Alfdorf

Coronavirus sorgt dafür, dass viele Familien eigene Maibäume aufstellen

Maibaum 1
Melissa Soukop unter einem ganz besonderen Maibaum. Mit dem Rücken zum Bild auf der Schaukel Tochter Amarie, daneben Sohn David. Foto: Wolfgang Gleich © Wolfgang Gleich

Über den Ursprung des Maibaums gibt es selbst unter den Volkskundlern unterschiedliche Ansichten. Während ihn die einen weit in vorchristliche Zeit hinein verlegen, datieren ihn andere ins späte Mittelalter. Selbst das nahezu allwissende Internet-Lexikon Wikipedia wird wortkarg, wenn es um dieses Frühlingssymbol geht, das für ein Wiedererwachen der Natur und die Verbindung zwischen Erde und Himmel, als Weltlichem und Göttlichem steht.

Wohl steht in Welzheim auf dem Kirchplatz der Maibaum fest verankert an der Ecke zur Wilhelmstraße. Er ist wieder mit den Symbolen der Gewerke, dem Kranz, der Tanne und dem farbenfrohen Schmuck verziert und gibt sich unbeeindruckt vom Lärm der Baustelle, dem bisweilen recht abenteuerlichen Auto- und Fußgängerverkehr und den blühenden Kastanienbäumen, die mit ihm um Aufmerksamkeit konkurrieren. Aber die Feierlichkeiten, die sonst das Aufstellen begleiten, sind heuer, wie so manches andere auch, dem Kampf gegen die Covid-19-Pandemie zum Opfer gefallen: kein Tanz in den Mai, keine feucht-fröhliche Hocketse, keine mit Toilettenpapier eingewickelten Pkw, von ausgehängten Gartentüren und Stroh- oder gar Kalkspuren zu Haustüren hin ganz zu schweigen. Die oftmals boshaften Streiche der Freinacht mit Schandmaien verlagern sich seit einem Vierteljahrhundert sowieso mehr und mehr zum herbstlichen Halloween. Dieses Jahr haben sich aber selbst die Hexen an das Ausgehverbot gehalten und sind nicht auf den Blocksberg geritten, um sich dort mit dem Teufel zu treffen.

Viele Maibäume sind dieses Jahr bei Familienprojekten entstanden

Wie ein trotziges „Jetzt erst recht!“ wirkt in diesen Tagen, in denen immer noch Spaßverzicht und Begegnungsbeschränkungen das Leben bestimmen, ein kleines Maibäumchen in der Untermühlstraße, talwärts rechter Hand kurz nach dem Ortsende, eine circa drei, vier Meter hohe blau-weiße, mit bunten Bändern und einem Kranz liebevoll geschmückte Stange, die in eine, in den Boden eingelassene Eisenstange gesteckt ist. Sitzgelegenheiten hinter dem Bäumchen laden ein zum Verweilen, zum Innehalten und "Aus-dem-Alltag-Aussteigen" - mit und ohne Mund- und Nasenschutz.

„Jetzt erst recht!“, sagten sich auch Simone Wahl und ihre drei Buben Felix, Fabian und Moritz in Rienharz. Nachdem dort Maihocketse und Maibaumaufstellen abgesagt wurden, pflanzten sie in ihren liebevoll gepflegten Garten im Tannacker selbst ihren Maibaum. Es sei ein Geschenk, betont Simone, in einer so wunderbaren Gegend mit derart wunderbaren Menschen zu leben, dies müsse man auch zum Ausdruck bringen. Ein Zeichen der Hoffnung und Zuversicht sendet auch Familie Dorothee und Klaus Schwarz im Krebenfeld aus, mit ihrem etwa sieben Meter hohen Maibaum vor dem Haus. Das traditionelle Aufstellen des Maibaums und die dazugehörende Hocketse sei etwas, das die Dorfgemeinschaft fest zusammenschweiße, betont Dorothee, Alt und Jung zusammenbringe, „und weil das Dorf diesmal keinen gemeinsamen Maibaum hat, haben wir unseren eigenen.“

Eine Birke für den Angebeteten

Eine eigene, nur ihm gewidmete, ebenfalls bunt geschmückte Birke hat ein junger Mann nur wenige Meter vom Maibaum der Familie Schwarz entfernt. Am Baum selbst ist sein Name angebracht, und von wem der Baum stammt, wisse er genau. Nur an Schaltjahren, wenn sowieso alles anders ist, dürfen bekanntlich auch jungen Männern Birken gewidmet werden, in allen anderen Jahren ist es ihr Privileg, ihrer Herzensdame eine bunt geschmückte und mit dem Namen der Angebeteten versehene Birke zu stecken. Eine solche findet sich übrigens ebenfalls in Rienharz, an der Gabelung der Weiler- und Nussbaumstraße. Ältere Semester, die auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken, erzählen bisweilen, dass es „damals“ nicht nur darum ging, die Birke zu stecken, nein, sie musste vorher auch aus einem fremden Garten oder Wald gestohlen werden.

Treibende Kraft beim Aufstellen des Maibaums im Garten der Rienharzer Familie Kugler waren die drei Söhne Yannick, Ronny und Lukas. Bereits im vergangenen Jahr hatten sie sich einen eigenen, kleinen Maibaum in den Garten gepflanzt, erzählt ihre Mutter Tanja. Aber nun, wegen der Einschränkungen durch Corona, musste er größer ausfallen. Gemeinsam mit ihrem Opa seien sie in dessen Wald gefahren, er habe ihnen den passenden Baum ausgesucht, und gemeinsam habe ihn die ganze Familie, die unter einem Dach lebt, hergerichtet und dann aufgestellt. „Es war ein Riesenspaß“, versichert der Opa, „und als der Baum stand, haben wir auch miteinander gegrillt, so wie sich das gehört!“

Josua, das kleinste der fünf Kinder, war auch die treibende Kraft beim Maibaum der Familie Tisch in Burgholz, erzählt Mutter Elke. In Burgholz gebe es heuer keinen Maibaum, bedauert sie, der der ganzen Dorfgemeinschaft gehört. Da habe eben die ganze Familie zusammengearbeitet und das zwölf Meter hohe Prachtexemplar hinter dem Haus aufgestellt. „Das war unser Familienprojekt!“, erklärt sie stolz.

Ein Maibaum als Schulprojekt beschäftigt die ganze Familie

Der Maibaum von Jessica und Christian Bergmann in Pfahlbronn ist das Corona-Schulprojekt ihrer acht- und zehnjährigen Buben Tom und Kai. Auch bei Bergmanns hat die ganze Familie gemeinsam tatkräftig Hand angelegt, bis der Baum in den Himmel ragte. „Und es hat so große Freude bereitet, dass wir mit dem Gedanken spielen, im kommenden Jahr wieder einen Baum aufzustellen“, begeistert sich Jessica. Stolz verweist sie auf eine „Ehrenurkunde“ von Bekannten, die beim Anblick des Baums ebenfalls ganz hin und weg waren.

In Melissa Soukops Garten in der Pfahlbronner Mozartstraße steht ein besonderer Maibaum. Gemeinsam mit ihren Kindern David und Amarie hat sie den alt ehrwürdigen Apfelbaum mit bunten Bändern geschmückt. Auf den Bändern stehen gute Wünsche, wie Gesundheit, Hoffnung, Vertrauen, Liebe, Zufriedenheit und Selbstbestimmung sowie die Namen von Personen, die ihnen besonders am Herzen liegen. „Wir haben miteinander überlegt, was ist besonders wichtig, gerade in dieser Corona-Zeit, aber nicht nur für dieses Jahr, sondern auch darüber hinaus“, erzählt Melissa. „Wir werden die Bänder aufheben, jedes Jahr aufs Neue den Baum damit schmücken und unsere guten Wünsche hinaussenden.“