Halbzeit in Cannes

Sean Penn, starke Frauen und eine Provokation

Sean Penn
Der US-Schauspieler Sean Penn brachte seine Tochter Dylan mit nach Cannes. Foto: Vianney Le Caer/Invision/AP/dpa © Vianney Le Caer

Cannes (dpa) - Große Namen sind noch lange kein Garant für großes Kino. Das zeigte sich einmal mehr am Wochenende beim Filmfestival Cannes, wo die neuen Werke von Sean Penn und Paul Verhoeven ihre Premieren feierten und auch die Oscar-Preisträger Olivia Colman und Colin Firth zu sehen waren.

Ein so verheerendes Buh-Konzert wie bei seiner letzten Cannes-Premiere erlebte Sean Penn dabei zwar nicht. Und doch gab es andere Filme, die in der ersten Festival-Halbzeit deutlich mehr überzeugten - vor allem die mit starken Frauen.

Als Schauspieler hat der 60-jährige Penn bereits viel erreicht: Mit zwei Oscars und Rollen wie in «Dead Man Walking» und «Mystic River» zählt er zu den bekanntesten Darstellern seiner Generation. Auch seine Regiearbeit «Into the Wild» mit Kristen Stewart wurde gefeiert. Dann brachte er 2016 sein Romanzen-Drama «The Last Face» mit Charlize Theron und Javier Bardem nach Cannes und wurde ausgebuht.

Trotzdem kam Penn zurück, sogar in den Cannes-Wettbewerb und stellte dort am Samstagabend «Flag Day» vor. Dafür drehte er nicht nur mit Josh Brolin, sondern auch mit seiner Tochter Dylan Penn. Die beiden spielen Vater und Tochter, ihre Beziehung ist von zahlreichen Enttäuschungen und Verletzungen geprägt. So viel Drama und Emotionen diese Geschichte auch ausmachen: Penn bemüht sich um eine angestrengt-kunstvolle Inszenierung, während seine Story dünn und die Dialoge holprig bleiben. In der ersten Pressevorführung verursachte das mehr unfreiwillige Lacher als wirklichen Applaus.

Umso beeindruckender waren die Werke, die das Publikum mitrissen und begeisterten. Spannenderweise waren das in den ersten Festivaltagen vor allem Filme von oder mit Frauen - das ist gerade in Cannes erwähnenswert, wo seit Jahren über eine Frauenquote debattiert wird und auch in diesem Jahrgang nur bei 4 von 24 Wettbewerbsbeiträgen eine Frau Regie führte.

Dazu gehört «La Fracture» von der Französin Catherine Corsini. Als in Paris die Proteste der Gelbwesten gegen die Regierung eskalieren, kommen immer mehr Verletzte in die Notaufnahme einer Klinik. Die 65 Jahre alte Corsini erzählt von chronisch unterbesetzten Pflegeteams, einem maroden Gesundheitssystem und dem Kampf um angemessene Bezahlung.

Im Mittelpunkt allerdings steht Raf (Valeria Bruni Tedeschi), die nach einem Streit mit ihrer Lebensgefährtin und einem Armbruch ebenfalls im Krankenhaus landet. Bruni Tedeschi, die Schwester von Carla Bruni, spielt diese Rolle mit einer solchen Intensität, mit so viel Spaß und so einer Schnoddrigkeit, dass sie schon jetzt als heiße Favoritin für eine Auszeichnung gilt - wenn nicht «The Divide» selbst, wie der Film auf Englisch heißt, mit einem der Hauptpreise geehrt werden sollte.

Eine weitere Entdeckung ist «The Worst Person in the World», in dem der Norweger Joachim Trier von einer jungen Frau um die 30 erzählt. Julie muss ihren Platz im Leben noch finden und erkennen, was sie genau will. Neu ist diese Geschichte nicht, trotzdem bleibt dieser Film wegen seiner originellen Inszenierung und vor allem seiner Hauptdarstellerin in Erinnerung. Denn die bisher noch unbekannte Renate Reinsve verleiht ihrer Figur Tiefe, spielt aber gleichsam auch mit Leichtigkeit und macht so deutlich, warum das Zu-sich-finden nicht einfach, aber eine durchaus faszinierende Reise ist.

Auch «Benedetta» von Paul Verhoeven dreht sich um eine junge Frau: Benedetta ist eine lesbische Nonne. Der 82-jährige Verhoeven verfilmt diese Story mit seiner eigenen Handschrift. Wie schon in früheren Werken wie «Basic Instinct» und «Elle» liebt er es zu provozieren und erotisch aufgeladene Bilder auf die Leinwand zu bringen. So auch in «Benedetta», wo die jungen Nonnen ihre Liebe ausleben, mit viel nackten Körpern und einem selbstgeschnitzten Holzdildo aus einer Heiligenfigur. Großes Kino ist das wohl nicht - unterhaltsam aber schon.

© dpa-infocom, dpa:210711-99-340033/2