Berglen

Bürgermeisterwahl in Berglen: In der Coronazeit ist die Briefwahl der Ausweg, der für eine sensationelle Wahlbeteiligung sorgt

Bürgermeisterwahl
Unabhängig von der eindeutigen Ausgangslage: Bei der Auszählung kommt es auf jede einzelne Stimme an. Foto: Palmizi © ALEXANDRA PALMIZI

Sensationelle 50,45 Prozent Wahlbeteiligung und das bei einer Wahl mit nur einem Bewerber und noch immer in der Coronazeit? Die Berglener haben es hinbekommen. Vielleicht ist es aber doch nicht ganz so überraschend, wie es zunächst scheint. Die Gemeinde hat intensiv Aufklärungsarbeit geleistet und massiv dafür geworben, dass die Wahlberechtigten von der Möglichkeit der Briefwahl Gebrauch machen – letztlich mit großem Erfolg.

Mit dem absoluten Schwerpunkt auf der Briefwahl (49 Prozent wählten so, knapp 1,4 Prozent in einem der beiden Wahllokale) dauerte die Auszählung etwas länger als sonst, das sei aber von vornherein klar gewesen, man sei aber noch im Zeitplan gewesen, so Hauptamtsleiterin Regina Ehmann auf Nachfrage. Weil in den Wahllokalen tatsächlich kaum gewählt wurde und dementsprechend dort auch weniger Auszähler gebraucht wurden, verstärkten Wahlhelfer von dort die Auszählung der beiden Briefwahlbezirke im Rathaus. Weil in den beiden Wahllokalen jeweils weniger als 50 ihre Stimme abgaben, durften und wurden auch die Stimmen dort zusammen ausgezählt. Die Gemeinde hat anders als bei den Wahlen zuvor, wo es in jedem Teilort, der früher eine der neun selbstständigen Gemeinden war, ein Wahllokal gab, mit dem Verweis auf die Einschränkungen durch Corona dieses Mal nur zwei angeboten, um seine Stimme vor Ort abzugeben. Das war zuvor abgestimmt mit und abgesegnet von der Kommunalaufsicht im Landratsamt.

Auch die bizarre Plakatiererei von Thomas Hornauer – bizarr nicht nur, weil er sich gar nicht um das Amt bewarb, zumindest seine Bewerbungsunterlagen nicht abgab – und seine skurrilen Auftritte live vor Ort und online im Netz haben offensichtlich ebenfalls die Wahlbeteiligung befördert. Indem viele Berglener in einer Art nicht ausgesprochener, geschweige denn organisierter Solidaritätsbewegung sich offenbar gesagt haben: „So, und jetzt zeigen wir es dem mal.“

Friedrich verweist auf seine Präsenz in den sozialen Medien

Der wiedergewählte Amtsinhaber Maximilian Friedrich verweist auf Nachfrage, nicht überraschend, eher auf seine eigenen Anstrengungen. Friedrich ist wie wohl kaum ein anderer Kollege im Landkreis im Netz aktiv, hat auf Facebook über 2000 Follower, auf Instagram rund 750 (als Bürgermeister einer Kommune mit knapp 6500 Einwohnern!). Corona habe ja dazu geführt, dass es keine Wahlkampfauftritte vor Ort gab, sich der Wahlkampf deshalb vor allem auf online konzentriert habe und da sei ihm seine Präsenz in den sozialen Medien zugutegekommen, glaubt Friedrich, der davon ausgeht, dass über 70 Prozent seiner Follower aus Berglen kommen. Fix und zahlenorientiert, wie er ist, hat er noch am Wahlabend recherchiert, dass die Wahl in Berglen die mit der höchsten Wahlbeteiligung bei Bürgermeisterwahlen mit nur einem Bewerber im Rems-Murr-Kreis in den vergangenen Jahren gewesen ist.

Die Wahlbeteiligung im Allmersbach im Tal, bei der zweiten Wiederwahl des Amtsinhabers 2015, betrug 34 Prozent, in Althütte bei der Wiederwahl des Amtsinhabers 2017 waren es 31 Prozent, in Großerlach bei der zweiten Wiederwahl des Amtsinhabers 2016 rund 37 Prozent, in Spiegelberg bei ebenfalls der zweiten Wiederwahl 2016 etwa 48 Prozent, in Waiblingen bei der ersten Wiederwahl 2013 sogar nur 18 Prozent, in Winnenden bei der ersten Wiederwahl 2018 knapp 26 Prozent, in Kirchberg/Murr bei der dritten Wiederwahl 2018 knapp 35 Prozent und in Weissach im Tal bei der ersten Wiederwahl 2015 knapp 40 Prozent. In Tiefenbronn im Enzkreis wurde im März, ganz am Beginn der Coronakrise, der Amtsinhaber bei einer Wahlbeteiligung von knapp 39 Prozent wiedergewählt.

2012 hatten im ersten Wahlgang nur zwölf Stimmen gefehlt

Friedrich hatten 2012 in einem starken Bewerberfeld im ersten Wahlgang nur zwölf Stimmen gefehlt, um auf Anhieb gewählt zu werden (Wahlbeteiligung damals 57,4 Prozent). Im zweiten Wahlgang, als es zur Stichwahl zwischen ihm und Katja Müller kam, die später in Kaiserbach gewählt wurde, betrug die Wahlbeteiligung 57,4 Prozent. Im ersten Wahlgang erhielt er damals 1342 Stimmen, im zweiten 1573. Acht Jahre später gaben ihm 2460 Wahlberechtigte ihre Stimme. Den Zuwachs verbucht er natürlich als Bestätigung.

Auf der Website des Statistischen Landesamts sind die Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer Untersuchung der Bürgermeisterwahlen in Baden-Württemberg im Zeitraum 2010 bis 2017 unter dem Gesichtspunkt der jeweiligen Wahlbeteiligungen nachzulesen. Knapp 11 000 Bürgermeisterwahlen, die in dieser Periode stattfanden, wurden ausgewertet. Demnach betrug die durchschnittliche Wahlbeteiligung rund 44,5 Prozent, je nach Jahrgang schwankend zwischen knapp 40 und knapp 49 Prozent.

Der Vergleich mit anderen Wahlen zeigt, dass die Bürgermeisterwahlen bei der Wahlbeteiligung ganz unten stehen. Ausnahmen gibt es eigentlich nur, wenn diese mit Parlaments- oder Gremienwahl zusammenfallen. Gründe für die „rote Laterne“ in der Hierarchie werden in der Untersuchung verschiedene genannt, zusammengefasst lautet die Schlussfolgerung, dass Persönlichkeitswahlen nicht so mobilisieren wie Parteien- oder Listenwahlen. Was allerdings wohl kaum auf die herausgehobene Stellung des baden-württembergischen Bürgermeisters und damit die Bedeutung seiner Wahl für die betreffende Kommune zurückzuführen sei, heißt es in der Untersuchung weiter. Noch eine Erkenntnis aus ihr: je kleiner Kommunen, desto höher in der Regel die Wahlbeteiligung.

Sensationelle 50,45 Prozent Wahlbeteiligung und das bei einer Wahl mit nur einem Bewerber und noch immer in der Coronazeit? Die Berglener haben es hinbekommen. Vielleicht ist es aber doch nicht ganz so überraschend, wie es zunächst scheint. Die Gemeinde hat intensiv Aufklärungsarbeit geleistet und massiv dafür geworben, dass die Wahlberechtigten von der Möglichkeit der Briefwahl Gebrauch machen – letztlich mit großem Erfolg.

Mit dem absoluten Schwerpunkt auf der Briefwahl (49 Prozent

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