Berglen

Berglen: Jugendliche  und junge Erwachsene schuften für den Naturschutz

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Für den Promi-Besuch legen sie eine Pause unter schattenspendenden Bäumen ein. © ZVW/Uwe Speiser

Wer über das Brückle bei den Sportplätzen im Erlenhof kommt, blickt auf der anderen Seite des Radwegs direkt auf den Steilhang am Eichberg. Wo normalerweise sich nur Brombeerhecken wohlfühlen und weidende Ziegen, arbeiten derzeit Jugendliche und junge Erwachsene, befreien die Landschaft von Büschen und Hecken, räumen gemähtes Gras ab, bringen Totholz raus, legen Trockenmauern (Eidechsen!) frei. Dort wurde einst Wein angebaut! Es wird einem beim bloßen Zuschauen schon schwindlig, zumal hochsommerliche Temperaturen herrschen.

Dem Nachwuchs scheint all das aber nichts auszumachen, einer von ihnen kommt waghalsig heruntergerast und legt unten eine gekonnte Vollbremsung hin, heil und über beide Backen grinsend. Für einen beleibten Erwachsenen ginge es bei so einer waghalsigen Aktion ums nackte Überleben. Ein anderer, der Shorts trägt, hat zerkratzte Beine, die Brombeeren, was soll’s, ist halt so, kein Problem, meint er lässig. Beim schuftenden Nachwuchs sind auch welche dabei, die nicht unbedingt Gämsenstatur haben, es muss sie noch deutlich mehr plagen als die Ranken und Schlanken. Aber kein Murren, kein Klagelaut, warum auch, sie sind schließlich freiwillig hier und dürften alle ziemlich gut vorher gewusst haben, auf was sie sich einlassen und vor allem für was: Naturschutz.

Es ist das mittlerweile 46. Jugendzeltlager des Bunds Naturschutz Alb-Neckar (BNAN). Und natürlich besteht das keineswegs nur aus der Plackerei. Erstens sind sie in den zwei Wochen „nur“ jeden zweiten Tag auf dem Eichberg zugange, zweitens schieben sie dort keine Achtstundenschichten, drittens gibt es an den Nachmittagen und an den freien Tagen ein Begleitprogramm, das mehr als entschädigt. Und viertens ist so ein Zeltlager für junge Leute ein Abenteuer, willkommene Abwechslung vom Alltagstrott der Schule, der Ausbildung, des Studiums und bestimmt beim einen oder anderen auch von der Familie.

14 junge Frauen, zwölf junge Männer, zwischen 14 und 20 Jahre alt

14 junge Frauen, zwölf junge Männer, zwischen 14 und 20 Jahre alt, die meisten waren schon mal oder öfters dabei, für wenige ist die Erfahrung ganz neu, viele kommen aus Berglen selbst, einige sind „von der Alb ra“, einige auch aus dem Oberland, kein Zufall, denn dort wird das Zeltlager im nächsten Jahr stattfinden, in einem Naturschutzgebiet bei Isny, dort wird es ums Thema Erhalt von Mooren gehen, organisieren wird dann der Bund für Naturschutz Oberschwaben (BNO), die „nasse Fraktion“ (im Gegensatz zur „trockenen“ des BNAN).

Das Zeltlager selbst ist auf dem mit am schönsten Platz in Berglen überhaupt, der Anhöhe beim Grill- und Spielplatz Reichenbach, mit atemberaubenden Fernblick entlang des Buchenbachtals. Da werden selbst die Oberschwaben im kommenden Jahr sich schwertun mitzuhalten. Es ist ein regelrechtes Feldlager aufgebaut, mit Großraumzelten, in denen es nachts, kaum zu glauben, kühler ist als draußen. Einige schlafen auf Liegen, anderen auf Lumas, wieder andere auf Isomatten, anderen reicht der Schlafsack als Unterlage auf dem Zeltboden. Auf Leinen quer durch die Zelte hängen Shorts- und T-Shirts. Am Rande stehen einige Dixie-Klos, auf der anderen Seite, ganz neu angeschafft, Duschcontainer, mit Solarspiralen auf dem Dach für warmes Wasser. Das Verpflegungszelt heißt „Casino“, ein Plakat erlaubt den Eintritt „nur für Hilfsbereite“. Auch ein Volleyballnetz zeugt davon, dass der Spaßfaktor nicht zu kurz kommt.

Der Nachwuchs wird betreut von neun Jugendleitern, die meisten von denen waren selbst mal Zeltlagerteilnehmer. Einige weitere Helfer, die unter der Woche arbeiten müssen, keinen Urlaub bekommen haben, stoßen jeweils am Wochenende dazu. Zwischen den Arbeitseinsatztagen gibt es Wanderungen (zum Streuobstbiotop am Gänsrain bei Oppelsbohm), Geländespiele, Ausflüge, unter anderem in die Stuttgarter Wilhelma, zur Experimenta in Heilbronn, den Kräuterterrassen in Kaisersbach, einen Besuch im Oskar-Frech-Bad in Schorndorf, Workshops zum Naturschutz, aber auch zum Brotbacken, oder Basteln (Speckstein schnitzen), Spielen im Gemeinschaftszelt (besonders beliebt beim Nachwuchs: „Löffelmörder“).

Michael Klenk ist nicht nur der Koch, sondern Mädchen für alles

An den Arbeitstagen fangen sie wegen der derzeitigen Hitze morgens früh an, wandern von Reichenbach runter, mittags kommt das Küchenmobil mit Verpflegung. Für die ist Michael Klenk verantwortlich, bekannt in Berglen durch sein Konditorei-Café in Ödernhardt und vormals sein Regionalregalladen in Oppelsbohm. Er ist seit zwölf Jahren dabei und in seiner Bedeutung für das Zeltlager kaum zu überschätzen, nämlich morgens anderthalb Stunden früher auf als die anderen und abends derjenige, der als Betthupferl dem Nachwuchs noch Nutellabrote schmiert, eigentlich ist er aber dort ohnehin „Mädchen für alles“.

Ein anderer Wichtiger, aber eher am Rande, ist Ulrich Kraus. Der Ödernhardter ist im Beruf Polizist (mit Arbeitsplatz in Stuttgart) und Gemeinderat, aber er ist auch ein aktiver Naturschützer, beweidet nämlich mit seinen Ziegen und Schafen unter anderem den Eichberg, weil dort die Lage mit rund 25 Prozent Steigung den Einsatz von Maschinen äußerst mühsam bis unmöglich macht. Er und seine Frau Heike widmen sich als Nebenerwerbslandwirte dem Überleben alter Haustierrassen wie dem alpinen Steinschaf (früher auch Bienen, mittlerweile auch Hühner).

Die exponierte Lage des Zeltlagers intensiviert, wenn man so will, die Probleme des diesjährigen Sommers, macht sie für die Teilnehmer noch anschaulicher: Außergewöhnliche Hitze in Verbindung mit enormer Trockenheit, wobei dort oben natürlich keiner verdursten muss, für ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist selbstverständlich vorgesorgt (darunter bergleneigener Streuobstapfelsaft, pur oder als Schorle). Aber Sturmböen haben zwischendrin Zelte aus ihren Verankerungen gerissen und „mitgenommen“.

Das Ganze wird finanziell unterstützt von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg und von der Reinhold-Beitlich-Stiftung Tübingen, die Förderung sorgt dafür, dass die Teilnehmerbeiträge (48 Euro für BNAN- oder BNO-Mitglieder, 78 Euro für Nichtmitglieder) für die jungen Leute oder deren Familien bezahlbar sind. Zum Pressetermin kommen aber nicht nur Vertreter der beiden Naturschutzverbände und Stiftungen, sondern auch der betreffenden Ämter des Landratsamtes und der Politik.

Visite der Regierungspräsidentin und des Staatssekretärs

Von dieser hat sich nicht nur der Landtagsabgeordnete Gernot Gruber nach Berglen auf den Weg gemacht (mit dem Fahrrad), sondern auch die Regierungspräsidentin Susanne Bay und der Staatssekretär im Umweltministerium Dr. André Baumann. Sie berichtet, dass sie einst zehn Jahre lang im Walderholungsheim in Heilbronn engagiert war, allerdings dort Naturschutz eher „passiv“ erlebt habe, im Gegensatz zu den jungen Leuten hier, die diesen aktiv betreiben, damit dazu beitragen, dass Pläne zur Landschaftserhaltung wirklich umgesetzt werden. Sie würden damit zu „Mittlern“ für den Naturschutz und hoffentlich Stiftern von Netzwerken für diesen. Und vielleicht würden die bei diesen Zeltlagern gesammelten Erfahrungen ja auch zur weiteren beruflichen Orientierung bei dem einen oder andern beitragen.

Baumann verweist auf das Insektensterben, überhaupt den Rückgang biologischer Vielfalt, den Klimaschutz, darauf, dass es nicht ausreiche, Naturschutzräume auszuweisen, es brauche allerorten ehrenamtlichen Einsatz für den Naturschutz und dabei spielten BNAN und BNO eine ganz wichtige Rolle, indem sie Nachwuchs dafür gewinnen, diesen mit dem „Naturschutzvirus impfen“, helfen, dessen wachsendes „Naturdefizitsyndrom“ zu bekämpfen.

Mit in der Runde war natürlich auch der Hausherr, wenn man so will, der Bürgermeister als Vertreter der Gemeinde, der die Fläche des Zeltlagers gehört und die dieses auch mit Wasser und Strom versorgt. Holger Niederberger berichtet, dass er am vergangenen Wochenende beim Wandertag in Fellbach war – wobei Wandern ja durchaus auch Naturschutz sein kann – und dass er am gleichen Tag noch beim Ferienprogramm der Gemeinde mit Kindern unterwegs war, sozusagen auf den Spuren der heimatgeschichtlichen Wanderungen, die Werner Hofmann einst „erfand“. Die Orts- und Zeitkenntnisse dafür hat Niederberger als gebürtiger und wiederzugezogener Rettersburger ja.

Frage an den Bürgermeister: Was trägt er selbst persönlich dazu bei?

Als der „Promitross“ runterzieht zu den jungen Leuten, versammeln die sich für den hohen Besuch ein paar Minuten unter schattenspendenden Bäumen. Sie haben Fragen vorbereitet.

Zum Beispiel die an Niederberger, was er denn selbst persönlich beiträgt zum Naturschutz. Also, die Familie habe ja im Neubaugebiet Hanfäcker in Rettersburg ein Holzhaus gebaut, das in mehrfacher Hinsicht ökologisch sei, auch keinen Beton im Garten wie andernorts. Außerdem fahre sie ein E- und ein Hybrid-Auto. Im Büro im Rathaus sei, so oft es gehe, die Klimaanlage nicht eingeschaltet. Niederberger räumt allerdings ein, dass er, vor allem wegen Termindrucks, nicht alle Strecken mit dem Rad zurücklegt. Aber er sei dran, bemühe sich, dass es mehr werde.

Wer über das Brückle bei den Sportplätzen im Erlenhof kommt, blickt auf der anderen Seite des Radwegs direkt auf den Steilhang am Eichberg. Wo normalerweise sich nur Brombeerhecken wohlfühlen und weidende Ziegen, arbeiten derzeit Jugendliche und junge Erwachsene, befreien die Landschaft von Büschen und Hecken, räumen gemähtes Gras ab, bringen Totholz raus, legen Trockenmauern (Eidechsen!) frei. Dort wurde einst Wein angebaut! Es wird einem beim bloßen Zuschauen schon schwindlig, zumal

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