Büchner-Preisträger

Uraufführung von Rainald Goetz' «Reich des Todes» in Hamburg

Rainald Goetz
Rainald Goetz hat ein düsteres und sehr politisches Theaterstück geschrieben. Foto: Boris Roessler/dpa © Boris Roessler

Hamburg (dpa) - Die Welt ist ein kalter, dunkler Ort im «Reich des Todes» von Büchner-Preisträger Rainald Goetz, das Intendantin und Regisseurin Karin Beier jetzt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zur Uraufführung gebracht hat.

Schauspieler Sebastian Blomberg diktiert als Vizepräsident Selch seinem kriecherisch bemühten Privatsekretär Pinsk (Maximilian Scheidt) im Bademantel schwülstige Sätze ohne Zusammenhang in den Block. Dann geschieht etwas Gewaltiges. Durch ein rückwärtiges Bühnen-Tor dringen Rauch und Lärm (Bühne: Johannes Schütz).

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 hinterlässt nicht nur einen Krater in New York, sondern auch eine Wunde im Herzen Amerikas: «Es war ein Angriff ohne Beispiel, er traf Amerika ins Herz, als die brennenden Türme in sich zusammensanken, ruhig, langsam, auch erschreckend schön.»

Wenig verklausuliert sind in den aufmarschierenden Karrieristen aus Politik und Justiz die Mitglieder der US-Administration von George W. Bush und Dick Cheney zu erkennen. Allerdings tragen sie andere, deutsche Namen. Da gibt Burghart Klaußner einen Kriegsminister Roon und Daniel Hoevels einen Justizrat Dr. Schill in Anlehnung an einen umstrittenen Hamburger Innensenator. Bald wird die lästige Demokratie ausgehebelt und ein Überwachungs- und Verfolgungs-System etabliert, das einen Folterskandal wie Abu Ghuraib erst möglich macht. Es geht also um die Historie einerseits, aber auch darüber hinaus: Um das Inhumane in der Welt.

Im ersten Teil des vierstündigen Abends setzt Karin Beier auf große, suggestive Bilder und die Kraft der präzisen, kunstvollen Goetz-Sprache. Untermalt von eindringlichen Schwarz-Weiß-Videos marschierender Soldaten, führt sie eine Welt im Kriegszustand vor, die sich auch in der Kleidung mit militärischen Hosen und Stiefeln spiegeln (Kostüme: Eva Dessecker, Wicke Naujoks).

Wolfgang Pregler gibt als dauerbetender und wenig verstandesbegabter Präsident Grotten im blauen Anzug eine Bush-Persiflage und Anja Lais vergnügt sich als seine blondperückte Gattin mit dem Privatsekretär. Das herausragend aufspielende Ensemble, verstärkt um fünf Musikerinnen und Musiker sowie drei Tänzer, ist ständig in Bewegung. Beier setzt auf Überzeichnung, Groteske, auch manch weniger originellen Regieeinfall und bissigen Humor, wenn sie Präsident und Vize als Horror-Clowns auftreten lässt.

Wenn die gesamte Bush-Administration Chips essend vor den Dias sitzt, die die Gefolterten zeigen, ist das zunächst kaum mehr als eine bekannte Illustration historischer Verbrechen. Wenn dann aber die Clowns «Wo bleibt der Fun?» auf die Leinwand schmieren, wird die Perversion noch augenfälliger. Der zweite Teil wird zur gnadenlosen, nichts beschönigenden Aufarbeitung. Es gibt fast nur noch Text, der in Monologen und am Schluss als Chor präsentiert wird. Der Abend ist ein gnadenloser Blick in die schwarze Seele Amerikas - und darüber hinaus. Manchmal schwer verdaulich, aber konsequent.

Der Suhrkamp-Verlag hatte sich das Deutsche Schauspielhaus unter Karin Beier ausdrücklich als Ort der Uraufführung gewünscht. Seit 1993 kamen an gleicher Stelle bereits vier Uraufführungen von Rainald Goetz heraus. Nach der letzten, «Jeff Koons» 1999, hatte der Autor sich auf Prosa verlegt.

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