Bühne ist Leben

Opernfestival «Bayreuth Baroque» feiert Premiere

Opernfestival «Bayreuth Baroque»
Das Ensemble spielt bei einer Probe zur Neuinszenierung der Oper «Carlo il Calvo». Foto: Falk von Traubenberg/Ophelias Culture PR/dpa © Falk von Traubenberg

Bayreuth (dpa) - Das Opernpublikum in Bayreuth ist routiniert - doch bei der Premiere des neuen Opernfestivals «Bayreuth Baroque» ist alles ein bisschen anders.

In der Corona-Krise zählt die Maske zu Abendrobe und Anzug zum Dresscode, das Programm lässt sich mit dem Handy über einen QR-Code abrufen. Ordner weisen erst auf den Abstand, dann auf die Plätze hin.

«Ist das ein trauriger Anblick», meint ein Zuschauer am Donnerstagabend beim Blick auf den nur spärlich besetzten Saal im Markgräflichen Opernhaus. Jede zweite Reihe bleibt frei, zwei unbesetzte Plätze zwischen den Operngästen dienen dem Abstand - und als Garderobe, die in der Corona-Krise genauso geschlossen bleibt wie die Gastronomie im Inneren des Opernhauses.

Doch dann betritt George Petrou, der musikalische Leiter, den Orchestergraben, legt seine Maske über eine unbesetzte Stuhllehne in der ersten Reihe und gibt die ersten Takte an. Der Vorhang öffnet sich und Bayreuth ist endlich wieder Opernstadt.

Mit der Neuinszenierung der seit fast 300 Jahren unbeachteten Oper «Carlo il Calvo» von Nicola Antonio Porpora lässt der künstlerische Leiter Max Emanuel Cencic alles vergessen. Bei seinem ersten Auftritt seit Beginn der Krise versucht er als Countertenor in der Rolle eines machtsüchtigen Tyrannen, seinem kleinen Stiefbruder die Herrschaft als rechtmäßiger Thronerbe zu entreißen.

Die Entführung des jungen Erben treibt Suzanne Jerosme in der Rolle seiner Mutter in die Verzweiflung. Auch das frisch verliebte Paar mit dem Nachwuchsstar Julia Lezhneva und dem nicht weniger gerühmten Franco Fagioli als edlen Ritter leidet unter den Machtstreitigkeiten. Ihre Liebe droht zu zerbrechen. Doch so dramatisch die Handlung auch sein mag, entlockt die leichte Inszenierung vor der Kulisse Kubas in den 1920er Jahren dem Publikum immer wieder ein Schmunzeln und Bravorufe.

Für die Barockoper hätte sich Max Emanuel Cencic wohl keinen geschichtsträchtigeren Ort aussuchen können. Das Markgräfliche Opernhaus ließ Wilhelmine von Bayreuth zur Hochzeit ihrer Tochter im Jahr 1748 errichten. Der prunkvolle Saal mit seiner barocken Illusionskunst gehört zu den wenigen noch erhaltenen Theaterbauten des 18. Jahrhunderts in Europa.

Noch vor der Sanierung und Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe 2012 hatte das Kulturamt der Stadt Bayreuth dort ein Festival unter dem Namen «Bayreuther Barock» organisiert - auch Cencic stand damals auf der Bühne. Zur Wiedereröffnung des Opernhauses kam der Countertenor zurück und entwickelte die Idee eines jährlichen Barockfestivals mit unbekannten Werken aus der Entstehungszeit des Markgräflichen Opernhauses. «Bayreuth hat eine sehr lange Operngeschichte», betonte Cencic vor der Premiere. Ein Barockfestival im Markgräflichen Opernhaus «war eigentlich längst überfällig.»

Auch Festspiel-Gründer Richard Wagner faszinierte einst die Operngeschichte der Stadt, doch die Bühne im Markgräflichen Opernhaus erschien ihm für seine Werke unpassend. Sein eigens errichtetes Festspielhaus blieb wegen der Corona-Krise dieses Jahr verlassen - und ausgerechnet die Architektur des einst verschmähten Markgräflichen Opernhauses ermöglicht nun doch den Opernbesuch in Bayreuth.

Der Saal verfüge nämlich über eine «ganz ungewöhnliche Lüftung», erzählte Andreas Schwarzkopf, der das Opernhaus als Hygieneexperte vor dem Start des Festivals untersucht hatte. Unter jedem Sitz sei ein eigener Luftauslass angebracht, der das hauptsächlich aus Holz gefertigte Logenhaus vor Rissen und Schimmel schützen solle. Die Luft gehe «wie ein Vorhang vor jedem Sitz nach oben», erklärte der Mediziner. Das Ansteckungsrisiko sei deshalb ähnlich wie beim Einkaufen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Trotzdem dürfen der Premiere nur 200 Zuschauer lauschen - statt wie geplant 490. «Wir mussten leider die ganzen Karten zurückgeben», sagte Cencic. «Das ist schon ein bisschen schmerzlich.» Viele Operngäste wären von weit her angereist und hätten schon Hotelzimmer gebucht. Doch das Festival ganz abzusagen, kam für den 43-Jährigen nicht infrage. Es sei für ihn das wichtigste Ziel gewesen, den freischaffenden Künstlern in der Krise eine Jobgarantie zu geben. «Es geht hier ja auch um Menschenschicksale», meinte Cencic. «Die Bühne bedeutet für viele Menschen einfach das Leben.»

Auch Bayerns Kunstminister Bernd Sibler (CSU) sprach zur Eröffnung des ersten Barockfestivals von einem «starken Signal, das Kunst, Kultur, die Musik wieder zurück sind.» Noch bis zum 13. September sind im Markgräflichen Opernhaus zwei Opern und mehrere Konzerte zu sehen. «Und wir werden «Carlo il Calvo» nächstes Jahr noch einmal wiederholen», versprach Cencic schon vor dem Festival. «Das ist für all diejenigen, die es dieses Jahr nicht gesehen haben.»

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