Berglen

Bürgermeisterwahl Berglen: Bei der öffentlichen Kandidatenvorstellung macht sich ein Bewerber kurz vor seinem Auftritt davon

Kandidatenvorstellung
Die verbliebenen Bewerber Holger Niederberger, Katja Weidlich, Joachim Reymann und Ulrich Werner (von links). © Benjamin Büttner

Den Clou des Abends landete der, der gar nicht erst auf dem Podium erschien. Albert Krauß wäre als Letzter an der Reihe gewesen, er war auch tatsächlich da, an der Sporthalle, zog es aber vor, warum auch immer, sich nicht wie die anderen Bewerber vorzustellen und sich Fragen zu stellen, sondern verschwand regelrecht kurz vorher. So dass die Veranstaltung doch noch so endete, dass alle rechtzeitig heimkommen konnten zum Beginn des Fußballeuropameisterschaftsspiels der deutschen Nationalelf gegen Ungarn.

Überhaupt nicht aufgetaucht ist, wie schon die ganze Wahlkampfzeit über, Dauerkandidat Samuel Speitelsbach. Er war und bleibt in Berglen ein Phantom, wird dort allerdings auch nicht gerade vermisst.

Joachim Reymann aus Neustadt, von der „Querdenker“-Sammlungspartei „Die Basis“, wobei er aus seiner Zugehörigkeit zu ihr keinen Hehl machte, im Gegenteil, pries sich als Finanzexperte an, den, für den Fall seiner Wahl, die Gemeinde in der Zeit des bevorstehenden Schuldenmachens noch gut brauchen könne. Er sei auch der richtige Kandidat für alle Leute, die ein „gewisses Bauchgrummeln“ hätten angesichts der getroffenen Entscheidungen, egal auf welcher politischen Ebene.

Katja Weidlich, die mit ihrer Familie in Steinach wohnt, behauptete in ihrer Vorstellungsrede, Berglen habe in der Zeit vor Bürgermeister Maximilian Friedrich, der seit diesem Monat OB in Backnang ist, ein „Jahrzehnt des Stillstands“ erlebt, in dessen Amtszeit ein sehr starkes Wachstum, es gelte nun, die Balance zu finden und auch die Kommunikation zwischen Bürgern und Gemeinde zu verbessern, wozu die digitale Technik ja neue Chancen eröffne.

Niederberger: Jetzt gilt es, andere Wege zu gehen als Friedrich

Holger Niederberger aus Rettersburg legte den Fokus auf seine Verwurzelung in Berglen, auf seine politische Tätigkeit in den Jahren auswärts, inklusive des in der Zeit entstandenen Netzwerks von ihm und – wie auch Katja Weidlich – auf seine Kenntnisse von „Land und Leuten“, die Vertrautheit mit den örtlichen Gegebenheiten. Berglen sei nicht nur seine Heimat, sondern mittlerweile auch Wahlheimat seiner Familie. Es gehe aus seiner Sicht künftig um „pragmatische Lösungen, mit denen alle gut leben können“. Berglen müsse zwar weiter wachsen, um jungen Familien Bauplätze anbieten zu können, aber behutsam. Was in den vergangenen neun Jahren, unter Friedrich also, geschehen sei, halte er für richtig, aber jetzt gelte es, neue Wege zu gehen.

Ulrich Werner aus Sulzbach/Murr betonte seine berufliche und soziale Kompetenz. Er sei ein Teamplayer und trage gleichzeitig Führungsverantwortung, sei bodenständig und heimatverbunden. Er habe Pläne für den Fall seiner Wahl, „aber nicht für die ersten 100 Tage wie bei den US-Präsidenten üblich“. Es geht um die Erhaltung des ökologischen Kleinods Berglen, dessen allenfalls behutsame Weiterentwicklung, es brauche eine „Verschnaufpause bei der Flächenversiegelung“. Bereits Geplantes, Ausgewiesenes solle umgesetzt werden, dann allerdings müsse die Gemeinde innehalten.

In der anschließenden Fragerunde, als es unter anderem um das geplante Wohngebiet Pfeifersfeld in Steinach ging und darum, dass die Erschließung von außen über eine Zufahrt durch ein geschütztes Feuchtbiotop führen soll, betonte Katja Weidlich, ihr tue „zunächst“ dazu das Herz weh. Sie verstehe aber, wie es zu der Entscheidung gekommen sei. Die Alternative wäre, das Gebiet von der bestehenden Bebauung her, also direkt an den Häusern von Nachbarn des Gebiets vorbei, zu erschließen, gab sie zu bedenken. Ob die Entscheidung noch zu „kippen“ sei, müsse der Gemeinderat entscheiden.

Niederberger verwies darauf, dass die getroffenen Beschlüsse zu dem Gebiet sowohl vom gewählten Bürgermeister als auch vom gewählten Gemeinderat getroffen worden seien. Es gebe also eine „Beschlusslage“ und offenbar könne die Erschließung nur so wie geplant erfolgen. Wenn er damals, in der Zeit der Beschlüsse, allerdings schon im Amt gewesen wäre, wäre das Gebiet auf jeden Fall kleiner ausgefallen, betonte Niederberger.

Bei dieser Frage sei aus seiner Sicht in erster Linie der Gemeinderat gefragt, so Werner. Das bestimme ja nicht der Bürgermeister, dass etwas so oder so gebaut werden müsse. Neue Bebauung in Berglen wäre, für ihn als Bürgermeister, künftig nur noch „in homöopathischen Dosen“ vorstellbar.

Katja Weidlich: Fair sein gegenüber den Motorradfahrern

Eine weitere Frage an die Kandidaten galt dem Verkehrslärm und dem, was noch mehr dagegen getan werden könnte. Zunächst müsse erhoben werden, wie stark der tatsächlich sei und damit, wie groß das Problem wirklich sei, insbesondere wie hoch der Anteil der Motorradfahrer daran sei, so Katja Weidlich. Aber es müsse auch da eine Balance gefunden werden, man müsse fair sein, nämlich eine Möglichkeit finden, wie die weiter ihrem Hobby, ihrer Leidenschaft. nachgehen können.

Ja, „auf jeden Fall“, gebe es da Handlungsbedarf, so Niederberger. Es sei ja überall in Berglen laut und nicht nur durch Motorradfahrer. Allerdings gebe es eine Problemlösung nur über verschiedene politische Ebenen: „Das ist ein ganz dickes Brett, das es da zu bohren gilt. Ich bin dazu bereit.“ Dass Verkehrslärm Gesundheitsschäden verursachen könne, sei bekannt, so Werner. Motorradfahren mache aber nun mal denen, die es tun, Spaß, „denen, die darunter leiden, aber eben nicht“.

Strikte Regeln

Die Veranstaltung fand in der Sporthalle in Oppelsbohm statt, unter Einhaltung der „3 G“-Coronaschutzvorgaben. Es waren knapp 60 Besucher da, alle Anmeldungen konnten laut Verwaltung berücksichtigt werden.

Für öffentliche Kandidatenvorstellungen von Kommunen bei Bürgermeisterwahlen gelten strikte Vorgaben. So waren die Bewerber nacheinander an der Reihe, und zwar entsprechend der Reihenfolge der Abgaben ihrer Bewerbungsunterlagen und damit auch in der Reihenfolge, wie sie auf den Wahlzetteln stehen werden. Wer von ihnen gerade nicht dran war, musste sich in der angrenzenden Schulmensa aufhalten.

Diese Trennung soll vor allem verhindern, dass die Nachfolger auf Aussagen der Vorherigen reagieren, ihre eigenen Statements also anpassen können. Jeder Bewerber hatte zehn Minuten Zeit, sich und sein „Programm“ vorzustellen, und noch weitere zehn Minuten, um Fragen zu beantworten. Für drei Bereiche waren Fragen in jeweils einem Umschlag vorbereitet. Aus diesen wurde anfangs jeweils eine Frage „gezogen“, die dann allen Bewerbern gestellt wurde. Die Bewerber bekamen außerdem direkt an sie gestellte Fragen. All diese Fragen mussten sie innerhalb des vorgegebenen Zeitlimits beantworten. Es kamen also alle gleichermaßen zu Wort.

Die Kehrseite, wenn man so will: Es gab kein Gespräch, es konnte kein Dialog stattfinden.Bei den Vorstellungsreden wurde außerdem die noch verbleibende „Restzeit“ (eine Minute, 30 Sekunden) per Papierschild durch die beiden Hauptamtsleiterinnen, die in der ersten Reihe saßen, angezeigt.Die Veranstaltung war hybrid, also mit Präsenz und gleichzeitiger Online-Übertragung.

Den Clou des Abends landete der, der gar nicht erst auf dem Podium erschien. Albert Krauß wäre als Letzter an der Reihe gewesen, er war auch tatsächlich da, an der Sporthalle, zog es aber vor, warum auch immer, sich nicht wie die anderen Bewerber vorzustellen und sich Fragen zu stellen, sondern verschwand regelrecht kurz vorher. So dass die Veranstaltung doch noch so endete, dass alle rechtzeitig heimkommen konnten zum Beginn des Fußballeuropameisterschaftsspiels der deutschen Nationalelf

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