Alfdorf

Für Alfdorf und für die Flüchtlinge

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Mehr als 43 Kinder leben derzeit in der Unterkunft im Haghof. Hier vertreibt sich der Nachwuchs die Zeit. © Jamuna Siehler
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Individuelle Nachhilfe. © Jamuna Siehler
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Klaus Hinderer (links) und Hermann Fitz vom Arbeitskreis Flüchtlinge in Alfdorf. © Jamuna Siehler

Alfdorf-Haghof. „Die Grundängste sind befriedet“, stellt Klaus Hinderer vom Arbeitskreis Flüchtlinge fest. Der Start war allerdings ziemlich in die Hose gegangen, schildert Haghof-Anwohner Fritz Bareiß. Zu spät habe der Landkreis informiert, dass im Hotel praktisch von heute auf morgen Flüchtlinge einziehen sollen. Nun habe sich die Sache beruhigt. Es laufe gut. Ein Besuch im Flüchtlingshotel beim Arbeitskreis.

„Skeptisch waren wir alle“, schildert Fritz Bareiß. Die Vorgehensweise des Landkreises, die man im Haghof so deutete, der Kreis wollte sie vor vollendete Tatsachen stellen, um die Unterbringung von Flüchtlingen nicht wegen möglicher Proteste zu gefährden, führte zu viel Frust. Auf www.zvw.de kommentierten Leser das Geschehen überwiegend skeptisch. Wochen später hat sich die Lage entspannt, schildern Klaus Hinderer und Fritz Bareiß, weil es bisher keine Probleme mit den Zuwanderern und Flüchtlingen gegeben habe. „Es sind keine Chaoten dabei“, hat Hinderer festgestellt. Trotzdem hätte der Kreis früher mit den Bewohnern sprechen müssen. Das hätte die Sache beruhigt, ist sich Fritz Bareiß sicher.

Er habe bewusst den Kontakt gesucht, um den Menschen, Afghanen, Syrern, Irakern, Iranern und fünf Chinesinnen, zu begegnen. „Herz statt Hetze“, sagt der Christ. Dieses Vorgehen empfiehlt er grundsätzlich. Einige Nachbarn würden das nicht machen, schildert er wertfrei. Als der Hotelbetrieb noch lief, sei es mitunter auch lebhaft zugegangen. Fraglich sei, ob sich die Situation verändern wird, steigen die Temperaturen und der Alltag der derzeit mehr als 200 Personen verlagert sich mehr in den Außenbereich. Bis Juni erhöht sich die Zahl der Menschen auf 250. Dann beginne auch bald der Golfbetrieb. Das alles werde man – auch im Hinblick auf die Nachtruhe – im Auge haben, versichert Klaus Hinderer. Bisher sei der Lebensstandard nicht beeinträchtigt, so Bareiß. „An uns wurden bisher keine Probleme herangetragen“, ergänzt Hinderer. Das Mietverhältnis gilt bis 2018, berichtet Bürgermeister Michael Segan. Der Mieter, der Kreis, hat jedoch eine Verlängerungsoption. Dass es in Haghof bisher so gut läuft, hatte Segan gehofft. Davon sei er als Optimist ausgegangen. „Es läuft sehr gut.“ Das liege vor allem am Arbeitskreis. Michael Segan berichtet, der Kreis wolle einen Spielplatz errichten. Er selbst rät dazu, ebenfalls einen Bolzplatz zu schaffen.

Derzeit stehen Trennwände auf dem Gelände, die haben die Anwohner aufgebaut, um die Grundstücksgrenzen zu kennzeichnen. Segan hofft, dass diese bald verschwinden könnten. Klaus Hinderer weiß, dass es schnell Gerüchte gibt. Er betont: Vor Monaten waren es nicht die Flüchtlinge, die diese Zäune umgestürzt hätten. Das sei der Wind gewesen. Auch die beiden Hubschraubereinsätze vor Ort waren alltäglich. Einmal hatte sich ein Kind verletzt (wir haben berichtet), dann gab es dazu noch einen Unfall in einem Stall.

Sozialarbeiter Christian Frank vom lokalen DRK schildert, dass er lediglich bei kleineren Streitereien vermitteln müsse. Er und auch die guten Security-Leute, Hinderer lobt sie, seien praktisch Helfer in allen Lebensfragen, ob bei Streitereien, Behördengängen oder der Organisation von Putzdiensten. Gibt es Probleme, müsse man das ansprechen und kommunizieren und Regeln finden, beispielsweise was Nachtruhe, Müll und Putzen betrifft. Im Hotel sind Familien untergebracht. Da gebe es deutlich weniger Probleme. Wie sie leben und wie die Betreuung durch den Arbeitskreis aussieht, zeigt Klaus Hinderer in einem ehemaligen Hotel, durch dessen Flure der Duft von orientalischen Gewürzen schwebt.

Sprachkurse: G wie Garten

Im Spielzimmer steppt der Bär: Kinder toben. Eltern spielen mit ihren Kleinkindern. Ältere Mädchen stricken, sie sind wohl im neuen Strickkreis. Dazu haben es sich Frauen vom Arbeitskreis auf dem Teppich bequem gemacht. Sicherlich wird auf diese spielerische Art die deutsche Sprache trainiert. Mit dem lateinischen Buchstaben quälen sich ein paar Zimmer weiter zehn Männer und Frauen. Gleich drei Betreuer üben mit ihnen. „G wie Garten“, erklärt ein Helfer und noch etwas unbeholfen malt ein junger Mann Buchstaben. Klaus Hinderer ist stolz auf die Hilfe der Alfdorfer. „Ohne Arbeitskreis wären die Menschen auf sich allein gestellt.“ Mehr als 70 Menschen engagieren sich, eine „sehr glückliche Lage“ –auch für die Alfdorfer. „Man lernt neue Menschen kennen.“ Seine Motivation? Für Alfdorf und für die Flüchtlinge.

Als großes Problem hat sich die Fahrt zu den Schulen in Alfdorf und Pfahlbronn erwiesen. Mit einer Woche Verspätung besuchen 43 schulpflichtige Kinder seit Dienstag die Schulen in Alfdorf und Pfahlbronn. Dort wurde jeweils eine Vorbereitungsklasse gegründet. Insgesamt drei Lehrer, bei knapp zwei Stellen, bereiten die Kinder von Montags bis Donnerstag auf den normalen Unterricht vor, berichtet Michael Segan. Probleme hatte es wegen der Fahrten mit den regulären Linienbussen gegeben. Die Ausstellung von Monatstickets hatte sich hingezogen. Nun müssen die Eltern die Tickets bezahlen, erhalten aber einen Zuschuss. „Familien mit drei schulpflichtigen Kindern können das nicht bezahlen“, hält Hinderer fest. Ein neues Problem gilt es dann bald zu lösen: den Transport in die Kindergärten. Noch geht dort niemand hin. Aufgrund von Vorgaben können maximal drei Flüchtlingskinder in eine Gruppe gehen. Das heißt, es müssen viele Kindergärten angefahren werden.

Ein weiteres Problem sind die Eingangsbereiche, zeigt Klaus Hinderer. Die sind schwer zu begehen, akute Unfallgefahr. Hier müsse der Kreis etwas tun.

Idee der Arbeitskreise: Das Jobcenter bietet vor Ort Sprechstunden an

Eine große Bitte äußern nicht nur die Alfdorfer Helfer. Es ergäbe Sinn, das Jobcenter würde Sprechstunden in den Unterkünften anbieten. Das sei technisch möglich und würde die Bearbeitung auf beiden Seiten deutlich erleichtern. Auch die Helfer würden dadurch von den unentgeltlichen Fahrtdiensten entlastet, die in dieser Fülle bald kaum noch zu leisten seien. 100 Fahrten allein wegen Arztbesuchen habe es bisher gegeben. Der Arbeitskreis könnte Dolmetscher bereitstellen. Bald funktioniere auch endlich das WLAN, deutet Klaus Hinderer an. Das habe man ihm zugesagt. Das Smartphone sei für Flüchtlinge und Zuwanderer die Verbindung zur Außenwelt. Das sei besonders im Haghof wichtig.

Um die Mobilität zu erhöhen, plant der Arbeitskreis, eine Fahrradwerkstatt einzurichten. Das sei in Vorbereitung. Eine weitere Baustelle der emsigen Helfer. Doch Hinderer spricht eine Warnung aus, die als Hilfe gedacht ist: Den Freiwilligen gibt er mit auf den Weg, sich nicht zu sehr von den Flüchtlingen einspannen zu lassen. „Ein Nein ist ein Nein!“

Vor- und Nachteile

Ein Problem beim Umgang mit und der Integration der Menschen sei die Fluktuation. Manche Flüchtlinge würden die Unterkunft und die Gemeinde verlassen müssen. Andere kommen neu dazu. Das erschwere die Integration.

Wichtig seien Ansprechpartner unter den Flüchtlingen, die sprachbegabt sind und bei der Organisation vor Ort helfen.

Für die Integration unternimmt der Arbeitskreis viel. Die lokalen Sportvereine engagieren sich ebenfalls. Neulich fand ein Fußballturnier statt. Beim Heimspiel des TSV hätten die Flüchtlinge das Team auf Schwäbisch mitangefeuert. Auch andere Vereine wollen sich einbringen, unter anderem die Imker und der Schwäbische Albverein, freut sich Hinderer.

Mit Unternehmen wolle man wegen Praktika und Beschäftigungsmöglichkeiten sprechen. Das sei wichtig, sei man doch „auf der Suche nach Beschäftigung“, schildert Hinderer. Er sei Optimist, hoffe, dass das mit Praktika und Ausbildung bald klappen könnte.

Die Anlage im Haghof habe Vor- und Nachteile. Das Hotel biete ideale Räumlichkeiten für Familien und Kursangebote. Leider sei es zu weit weg. Das sei hinderlich für Schulbesuche und Einkaufsmöglichkeiten. „Die Infrastruktur für Flüchtlinge ist sehr schlecht“, stellt Hermann Fitz fest. Doch dank des Arbeitskreises werden viele Probleme aufgefangen und gelöst.


Sensationell

„Die Menschen können nur integriert werden, wenn sie Deutsch-Kenntnisse haben,“ hält Sprachlehrer Hermann Fitz fest. Darum bieten sie die Sprachschule mit 27 ehrenamtlichen Helfern. Die Motivation bei den Flüchtlingen sei groß. „Man muss die Leute nicht abholen“, schildert Fitz. Im Idealfall umfassen die Gruppen zehn Personen mit zwei Lehrern. Man achte darauf, dass unter den Schülern einer ist, der Englisch beherrscht. Zwei Unterrichtseinheiten gibt es pro Flüchtling und pro Woche. Die Leistungsbreite sei unterschiedlich. Die größten Probleme hätten die Afghanen, besser seien die Syrer. In ihren ethnischen Gruppen würden sich die Flüchtlinge unterstützen. Den Arbeitskreis unterstützt in Zukunft ein gebrauchtes Kopiergerät, was die Arbeit stark erleichtere, so Hinderer, der sich über die Spende von Kelo-Kopiertechnik aus Waiblingen freut. „Die Spendenbereitschaft ist sensationell“, sagt er, auch was die Bereitschaft betrifft, sich im Arbeitskreis zu engagieren.