Alfdorf

Beliebtes Auflugsziel Schelmenklinge bietet neues Wasserspiel

Wasserspiele Schelmenklinge
Bei Kindern und Erwachsenen seit 125 Jahren beliebt: Die Wunderwerke der Technik in der Schelmenklinge. © Markus Metzger

Erholung geht so einfach: Gehen, lauschen, schauen – und in der Schelmenklinge über kleine, buntverspielte Wunderwerke der Technik staunen. Seit 25 Jahren betreut die Ortsgruppe Lorch des schwäbischen Albvereins die Wasserspiele dort. Pünktlich zum Jubiläum und numerisch passend kam jetzt das 25. Modell hinzu: ein Karussell, das wie die anderen Konstruktionen im fließenden Bächlein steht und von einem Wasserrad angetrieben wird.

Wer dem idyllischen Bachlauf durch die Schelmenklinge folgt, kann sie hören und sich an ihnen erfreuen: kleine Wasserräder, die im zumeist quicklebendigen Wasser des Schelmenklingenbachs in den Sommermonaten nicht still stehen. Welch bewegtes Bild, mitten drin in einem entschleunigten und überhaupt nicht „getriebigen“ Seitental der Rems: Entlang des lieblich dahinrinnenden Geplätschers wird schweres Gerät gelupft und Karussell gefahren, eine Bäckerin ist beim Einschießen der Brotlaibe zu beobachten, ein Fischer zieht Beute an einer Angel aus dem Wasser. Zartes Gebimmel von Mini-Kirchturmglocken und einem Glockenspiel sind zu hören. Ein Storchenpaar hat sich im felsenumgebenen Kleinod niedergelassen, auch kämpfende Gamsböcke und ein kecker Specht werden regelmäßig gesichtet.

Schelmenklingengruppe: Rentner können das Bäschdeln nicht lassen

Die 25 niedlichen Szenen und nostalgisch anmutenden Kulissen haben sich „Bastler“ der Lorcher Albvereins-Ortsgruppe ausgedacht. Sie haben den schmalen Bach als kreatives Naturlabor entdeckt und schöpfen ihre Inspiration aus dem persönlichen technischen Background, den keiner von ihnen verleugnen könne, wie Horst Seidenspinner schmunzelnd bestätigt. Er ist Mitglied der sogenannten Schelmenklingengruppe – zumeist Rentner, die das „Bäschdeln“ (also Basteln) nicht lassen können und mögen. Glück für die vielen Wanderer, denen die kleinen Modelle nebenbei etwas von der großen Physik vermitteln. „Das eine Modell speist das andere, aber jedes wird separat angetrieben“, erläutert Seidenspinner, wie sie sich die Kraft des Wassers zunutze machen. Die technischen Skulpturen wurden so ins sandige Bachbett gestellt, dass Technik und Natur miteinander spielen. Da werden Bälle auf höhere Etagen gehoben. Ein Riesenrad aus zwei Fahrradrädern fährt kleine Püppchen spazieren in Gondeln, die einmal Metzgerdosen waren.

Viele Ehrenamtliche helfen mit

Die Technikbegeisterten verbringen viel Zeit mit ihren Modellen – auch im Winter. „Vor dem ersten Frost werden sie abgebaut und im Winter in einer Werkstatt in Strauben eingelagert“, erklärt Seidenspinner. „Es ist immer viel zu tun, entkalken, frisch streichen und vor allem müssen wir viel Sand von den Wasserspielen entfernen.“ Kurt Weller, der ehemalige Vertrauensmann des Albvereins, habe die Werkstatt seinerzeit eingerichtet und sie der Ortsgruppe nach seinem Tod für die Instandhaltung und Reparaturen überlassen. Der Werkzeugbestand ist mit den Jahren um eine Bohr- und Drehmaschine gewachsen, um die unentwegt den Kräften der Natur ausgesetzten Modelle in Schuss zu halten. Bevor sie im Frühling eingesetzt werden, muss der Bach gesäubert werden – die Putzaktion wurde heuer aber coronabedingt verschoben. Ein Reinigungstrupp aus ehrenamtlichen Helfern, initiiert von der Familiengruppe, habe vor zwei Wochen, als es die Lockerungen wieder zuließen, Laub und Äste rausgezogen – ein halber Container sei aus dem Bachbett weggeschafft worden.

Wasserspiele Schelmenklinge
In der Schelmenklinge gibt’s was zu entdecken. © Markus Metzger


Normalerweise setzen sich die Wasserrädchen Anfang Mai in Bewegung, heuer war die Versammlung an Fronleichnam komplett – fast. Ein gewichtiges Wasserpaddel befinde sich noch in der Werkstatt und werde später eingebaut. Der Erbauer habe es einst mit Elektromotor ausgestattet, damit es elektrischen Strom „mit der Leistung eines Fahrraddynamos“ erzeugen kann. Aktuell seien sie gerade am „Aktivieren des Dynamoantriebs“, verrät Seidenspinner. Das Herz des Bastlers lacht, sobald er auf einer Bank sitzt und beobachtet: „Es ist so schön, wenn Eltern mit kleinen Kindern kommen und diese ganz begeistert sind, was da klappert, klingelt und sich dreht.“

Gunther Belser, im Lorcher Albverein zuständig für die Schelmenklinge und die Seniorengruppe, erinnert sich an einen dreijährigen Jungen und seinen Opa. Der Bub habe, nach einem bekräftigenden Schubser von seinem Opa, gefragt, wo denn das Hexenhäusle sei. „Wir haben kein Hexenhäusle“, habe er ihm geantwortet. Der Junge blieb dabei: „Doch, des isch letztes Johr da gschdanda.“ Er hatte sich das Modell mit der Bäckerin gemerkt, die ständig ihren Schieber mit dem Laib Brot hin und her schiebt. „Für ihn war das halt ein Hexenhaus“, so Belser.

Erdrutsche haben den Wasserspielen schon zugesetzt 

Auch von unschönen Erlebnissen wurden sie heimgesucht: Immer wieder haben Erdrutsche den Wasserspielen zugesetzt – zuletzt 2018, als ein mehr als zehn Meter langer Teil des Ufers bei Starkregen abgerutscht sei und die liebevoll gebauten Skulpturen weggespült und tief unter Schlamm und Schmodder begraben und stark beschädigt habe. Doch dank einer beherzten Rettungsaktion seien die Miniatur-Geräte und Türme aus ihren „Gräbern“ befreit worden. Sie verzaubern mit ihrer Schlichtheit aus Zahnrad, Riemenantrieb und Kegelrädern, die die Drehmechanik der Wasserräder in die gewünschte Bewegung umsetzen und die verspielten Effekte auslösen. „Erwachsene schauen eher mit technischem Auge drauf, Kinder reagieren auf die verspielten Elemente“, beobachtet Horst Seidenspinner immer wieder. Das Bild von der klappernden Mühle am rauschenden Bach mag abgedroschen sein, die Faszination „Wasserrad“ aber ist ungebrochen, auch in Zeiten, wo der Laie bei „Technik“ vordergründig an digital-elektronische Errungenschaften denkt. Die Wasserspiele drehen das (Technik-) Rad der Zeit zurück, seit 1924 soll es sie geben. Vermutlich sogar noch länger, wie Recherchen der Albvereinler ergeben haben. Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Schelmenklinge im Jahr 2010 habe eine fast 90-jährige Lorcher Bürgerin dem damaligen Vorsitzenden der Albvereins-Ortsgruppe, Gunther Belser, erzählt, dass sie als Vierjährige ihren Vater in die Schelmenklinge begleiten musste, wenn er „an seinem Modell nach dem Rechten gesehen hat“, hat Belser in einer 2019 erschienenen Dokumentation vermerkt.

Zwei Gamsböcke aus Holz kämpfen im Wald miteinander

Das älteste Modell, zwei Gamsböcke, die im Wald miteinander kämpfen, sei noch aus Holz gefertigt worden, in neueren Exemplaren bewegen sich Kunststoff und Metall. So auch in einer optischen Täuschung, basierend auf einem optischen Drehrad, das die „Bastler“ in der Museumsscheune von Professor Lingelbach in Leinroden im Leintal gesehen haben. Konzentrische Kreise mit unterschiedlichen Hell-Dunkel-Farben sorgen für einen dreidimensional wirkenden Effekt. Aufgebaut aus einem ausgedienten Einrad für Kinder, zeigt dieses Modell, dass es oft nicht viel braucht, um Menschen eine Freude zu machen und etwas Erholung zu bieten – es genügt ein Dutzend technikbegeisterter Tüftler, die möchten, dass sich die Rädchen in der Schelmenklinge noch lange drehen.

Der Jubiläumsweg

Ein besonders schöner und abwechslungsreicher Weg durch die Schelmenklinge ist der auf dem „Jubiläumsweg Königin Irene“, den die Ortsgruppe Lorch des Schwäbischen Albvereins geschaffen hat. Er führt durch das Götzental nach Bruck und über die Mammutbäume zurück nach Lorch. Die Wasserspiele sind eine Attraktion auf dem Weg. Während Corona werden keine Gruppenwanderungen oder Tagesfahrten angeboten.