Alfdorf

Den Glauben leben und vertreten

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Marc Grießer, hier in der Kirche in Lorch, wird wohl im Sommer die Seelsorgeeinheit Lorch/Alfdorf verlassen. © Habermann / ZVW

Alfdorf/Lorch. Im Laufe des nächstes Jahres wird der katholische Pfarrer Marc Grießer die Seelsorgeeinheit Lorch/Alfdorf nach mehr als zehn Jahren verlassen. Die Kirchengemeinde Alpenblick im Allgäu freut sich ab Sommer über den Priester, wie sie mitteilt. Dort wird der 41-Jährige nicht nur die üblichen Tätigkeiten eines modernen Pfarrers übernehmen, der auch Manager ist, sondern sich auch der Wissenschaft widmen und eine Promotion beginnen.

Video: Der katholische Pfarrer Marc Grießer verläßt nach mehr als zehn Jahren die Sellsorgeeinheit Lorch/Alfdorf.

Pfarrer sind in den meisten Fällen wortgewandt, sprechen eine bildhafte Sprache. Auch Marc Grießer malt Bilder an die Kirchenwände. „Gott ist kein Kaninchen, das aus dem Hut gezaubert wird, um schnell alle Probleme zu lösen“, sagte er mal. Doch wenn er schildern soll, was er über seinen Abschied denkt, fällt ihm bloß eine Floskel ein, die aber doch genau zutreffe: Er geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil er sich auf seine neue Aufgabe in der Nähe von Ravensburg freut. Weinend, weil er, wenn er wohl im Sommer geht, das Gemeindeleben in Alfdorf, St. Clemens Maria Hofbauer, Lorch, St. Konrad und St. Elisabeth mitgeprägt hat, vielen Menschen begegnet ist und ihnen verbunden ist. „Wehmut ist spürbar“. Emotional sei es gewesen, als bei seiner Abschiedsankündigung im Gottesdienst eine Frau anfing zu weinen. „Das sehe ich als Zeichen des Vertrauens und der Nähe“.

Sein Abschied kommt für viele überraschend, doch die Diözese empfiehlt für ihre Seelsorgeeinheiten einen Pfarrerwechsel nach rund zehn Jahren, erläutert Grießer. Das war aber nicht ausschlaggebend. Marc Grießer ist ein Mann der Bildung. Er liest gerne, beobachtet politische und gesellschaftliche Prozesse. Seit Jahren engagiert sich der Theologie Marc Grießer im Freundeskreis Mooshausen, organisiert und hält Vorträge. Dieser Kreis leitet seinen Auftrag der Entfaltung und Weitergabe christlichen Erbes vom besonderen Stellenwert des alten Pfarrhauses in Mooshausen ab, in dem die kirchliche Aufbruchbewegung der 20er Jahre einen einzigartigen Ausdruck fand, heißt es auf der Internetseite des Vereins. Dort wird sich der Theologe Marc Grießer stärker wissenschaftlich einbringen.

Eine lebendige Theologie braucht Anstöße aus der Seelsorge

Der Priester Marc Grießer wird in der neuen Seelsorgeeinheit als Administrator tätig sein, der die Seelsorge und Verwaltungsaufgaben übernimmt, sich in der kleinen Gemeinde mit rund 2600 Katholiken aber auf einen größeren Mitarbeiter- und Helferstab verlassen kann, als es zurzeit in Lorch/Alfdorf der Fall ist. Wobei man nicht zwischen Seelsorge und Theologie unterscheiden kann, hält Grießer fest. Er spricht von einer „vernünftigen Seelsorge“ im Sinne von anständig, und die im eigentlichen Sinne der Vernunft entspringt, also einer „guten und sauberen Theologie. „Die lebendige Theologie braucht Anstöße aus der Seelsorge“, so Grießer, „beides braucht einander“, beide Bereiche sollten sich befruchten – auch vor dem Hintergrund, dass sich die Fragen der Menschen an den Glauben verändern, mitunter akademischer werden, so eine Beobachtung des Pfarrers.

„Wer den Zeitgeist heiratet, ist schnell Witwer“

Die Verbindung zwischen Nachdenken über den Glauben und Seelsorge, der Begegnung mit Menschen, sei ihm wichtig gewesen, um „Menschen auskunftsfähig zu machen, dass sie ihren Glauben leben und in einer Gesellschaft vertreten können, die immer weniger mit Glaube anfangen kann“. Die christliche Botschaft könne immer noch den Menschen stärken.

In den vergangenen zehn Jahren hat Marc Grießer auch Vorträge gehalten, Ausstellungen mitorganisiert – auch mit dem Hintergrund, auf diese Art Menschen erreichen zu können, die interessiert sind, aber nicht unbedingt im Gottesdienst auftauchen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hat sich verringert, das hat auch der 41-Jährige erlebt. „Diese Entwicklung lässt einen nicht unberührt.“ Sollte Kirche sich ändern? „Wer den Zeitgeist heiratet, ist schnell Witwer“, sagt er. „Die Kirche wird kleiner“. Es gibt einen Priester- und auch Gläubigenmangel, hält er fest. Das sei aber kein reines Problem der Kirche. Auch Parteien und andere Organisationen stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Aber die Kirche sei kein Dienstleister, der sich sein Angebot von der Nachfrage diktieren lassen sollte. „Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens.“ Doch müsse man „sich die Fragen der Zeit anhören, um etwas aus christlicher Sicht dazu sagen zu können“. Ein Schüler habe ihm im Unterricht mal seine Auffassung einer Sonntagspredigt mitgeteilt: „Der Pfarrer nimmt Stellung zu aktuellen Themen“, berichtet Grießer und schmunzelt.

Grießer freut sich auf eine "neue Schwerpunktsetzung" im Landkreis Ravensburg

Doch das sei auch Aufgabe des Pfarrers, Dinge einzuordnen, vor allem aus christlicher Sicht, ohne Vorgaben zu machen. Und so schlüpft Grießer, wenn er sein Gewand anzieht, in viele Rollen: Menschen unterrichten, vermählen, taufen, beerdigen. Predigen, den Kindergartenbetrieb organisieren und Neu- und Umbauten planen, wie vor einigen Jahren in Alfdorf mit dem Gemeindehaus geschehen. Auf diese Management-Tätigkeiten werde man nicht wirklich vorbereitet, hat Grießer gemerkt. Auch darum freut er sich auf eine „neue Schwerpunktsetzung“ im Landkreis Ravensburg.

Seine rund zehnjährige Tätigkeit habe ihn geprägt, verändert und gestärkt. Die Nachfolge sei derzeit noch offen, sagt Marc Grießer. Möglich, dass erst mal ein Administrator die Seelsorgeeinheit übernimmt, bis ein neuer Pfarrer, womöglich aus dem Ausland, gefunden wird. Eine Vakanz wäre normal. Doch nicht nur deshalb werden die Alfdorfer und Lorcher ungern von Marc Grießer Abschied nehmen, der nun eingeläutet wurde, was sich aber noch über ein paar Monate hinziehen wird – mit einem lachenenden und einem weinenden Auge.

Grießer, 1975 in Stetten geboren, studierte Theologie in Tübingen und Rom. 2001 wurde er zum Diakon geweiht, 2002 zum Priester. 2003 bis 2006 war er in Schorndorf Vikar, danach Pfarrer in Alfdorf/Lorch.

Das Wesentliche

Bausachen, die man gerne damit in Verbindung bringt, was ein Pfarrer hinterlässt, seien nur der äußere Rahmen, betont Marc Grießer. „Das Wesentliche ist das, was man im Menschen hinterlässt!“ Alfdorf sei eine lebendige Gemeinde, vor allem die Ministrantenarbeit. Jugendliche zu gewinnen und in der Gemeinde zu halten, sei nicht einfach, obwohl sich gewachsene Bindungen und ein Vertrauensverhältnis zu den Gläubigen entwickle.