Berglen

Bürgermeister als Vorleser

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Friedrich liest aus „Piratenalarm in der Karibik“. © Speiser / ZVW

Berglen. Der Text ist etwas lang für dieses Alter, auch nicht einfach zu verstehen, weil die Geschichte auf verschiedenen Ebenen spielt. Außerdem ist der Vorleser, in diesem Metier, kein Profi. Doch als Bürgermeister Maximilian Friedrich zwischendurch immer wieder fragt, ob er denn weitermachen soll, hört er ein begeistertes „Ja!“. Eigentlich hätten sie jetzt Mathe. Kann es sein, dass Erst- und Zweitklässler schon so gerissen sind?

Video: Maximilian Friedrich liest den Grundschülern vor.

„Piratenalarm in der Karibik“ hat Friedrich dabei, herausgekommen 1997. Es ist ein Buch aus den Kindertagen seiner Gattin. Aber keine voreiligen Schlüsse. Auch im Elternhause Friedrich wurde einst gelesen und vorgelesen, und zwar aus Büchern, betont der Sprössling, der es zum zweiten Schultes in der Familie gebracht hat. Aber der Maximilian Friedrich, der ist doch weithin bekannt, als einer, der wie wohl kaum ein anderer Kollege in der Gegend mit dem Handy vertraut und im Internet geradezu zuhause ist? Trotzdem, versichert er, Lesen sei und bleibe wichtig.

Ein solider Vorleser

Ganz Cleverle, als der er sich auch sonst zeigt, hat er bei seinem Auftritt in Steinach auch einen Tipp für seinen kleinen Zuhörer. Für einen groben Überblick und zur Orientierung, ob’s einen auch wirklich interessiert: Erst mal den Klappentext lesen. Friedrich ist ein passabler, solider Vorleser, kein glänzender. Die Beine locker übereinandergeschlagen, bleibt er dicht am Text, schaut selten hoch, allerdings stellt er zwischendurch „Kontrollfragen“, die auch prompt richtig beantwortet werden, selbst wenn manche Kinder offensichtlich nicht die ganze Zeit „dabei“ sind. Einige schauen ihn eher an, mit staunenden Augen, als wollten sie sagen, „Was macht denn dieser fremde, große Mann bei uns?“

Also auf jeden Fall hat der, zwei Tage nach der Bürgerversammlung, nicht seinen Rechenschaftsbericht mitgebracht, auch wenn der für die Kinder mit Sicherheit neu wäre. Auch den Vorentwurf zum Haushaltsplan fürs kommende Jahr hat der Bürgermeister im Rathaus gelassen. So bekommt er denn auf seine Frage, ob’s ihnen gefallen hat, ein einhelliges, eifriges „Ja!“ Friedrich revanchiert sich, verspricht, ein Exemplar für die Schule zu besorgen.

Lesen und Zuhören gehört zu jedem Unterricht

Aber wie ist das denn sonst heutzutage mit dem Lesen in der Schule? Sie lese im Übergang zwischen dem Unterricht und der Pause ihren Schülern vor, so Lehrerin Elke Bajjaoui: „Da essen die dazu, die würden das sonst vergessen, nämlich gleich raus ins Freie rennen, zum Spielen.“ Besonders geeignet seien für diese Altersstufe Bilderbücher, und zwar zu Themen, die zum Unterricht passen. „Die hören dann sehr gut zu.“ Lesen und Zuhören sei überhaupt Teil von jedem Unterricht, nicht nur im Fach Deutsch. „Kenn ich schon“, erlebe sie oft als Reaktion: „Wir Lehrer gehen also davon aus, dass den Kindern daheim noch vorgelesen wird und dass sie selbst lesen.“ Die Berglener Kinder zeichne großes Vorwissen zur Natur aus. „Bei Fragen zum Thema Apfel fliegen die Hände nur so hoch“, berichtet die Lehrerin, die im fünften Schuljahr in Berglen ist und vorher in Waiblingen war, und die sehr wohl einen Unterschied zu „Stadtkindern“ feststellt.