Berglen

Die Rückkehr an den Ort der Zuflucht

Filmprojekt
Diethard Fohr und Kameramann Friedrich Wirth berichten über die Arbeiten zu Ihrem neuen Film „Evakuierte aus Berglen“. © Gaby Schneider / ZVW

Berglen. Im Zweiten Weltkrieg wurden Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, als die Gefahr immer größer wurde. Sie wurden zugeteilt, wo Zimmer frei waren. Nach mehr als 70 Jahren sind ein paar von ihnen zurück nach Berglen gekehrt - an den Ort, wo sie fremd waren, aber bald Freunde fanden. Diethard Fohr und Friedrich Wirth haben sie mit der Kamera begleitet. Im Interview sprechen sie über ihren neuen Film „Evakuierte in Berglen“.

Video: Filmausschnitt aus "Evakuierte in Berglen"

Herr Fohr, wenn Sie an die Dreharbeiten zum Film „Evakuierte in Berglen“ denken, welche Begegnung hat Sie am meisten berührt?

Das Treffen im Oberweilerhof mit der 82-jährigen Ursula Dzwikowsky, die mit ihrer Tochter den Ort wieder aufgesucht hat, an dem sie vor 72 Jahren als Evakuierte aus Zweibrücken kam, und wo sie drei Jugendfreundinnen wieder getroffen hat: Gerda Schopp, Gerda Schniepp und Hildegard Jeutter. Alle waren sehr ergriffen, dass sie sich nach 72 Jahren gesund und munter am Oberweilerhof treffen konnten.

Wie kam es zu dem Treffen?

Ursula Dzwikowsky hatte den Wunsch gegenüber ihrer Tochter geäußert. Es hat aber dann einige Zeit gedauert, da sie Schwierigkeiten hatten, den Ort zu finden. Damals hatte man immer vom Oberhof gesprochen oder Oberweiler, weshalb sie das nicht gefunden hatten. In Bretzenacker kamen sie zunächst nicht weiter. Erst beim zweiten Anlauf klappte es. Zufällig hatten sie Gerda Schniepp getroffen. Die hat sie auch gleich wiedererkannt – die Freude war riesengroß.

Als Kameramann haben Sie, Herr Wirth, die Szene festgehalten. Wie beschreiben Sie das, was sich da abgespielt hat?

Die Damen saßen mit einem sehr zufriedenen, glücklichen Eindruck bei Kaffee und Kuchen und hatten nur ein Thema: die Jugenderinnerungen. Sie haben sich darüber unterhalten, wie sie da gespielt haben und Spaß hatten. Man weiß ja auch von anderen Kriegserinnerungen, dass die negativen Erinnerungen in den Hintergrund geraten und das Positive überwiegt und dass man sich darüber lange unterhalten kann.

Beeindruckend war das sicherlich, wenn man bedenkt, wie zerstört Deutschland zu diesem Zeitpunkt war und wie harmonisch die Erinnerungen klingen ...

Ja, genau. Negative Erinnerungen wie, dass sie ihre Heimat verlassen musste, weil das Kriegsgebiet war, dass sie hier zwar in Sicherheit gebracht wurden, aber in der Fremde lebten, wird ausgeblendet. Man hat sich als Fremder in die Haushalte, in die Wohnungen hineingedrängt gefühlt und hat trotzdem schnell Kontakt gefunden. In der ländlichen Gegend ging die Integration vermutlich einfacher, weil man mithelfen konnte: Beim Viehhüten, im Stall, auf den Feldern konnte man sich einbringen und hatte auch kein schlechtes Gewissen, wenn man am Tisch saß und mitgegessen hat. Das waren die Gesprächsthemen.

Wie ist es Ursula Dzwikowsky, Herr Fohr, zur Zeit der Evakuierung ergangen?

Sie hat erzählt, die Anreise hat drei Tage gedauert mit dem Zug. Wegen Tieffliegerangriffen musste der Zug mehrmals halten. In Mannheim mussten sie in den Keller, weil vor Bombardierungen gewarnt wurde. In Winnenden wurden sie auf Lastwagen verladen. Sie war zehn Jahre alt. Es war ein Abenteuer. Klar ist man in dem Alter noch flexibler. Aber ihr Vater hatte kurz drauf am Oberweilerhof einen Schlaganfall und musste mit dem Schlitten im Winter zum Arzt gebracht werden. Das ist so ihre schrecklichste Erinnerung, weil sie Angst hatte, dass sie ihren Vater verliert.

Welche anderen Personen, Herr Fohr, kommen noch im Film vor?

Dr. Wolfgang Müller, der jetzt in Stuttgart lebt, wurde damals mit einer Schulklasse aus Stuttgart nach Steinach evakuiert. Bei ihm war das Ergreifendste, als er davon erzählt hat, wie er in der Nacht zum 2. März 1944 im Keller saß, nachdem das Haus von einer Brandbombe getroffen wurde. Er ist mit großer Angst aus dem Haus geflüchtet. Als er nun nach 70 Jahren die verkohlten Balken gesehen hatte, die es dort immer noch gibt, war das für ihn ein Schlüsselerlebnis. Ebenso das Wiedersehen mit der kleinen Else. Sie hieß damals Else Fritz, heute Fichtner. Bei ihr waren wir – das war ein schönes Wiedersehen. Sie haben sich zuletzt vor 20 Jahren gesehen.

Wie kam es zu dem Film, Herr Fohr?

Ich habe mich mit der Situation des Kriegsendes bereits mehrmals bei anderen Projekten wie dem Film „Stunde null in Winnenden“, „Kriegsende in Berglen“, mit den Heimatvertriebenen befasst. Aus dem Grund hat sich Ursula Dzwikowsky bei mir gemeldet und gefragt, ob ich an dem Projekt interessiert bin. Das war der Startschuss.

Gab es ein Drehbuch, Herr Wirth?

Das Drehbuch wird nach den Aufnahmen gemacht (lacht). Man hat zum Anfangszeitpunkt noch nicht gewusst, wer sich einbringt. Beispielsweise hatten wir die Fahrt nach Schweigen, wo wir ehemalige Evakuierte besucht haben, gar nicht eingeplant. Jetzt haben wir eine Menge Rohaufnahmen und müssen schauen, wie wir das im Schnitt zusammenbringen.

Warum ist Ihnen, Herr Fohr, so wichtig, über das Thema einen Film zu machen?

Es ist die letzte Chance, über das Thema mit Zeitzeugen zu reden. Außerdem sollte man nicht vergessen, welches Elend Kriege mit sich bringen. Überhaupt in der heutigen Zeit ist es traurig, wie viel Raum der Krieg einnimmt. Wir sind alle so gut gebildet, so aufgeklärt, wir haben die UNO ... und trotzdem werden so viele Kriege geführt. Dass jetzt wieder deshalb so viele Menschen ihre Heimat verlassen müssen und auf der Flucht sind, ist eine Katastrophe. Das soll der Film vermitteln.

Die Fragen stellte Diana Nägele