Alfdorf

Wie lebt es sich mit neun Pflegekindern? Ukrainische Familie aus Alfdorf erzählt

Mochalenko Alfdorf
Familie Moskalenko mit acht ihrer momentan neun Pflegekinder. © privat

Wer Kinder hat, weiß, wie anstrengend das sein kann. Sie zehren bisweilen an den Nerven von Mama und Papa und treiben sie an den Rand der Verzweiflung. Doch wer mit Andrii und Nataliia Moskalenko spricht, gewinnt den Eindruck, dass ihnen das Elternsein mit Leichtigkeit gelingt. Dabei haben sie nicht nur zwei eigene und mittlerweile erwachsene Kinder, sondern auch neun Pflegekinder, um die sie sich aktuell kümmern.

Doch wie kommt jemand auf die Idee, so viele Pflegekinder bei sich aufzunehmen? Eine Frage, bei der die beiden Ukrainer, die in Alfdorf wohnen, nicht lange überlegen müssen. „Wir hatten das immer schon im Herzen, dass wir helfen wollen“, sagt Andrii Moskalenko. Der 58-Jährige ergänzt: „Und wir wollten immer schon eine große Familie haben.“

Wie die Moskalenkos zu einer Großfamilie wurden

Doch weil nach den beiden eigenen Söhnen keine weiteren mehr nachkamen, haben sie in der Ukraine kurzerhand die Kinder anderer bei sich aufgenommen. Mädchen und Jungen, deren Eltern entweder nicht mehr leben oder die nicht dazu in der Lage sind, sich angemessen um ihre Kinder zu kümmern. Davon gibt es in ihrer Heimat nicht wenige. Und als Pastor der Gemeinde Gottes, die seit vielen Jahren Straßenkindern zu einem neuen Leben verhilft, sah es der Busfahrer auch ein Stück weit als seine Mission an, sich dieser Kinder anzunehmen. Denn „jedes Kind braucht eine Familie“.

Zunächst wurden zwei Mädchen Teil der Familie – „und weil es mit ihnen so gut geklappt hat, nahmen wir noch zwei Brüder bei uns auf“. Drei Jahre seien diese damals alt gewesen, inzwischen sind sie erwachsen geworden. Die älteste Pflegetochter ist mittlerweile verheiratet. „Als sie das Haus verließ, dachten wir: Etwas fehlt in der Familie, also sind wir wieder zum Jugendamt und haben gesagt: Wir haben noch Kraft, wir können noch Kinder aufnehmen.“

Von drei auf neun Kinder: Wie es dazu kam

Als sie schließlich im Kinderheim ankamen, um einen Jungen zu treffen, lernten sie auch dessen fünf Geschwister kennen. „Das war eine ganz schön wilde Bande“, sagt Moskalenko und lacht. „Aber wir wollten die Kinder nicht trennen.“ Nach kurzer Bedenkzeit stand der Entschluss fest: „Wir nehmen alle mit.“

Die Familie besorgte Betten und Schränke, richtete das Haus für sie ein, die Gemeinde unterstützte sie dabei. Als die Zustimmung vom Amt da war, zogen sie schließlich bei den Moskalenkos ein. Seit Februar 2021 ist die Familie nun zu elft. Auf die Frage, wie das gewesen sei, antwortet Nataliia Moskalenko nur kurz „Super“ und lächelt. Die 51-Jährige ergänzt noch: „Natürlich haben wir die größeren Kinder vorher gefragt, was sie davon halten.“

"Die Kinder geben uns Ansporn"

Aber ist das nicht auch manchmal ganz schön anstrengend? Andrii Moskalenko, den in seiner ruhigen Art nichts zu erschüttern scheint, schüttelt den Kopf. „Unsere Kinder geben uns Kraft, sie geben uns Ansporn.“

Das ist in diesen Wochen und Monaten auch bitternötig. Denn ziemlich genau ein Jahr nachdem die Familie plötzlich so groß wurde, eskalierte der seit acht Jahren schwelende Konflikt in der Ostukraine und weitete sich zu einem russischen Angriffskrieg aus. In den Jahren davor hatten sich die Moskalenkos, die aus der Nähe von Lugansk im Donbass stammen, bereits an den Konflikt gewöhnt, der Schutzbunker im eigenen Haus war gut eingerichtet.

Die Menschen an der Frontlinie des Konflikts versorgt

Etwa zehn Kilometer von der Frontlinie weg war das Dorf, in dem sie lebten. Seit 2014 ging der Pastor dort regelmäßig hin, wo Separatisten gegen die ukrainische Armee kämpften. Denn die Versorgungslage war schlecht. Also fuhr er mit dem eigenen Auto ins Kriegsgebiet und half der Zivilbevölkerung mit Brot, Obst oder Gemüse aus dem eigenen Garten. Mehr als einmal sei er dabei von Soldaten angehalten und untersucht worden. „Meine Freunde haben gesagt, ich sei verrückt.“ Doch „je größer die Not war, desto mehr hatte ich das Bedürfnis zu helfen“.

Wie der Angriffskrieg Russlands für die Familie alles veränderte

Der russische Angriffskrieg, der am 24. Februar begann, machte es den Moskalenkos dann aber unmöglich, im Donbass zu bleiben. „Als die Angriffe begannen, dachten wir, ein Erdbeben geht los.“ Die Kinder seien hysterisch geworden und hätten nicht mehr schlafen können. „Also sind wir in den Kleinbus eingestiegen und immer weiter gefahren.“ Die lange Reise führte über mehrere Wochen und Stationen schließlich in den Rems-Murr-Kreis. Hier gab es gleich mehrere Verbindungen. Zuvorderst die Gemeinde Gottes, der sie angehören, und die in Plüderhausen das Christliche Zentrum Life betreibt.

In Alfdorf untergekommen

Außerdem Eberhard Dudszus, der in Althütte bei Freunden unterkam. Vor 23 Jahren zog es ihn mit seiner Frau Natalija als Missionspastor in die Ostukraine. Dort war er auch für Moskalenkos Gemeinde zuständig. Bei dem Gespräch fungiert er als Übersetzer, ist aber genauso wie die ukrainische Familie ein Gestrandeter, wollte zwei Tage vor Kriegsausbruch eigentlich nur kurz nach Deutschland auf Besuch.

„Ebi“, wie ihn alle nur nennen, hat diesen ungeplanten längeren Aufenthalt dazu genutzt, sich hier um Geflüchtete zu kümmern. Er übernahm für die Moskalenkos etwa die zahlreichen Behördengänge, die gerade bei Pflegekindern beachtlich sind. Und Ebi kannte wiederum den Alfdorfer Bürgermeister Ronald Krötz, der mit der Gemeinde Gottes mehrfach in der Ukraine war. Die Großfamilie landete schließlich in Alfdorf, wo es der Zufall so wollte, dass Gemeinderätin Andrea Kolckmann gerade ein ganzes Haus leer stehen hatte.

"Ein leuchtendes Beispiel", sagt Bürgermeister Krötz

Dort, im Industriegebiet am Ortsrand, leben sie inzwischen. Bürgermeister Ronald Krötz freut sich, dass die Familie (wie die meisten Geflüchteten aus der Ukraine) privat untergekommen ist. „Ich bin sehr froh, dass wir nicht auf Sporthallen zurückgreifen müssen.“ Die Moskalenkos bezeichnet er dabei als „leuchtendes Beispiel“, denn „sie haben von Anfang an gezeigt, dass sie etwas zurückgeben wollen“.

„Wir sind den Alfdorfern wirklich dankbar dafür, wie sie uns aufgenommen haben“, erwidert Moskalenko. Dass der Aufenthalt dort womöglich kein vorübergehender ist, dämmert ihm und seiner Frau inzwischen aber auch. In dem Dorf, in dem sie lebten, hatten sie zuvor einen großen Garten mit Gewächshaus, zwei Traktoren und ein Auto. „Alles, was wir dort hatten, ist zerstört, ausgebrannt oder geplündert.“ Auch die Schule im Ort sei zerstört worden. Ein Zurück dorthin scheint ausgeschlossen. Allmählich richtet sich die Familie daher darauf ein, in Alfdorf heimisch zu werden.

Wer Kinder hat, weiß, wie anstrengend das sein kann. Sie zehren bisweilen an den Nerven von Mama und Papa und treiben sie an den Rand der Verzweiflung. Doch wer mit Andrii und Nataliia Moskalenko spricht, gewinnt den Eindruck, dass ihnen das Elternsein mit Leichtigkeit gelingt. Dabei haben sie nicht nur zwei eigene und mittlerweile erwachsene Kinder, sondern auch neun Pflegekinder, um die sie sich aktuell kümmern.

Doch wie kommt jemand auf die Idee, so viele Pflegekinder bei sich

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