Berglen

"Erich Gin" aus Berglen expandiert: Cannadry Gin gibt es bald auch in den USA

gin
Tim Andrä und Katharina Kammerer hatten an ihrem Stand viele Anfragen und viel zu erklären. © privat

Die „Amis“ sind bekanntlich verrückt nach Neuschwanstein und Heidelberg. Man kann sich leicht vorstellen, dass und warum auch diese kleine Destillerie in Reichenbach sie fasziniert. Weil „alles handgemacht“ ist. Ob es so bleibt? „Erich Gin“ will und wird expandieren, vor Ort und auch beim Absatzmarkt, hat dafür, genau, die USA im Visier. Jüngst ist Tim Andrä von einer Marketing-Tour durch die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Ob deswegen seine Mail-Signatur ihn als „CEO“ und „Founder“ der Gin-Manufaktur ausweist? Andrä hat das Sortiment dort auf mehreren Messen präsentiert, unter anderem auf der „IBWSS“ (International Bulk Wine and Spirits Show) in San Francisco, und bei der „Cannabisdrinksexpo“, ebenfalls dort, Importeure besucht, in Las Vegas sowie im Napa Valley, in Los Angeles und in San Diego, ebenfalls Kalifornien.

Ihm wird nun wohl gar nichts anderes übrigbleiben, als zu vergrößern. Beginnend dort, wo alles angefangen hat: in der Ortsmitte von Reichenbach, wo er gegenüber eine neue und größere Brennereianlage plant. Bei Prämierungen in Berlin, London, Hongkong und Luxemburg hatten er und sein Vater Jochen bereits Gold abgeräumt, nur zwei Jahre nach der Gründung des Betriebs, aus einer „Schnapsidee“ heraus, wie sie damals versicherten, und in ehrendem Andenken an Tims Großvater und Jochens Vater Erich, diesen nach ihm benannt, ebenso wie ihren „Klassiker“.

Ihr Gin auf CBD-Basis darf ausgerechnet in Kalifornien nicht verkauft werden

Dieses Jahr setzten sie also in die „Neue Welt" über, machten über den „Großen Teich“ rüber, nachdem der Organisator der Awards in Europa sich das dort auch traute, unterstützt von einem Importeur aus Chikago. Dort reichte es immerhin jeweils für Silber, für beide an Wettbewerben teilnehmenden Gins: außer „Erich Gin“ mit dem Grundstoff Wacholder, bezogen aus Kroatien, destilliert mit Zitronen aus Spanien und zwölf weiteren „Botanicals“, plus örtliches Quellwasser, ein Gin auf CBD-Basis: „Cannadrygin“. Über einen kalifornischen Importeur haben sie für den eine große Bestellung aus Florida bekommen. Müssen allerdings für diese, wie der schwäbische CEO schmunzelnd erzählt, umetikettieren, in größere Flaschen abfüllen und einen Laborbericht vorlegen, der hoffentlich Unbedenklichkeit bescheinigt, dass nämlich der maximal zulässige THC-Wert nicht überschritten wird.

Das Kuriose, ja Skurrile: In Kalifornien, dem Bundesstaat, der in Sachen Liberalisierung sonst USA-weit bei allem vorne dran ist, ist CBD-Gin (noch) nicht zugelassen, genauer gesagt, die Kombination mit Alkohol in einem Getränk, in Florida dagegen sehr wohl.

Außerdem sind sie mit einem weiteren Importeur in Kontakt, aus dem Bundesstaat Utah (dem Hauptsitz der abstinenten Mormonen!), der Interesse an ihrem „Sommgergin“ hat. Vermischt man den mit Tonic Water, wechselt er die Farbe, von bläulich zu violett (weil sie nach dem Brennen eine asiatische Blüte hinzufügen und die reagiert auf die Säure von Tonic Water), ist sehr fruchtig, erfrischend, „himbeerlastig“, weil mit diesen Beeren (und anderen Früchten) destilliert wird. Ein „Eyecatcher“ also, so Andrä, der auch ein Talent für Werbetexte hat und davon ausgeht, dass diese „Geschmacksexplosion auf dem Gaumen“ die Amerikaner betören wird. Wobei: Noch ist der Vertrag für den Großauftrag nicht unterschrieben.

Ihr Klassiker „Erich Gin“ ist den Amerikanern vielleicht „zu mediterran“

Für ihren Klassiker haben sie bislang trotz Award-Gold- und -silbermedaillen noch keinen Importeur. Aber für den „noch ziemlich jungfräulichen Markt mit deshalb großem Potenzial“ seien sie in aussichtsreichen Gesprächen, so Andrä. Klar gebe es mächtig Konkurrenz aus Europa, Südasien, Südamerika und den USA selbst. Beim Award in Hongkong waren zwei der Mitbewerber aus Deutschland, einer aus München, einer aus dem Schwarzwald. Bei der Messe in San Francisco gab es alleine in der Gin-Sparte rund 240 Bewerber.

Ihr Klassiker, der „Erich Gin“, sei durch die verwendeten Zitronen und Limetten eher „mediterran“, so Andrä, der amerikanische „taste“ sei dagegen, bislang zumindest, eher „indisch angehaucht: Die stehen dort eher auf würzig, blumig.“ Aber dafür könnte ja eine Neuheit von ihnen passen: „Distillers Cut“, mit Kaktusfeigen aus Amerika.

Nach wie vor ist alles „handgemacht“, das ist ihr Markenzeichen

Wo wird der Berglener CBD-Gin in Florida zu bekommen sein? In ausgewählten Bars, Restaurants und „Stores“, so Andrä, „auf keinen Fall also in Discountern und in keinem Walmartregal. Der wird nicht zu Ramschpreisen verkauft und deswegen auch nicht in so großen Mengen.“

Das ginge aber ohnehin nicht, denn sonst kämen sie gar nicht hinterher mit dem Brennen. Das soll weiter schwäbisch-handgemacht sein. Das gilt nicht nur fürs Destillieren, sondern fängt bereits mit der Auswahl der Botanicals (bei dem sie Wert auf nachhaltigen Bio-Anbau legen, auch bei den importierten) an und geht weiter über die Mazeration, das Brennen, Abfüllen bis hin zum Etikettieren und Nummerieren der Flaschen, Anbringen und Versiegeln des Korkens, wobei auch Andräs Verlobte Katharina Kammerer im Familienbetrieb vor allem bei Marketing und Akquise mitmischt.

Welche Erfahrungen haben sie noch bei ihrem USA-Trip gemacht? Das sei eben eine „andere Welt“. Aber: Bei ihnen, bei aller schwäbischen Bescheidenheit, sei am Stand am meisten los gewesen, auch weil der auffällig gewesen, liebevoll gemacht gewesen sei. „Wir haben gleich am ersten Tag etwa 300 Visitenkarten bekommen.“ Die Leute seien vom Label begeistert gewesen, sie hätten viele Kontakte knüpfen können. Bei der Cannabis Drinks Expo hätten sie festgestellt, dass die Leute dort „mittlerweile lieber Bier mit CBD als mit Alkohol trinken“. Von der positiven Wirkung von CBD ist Andrä aufgrund eigener Erfahrung damit selbst überzeugt. Vom Verbot in Kalifornien seien sie überrascht worden, hätten davon erst dort erfahren.

Wie geht es weiter? Also die rund 30.000 Flaschen, die sie im vergangenen Jahr produziert haben, die seien dieses Jahre bereits fast erreicht, es gehe also auf die 50.000er-Marke zu. Wo es einen Sommergin gibt, darf natürlich einer für den Winter nicht fehlen, gewürziger, mit anderen Botanicals, außerdem einen „Erich Gin spezial“, der im Maulbeerbaumholzfass neun Monate gelagert wird, „reift“, um eine würzige, rauchige, aber gleichzeitig auch milde Note zu bekommen, eine limitierte Sonderedition. Die neueste „Ausgabe“: „Medusa“, sehr fruchtig, süß, entstanden durch den Kontakt mit der „Schwarz-Weiß-Bar“ in Stuttgart, deren Betreiber auch aus Berglen kommt, aus dem Stöckenhof, mit dem die Rezeptur abgestimmt wurde.

Er ist beim Opa früh reingewachsen in die Brennerei

Andrä, 31, ist vorher Elektroingenieur bei der EnBW gewesen. Aber er ist in einer Brennerfamilie aufgewachsen, die noch über den Opa hinaus zurückreicht, die Brennrechte aus dem Jahre 1938 wollte die Familie, als er nicht mehr so recht konnte, nicht verfallen lassen. Klar, dass auch der Enkel früh anfing, mit einer Mikro-, beziehungsweise Tischdestille für maximal drei Liter („Man muss die Rezeptur ja nur einfach hochrechnen“) da reinwuchs, nach dem dritten oder vierten Versuch, so als 14-, 15-Jähriger, sei es okay geworden, „sagten zumindest meine Kumpels“, so Tim Andrä: „Wobei ich nie gedacht hätte, dass ich das mal hauptberuflich mache. Aber es ist doch auch eine Leidenschaft geworden.“

Mittlerweile bieten sie auch Tastings an, auf Hochzeiten, Geburtstagen, eigentlich zu jeder Art von Veranstaltungen, aber auch „daheim“, nämlich in Opa Erichs altem Wohnzimmer. Die neue, bereits bestellte Destillerie wird mit Drehstrom arbeiten, das biete mehr Möglichkeiten, die Holzofenzeit ist bald vorbei und die mittlerweile fast 30 Jahre alte Brennblase hat dann ausgedient. Ihre Vorgängerin steht im Heimatmuseum in Oppelsbohm. Was hätte eigentlich Opa Erich zu dem nach ihm benannten Gin gesagt? Ähm, also der war eher ein Obstler und für seine Kreationen dort weithin bekannt.

Die „Amis“ sind bekanntlich verrückt nach Neuschwanstein und Heidelberg. Man kann sich leicht vorstellen, dass und warum auch diese kleine Destillerie in Reichenbach sie fasziniert. Weil „alles handgemacht“ ist. Ob es so bleibt? „Erich Gin“ will und wird expandieren, vor Ort und auch beim Absatzmarkt, hat dafür, genau, die USA im Visier. Jüngst ist Tim Andrä von einer Marketing-Tour durch die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Ob deswegen seine Mail-Signatur ihn als „CEO“ und „Founder“ der

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