Williams, ein 25 Jahre alter afro-amerikanischer Schuhputzer, kaufte die ersten drei Parzellen für 125 Dollar. Die Verkäuferin Epiphany Davis kaufte 12 Parzellen für 578 Dollar. Über die Jahre entstand so eine kleine Ansiedlung - bestehend hauptsächlich aus frei geborenen oder aus der Sklaverei befreiten Afro-Amerikanern, sowie einigen irischen und deutschen Einwanderern.

In Vergessenheit geraten

Um 1850 bestand die Ansiedlung bereits aus rund 50 Häusern, drei Kirchen, Friedhöfen und einer Schule. «Seneca Village war eine der wenigen afro-amerikanischen Ansiedlungen zu dieser Zeit und ermöglichte den Bewohnern ein Leben fernab der zugebauten Teile im Süden Manhattans und fernab der ungesunden Bedingungen und des Rassismus, der sie dort konfrontierte», heißt es von der Verwaltung des Central Parks. 1857 aber entschied die New Yorker Stadtverwaltung, Seneca Village abzureißen und den Central Park anlegen zu lassen.

Danach war die Ansiedlung lange in Vergessenheit geraten. Vor einigen Jahren begann die Parkverwaltung, mit Schildern auf die einstige Existenz des Dorfes hinzuweisen - und nun bekommt Seneca Village die ganz große Bühne, direkt gegenüber auf der anderen Seite des Central Parks im renommierten Metropolitan Museum. «Was, wenn diese Ansiedlung die Chance gehabt hätte, zu wachsen und zu gedeihen?», fragt dort seit kurzem die Ausstellung «Before Yesterday We Could Fly».

Nur ein einziger Raum

Die Schau besteht nur aus einem einzigen Raum, aber sie ist dauerhaft angelegt - und spielt mit einem etablierten Ausstellungskonzept des Metropolitan Museums, dem sogenannten «Period Room». Dabei handelt es sich um spezielle Zimmer in den Dauerausstellungen, die die Besucher unter anderem mit Möbeln, Tapeten und Kunst gefühlt in spezielle Zeitperioden an speziellen Orten transportieren sollen - ins Frankreich des 18. Jahrhunderts beispielsweise, oder ins antike Rom. Diese Räume hätten eine «ganz besondere Magie», schrieb jüngst die «Vogue» - aber bislang befassten sie sich so gut wie ausschließlich mit Leben und Werk weißer historischer Figuren.

Jetzt hat das «Met» erstmals einen «afrofuturistischen Period Room», entworfen von Szenenbildnerin Hannah Beachler, die unter anderem an Beyoncés Musikfilmprojekt «Lemonade» beteiligt war und für ihre Arbeit an dem Film «Black Panther» einen Oscar gewann. «Dieses Projekt ist wichtig für mich, weil es eine notwendige Unterhaltung über Zeit, Verlust, Gemeinschaft und Hoffnung darstellt», sagte Beachler. Der Raum biete «eine wichtige Chance, neue Dialoge zu beginnen, und Geschichten zu illustrieren, die zwischen unseren Wänden bisher noch nicht erzählt wurden», sagte auch der österreichische Museumsdirektor Max Hollein.

In dem bunt tapezierten Zimmer ist ein kleines Haus angedeutet, gefüllt mit Kunstwerken und Gegenständen wie Schüsseln und Kämmen - inspiriert von Gegenständen aus dem echten Seneca Village, die 2011 bei Ausgrabungen der Columbia University gefunden wurden. Dazu läuft eine Video-Installation.

Historische Vertreibung

«New York Times»-Kritikerin Salamishah Tillet feierte die Ausstellung als «eines der wohl-überlegtesten Reparationsprojekte», die das in der Vergangenheit häufig für eine zu eingeschränkt weiße und auch männliche Perspektive auf die Geschichte der Kunst kritisierte Metropolitan Museum bislang hervorgebracht habe. «Idealerweise ist der Raum so eindringlich und suggestiv, dass der Besucher sich anschließend den nur ein paar Minuten entfernten Ort des einstigen Seneca Village im Central Park anschauen geht - und sieht, dass der Zusammenprall von historischer Auslöschung und künstlerischer Spekulation, erzwungener Vertreibung und Träumen von schwarzer Freiheit so erschütternd und unfair ist, dass wir alle trauern und gemeinsam die schwierige Arbeit der wirtschaftlichen und emotionalen Wiedergutmachung beginnen.»

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