Berglen

Bürgermeisterwahl in Berglen: Spaziergang mit Kandidat Holger Niederberger

Niederberger
Holger Niederberger beim Start zum Spaziergang durch das Rettersburger Neubaugebiet und den historischen Ortskern. © Gabriel Habermann

Fast überall im Quartier wird am Haus oder im Garten gewerkelt und damit die Pause vor dem nächsten Regen genutzt. Dazwischen spielen Kinder, auch die jüngere Tochter und die Gattin von Holger Niederberger sind darunter. Das rote Holzhaus der Familie sticht heraus aus den sonst eher zurückhaltenden Fassaden im Neubaugebiet Hanfäcker in Rettersburg. Auf dem Dach sind Solarthermiemodule installiert, fürs Brauchwasser, die Fußbodenheizung. Der Zweitwagen ist ein E-Kleinauto. Den Garten bevölkern von der Remstal-Gartenschau übrig gebliebene Remsi-Maskottchen. Als Einzige in der Häuserreihe haben sie keine Stützmauer aus Steinen, dafür Erde aufgeschüttet und angepflanzt, das reiche auch, meint der 44-Jährige.

Ein Schritt aus dem Grundstück, und sie sind im Grünen. Es ist das Bild einer Idylle, direkt am Haus, am Rand des Gebiets läuft der Radweg vorbei. Er sei schon oft am Gartenzaun von Spaziergängern und Radlern angesprochen worden, berichtet Niederberger. Erst recht natürlich, seit seine Kandidatur fürs Bürgermeisteramt bekanntgeworden ist. Wie sieht es denn bei ihm selbst aus mit Radeln? „In Berglen? Uff, da bräuchte ich wohl ein E-Bike.“ Ein Dienst-E-Bike im Falle der Wahl sei durchaus eine Überlegung wert.

In dem Gebiet wohnen fast ausschließlich Zugezogene. Sie wären wohl sehr erstaunt über die Berglener Diskussion zum Pro und Contra von Neubaugebieten. Niederberger selbst kennt sie natürlich, hat sie verfolgt. Seine Familie ist zwar auch von auswärts hergezogen, aber er ist in Rettersburg aufgewachsen. Er erinnert in dem Zusammenhang an seine Kindheit. Die Familie habe, so hieß es damals im Volksmund, am „Schuldenbuckel“ gewohnt, die Eltern sind damals, in den 70ern, ebenfalls hergezogen, von Waiblingen. „Sie haben die Chance bekommen, hier zu bauen, wie wir jetzt.“ Die Vergrößerung des Orts seither, die Verdoppelung der Einwohnerzahl, die erhebliche Erweiterung durch Hanfäcker, klar sei das eine Herausforderung, es zu schaffen, dass das Bestehende mit dem Neuen funktioniere. Ein probates Mittel, nämlich Fest, speziell in Rettersburg das Osterfeuer, sei leider wegen Corona nicht möglich gewesen, auch kein Quartierfest bislang. „Bislang läuft alles sozusagen bilateral.“

Zum Job als Bürgermeister gehöre auch, zu integrieren

Vorbehalte Alteingesessener habe es auch damals gegeben und gebe es heute: „Aber auch die jetzigen Neuen werden alle echte Rettersburger, versprochen.“ Und bei aller Kritik, klar sei doch auch, dass eine Gemeinde sich finanzieren müsse und dazu gehöre auch die Erschließung von Bauland. Es brauche dafür allerdings „Einklang“ mit der Bevölkerung vor Ort. Er habe festgestellt, dass der in den letzten Jahren aber etwas gelitten habe, erzählt Niederberger beim Spaziergang durchs Gebiet, immer wieder rechts und links Bewohner im Garten grüßend und nachdem er seine jüngere Tochter, die ihm nachlief, gebeten hat, zur Mama zurückzugehen. „Es gibt Ängste, dass man die neuen Leute hier eben nicht kennt.“ Es werde sein Job als Bürgermeister also auch sein, zu integrieren. Er setze da auch auf die verbindende Kraft der Vereine, deswegen sei deren Förderung so wichtig, ohne die gehe es nun mal nicht. Auch die Gemeinde könne etwa mit dem Ferienprogramm in diese Richtung wirken.

Wachstum ja, aber die Frage sei doch in welcher Geschwindigkeit

Sollte er gewählt werden, schließe er allerdings für die nächsten acht Jahre weitere, große Baugebiete in Berglen aus, betont Niederberger mit Blick auf den Flächenverbrauch: „Damit ist jetzt auch mal gut.“ Wenn neuer Wohnraum, dann nur in Form von Erweiterungen, Abrundungen, oder falls möglich innerörtlich. „Man kann ja nicht sagen, wir machen jetzt Schluss und ab nun kommt niemand mehr her. Es wird also weiterhin Wachstum geben, aber die Frage ist, in welcher Geschwindigkeit soll das geschehen. Berglen soll ja seinen Charakter erhalten, nicht in Richtung Stadt sich entwickeln.“ Es brauche dabei aber auch eine Diskussion über künftige Wohnformen: „Ich weiß, dass es in Berglen eine Tradition der Einfamilienhäuser gibt. Es ist an der Zeit, die mal zu überdenken.“

Hat er ein „Die-ersten-100-Tage-Programm“? Uff, also er werde sich erst mal einen Ein- und Überblick verschaffen, so Niederberger. Er denkt aber gleich weiter. So verdienstvoll die erreichte Schuldenfreiheit der Gemeinde auch sei, er gehe nicht davon aus, dass es in den nächsten Jahren so bleiben werde, um nämlich den weiteren Ausbau der Infrastruktur zu finanzieren. Neubaugebiete bedeuteten eben auch Folgekosten durch sie. Infrastruktur bedeute auch, den digitalen Wandel noch weiter voranzutreiben, auch in Berglen werde es immer mehr Home-Office geben. Oder die Busverbindungen weiter zu optimieren: „Die sind aber schon viel besser geworden, wenn ich da an meine Jugend in den 80ern denke, als immer die bange Frage war, wie kommt man wo hin und wieder zurück.“ Oder Läden und Bankfilialen zu erhalten: „Da will ich aber nichts versprechen, was mir nachher um die Ohren fliegen kann. Das, was es hier schon gibt, ist ja nicht so schlecht.“

Potenzial für „belebtere“ Ortsmitte in Oppelsbohm

Eine vollständige Liste aller Direktvermarkter auf der Gemeindehomepage tue not. Bei der Schulsozialarbeit sieht er noch deutlich Luft nach oben, nach dem Motto „Früh abfangen, damit man bestimmte Probleme später erst gar nicht bekommt“. Potenzial macht er auch in Oppelsbohm aus, dabei, die Ortsmitte „belebter“ zu machen. Warum dafür nicht zum Beispiel eine Eisdiele, er weiß auch schon, wer die betreiben könnte, die Familie ist in Berglen ohnehin gastronomisch tätig und bekannt.

Als ehemaliger Journalist und derzeitiger Pressesprecher ist Niederberger Kommunikationsprofi. Klarer Fall also, dass er auf sämtlichen Social-Media-Kanälen unterwegs ist und sie bedient, eigene Facebookseite, Präsenzen auf Instagram, Whatsapp sind eh klar, auch ein Kurzvorstellungsvideo auf Youtube ist geplant, dazu ein Info-Stand ,„Zaun“-Gespräche, auch eine Wanderung mit Stationen. Klassische Wahlkampfveranstaltungen mit vielen Besuchern lässt Corona nicht zu.

Die Familie hat lange in Berlin gelebt, vermisst sie die Großstadt nicht? „Das waren 13 tolle Jahre, das ist aber vorbei. Ich bin hier daheim.“ Seine Lieblingsorte, außer Rettersburg natürlich? Also das Schulgebäude und das Backhäusle in Vorderweißbuch findet er toll. Überhaupt, die Backhaustradition sei es wert, wieder aufzuleben. Der Spaziergang ist mittlerweile im „Alt“-Teil von Rettersburg angelangt. Niederberger hat es dort die Mischung angetan, direkt nebeneinander stehen zwei sehr ansehnliche Neubauten, ein Holzblockhaus und eines mit verputztem Beton. Hier ist noch spürbar, dass Rettersburg mal ein Dorf war, vielleicht noch eines ist.

Spielplatz-Bau verschoben: Aus seiner Sicht kein Weltuntergang

Zurück am Ausgangspunkt. Direkt gegenüber dem Grundstück liegt das eingegrünte Retentionsbecken. Der Zaun drumrum ist zwar wohl notwendig, aber kein schöner Anblick – und für den Nachwuchs eh nicht unüberwindbar, wie Niederberger schon festgestellt hat. Daneben Erdhaufen. Den Bau des geplanten Kinderspielplatzes hat die Gemeinde aus finanziellen Gründen vorerst verschoben. Aus Sicht von Niederberger kein Weltuntergang, die nahe Natur biete so viele andere Möglichkeiten. Unmut über die Verzögerung hat er natürlich gehört. Aber es sei ja klar, dass der Spielplatz sein müsse, bei so einem großen Baugebiet. „Aber dann kommt er halt a bissle später.“ Auch den Ärger über den Aufschub des neuen Spiel- und Freizeitgeländes in Steinach hat er mitbekommen. Vielleicht brauche es dort eine pragmatische Zwischenlösung, so seine Anregung.

Fast überall im Quartier wird am Haus oder im Garten gewerkelt und damit die Pause vor dem nächsten Regen genutzt. Dazwischen spielen Kinder, auch die jüngere Tochter und die Gattin von Holger Niederberger sind darunter. Das rote Holzhaus der Familie sticht heraus aus den sonst eher zurückhaltenden Fassaden im Neubaugebiet Hanfäcker in Rettersburg. Auf dem Dach sind Solarthermiemodule installiert, fürs Brauchwasser, die Fußbodenheizung. Der Zweitwagen ist ein E-Kleinauto. Den Garten

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