Berglen

Gartenzwerge sind ihre Leidenschaft

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Helga Müller hat fürs Foto ihre Lieblinge von der Bühne geholt, sie muss sie nicht ständig ansehen. Wenn sie aber einen bemalt, braucht sie einen halben Tag dafür. © Ramona Adolf

Berglen. Gartenzwerge seien eigentlich gar nicht für den Garten bestimmt, sagt Helga Müller und meint damit nicht nur, dass viele Gartenbesitzer heute die sowieso ablehnen. Ganz ursprünglich seien die possierlichen Kerlchen aus Italien gekommen und eingewandert ins Erzgebirge, stammten aus der Tradition des Bergbaus, stellten also die Arbeiter dort dar, mit Zipfelmützen wegen der niedrigen Stollen.

Video: Jeder Gartenzwerg von Helga Müller vom Stöckenhof hat seinen eigene Charakter.

Die Stöckenhöferin, Expertin auf diesem Gebiet, berichtet, dass eine im 19. Jahrhundert gegründete Traditionsfirma im thüringischen Gräfenroda so etwas wie der „Erfinder“ der Gartenzwerge ist, zumindest der deutschen, weil sie die als Erste in Handarbeit herstellte und es nach wie vor tut. Wobei es zwischendurch einen Ableger in Rot am See gab, von dem aber nur noch ein Museum übrig geblieben ist. Was später andere daraus gemacht haben, nämlich industrielle Massenproduktion, das nennt Helga Müller „versaut“.

Design "ihres" Gartenzwergs ist geschützt

Sie war natürlich oft in Gräfenroda und in Rot am See, hat es aber nicht nur bei Besuchen bewenden lassen, sondern Kontakte geknüpft und sich 1994 das Design „ihres“ Gartenzwergs als Geschmacksmuster eintragen lassen. Sie erinnert sich noch an die Fahrt nach Stuttgart, den kleinen Kerl in der Handtasche. Sie genierte sich ein bisschen. Aber siehe da, die Patentfachleute empfingen sie wohlwollend, freundlich, waren offensichtlich noch ganz andere „Erfindungen“ gewohnt. Der Schutz für ihre insgesamt 18 Muster ist erst vor kurzem ausgelaufen. Sie hat ihn trotz eines Anrufs aus Berlin dazu nicht verlängern lassen.

Eine Firma tont, sie selbst bemalt

„Ihr“ Gartenzwerg, das muss man erklären: Ihr Markenzeichen ist sein Äußeres, die Figur selbst stellt Helga Müller nicht her, sie lässt also tonen. Die Traditionsfirma überlässt ihr dazu die Rohlinge. Bei ihr ist alles Handarbeit, Einzelanfertigung sozusagen, jeder Gartenzwerg sieht anders aus. Für jeden braucht sie etwa sechs Stunden. Sie hat es bei einem Hobby, besser gesagt einer Liebhaberei, belassen, kein Geschäft daraus gemacht, geschweige denn einen Betrieb oder eine Fabrik gegründet.

Es sei ohnehin kein Markt für Unikate da, und Massenware konnte sie nicht liefern, wollte es erst recht nicht. Die industriell gefertigten Gartenzwerge seien aus Kalk und verfielen, das Grauen für sie. Leider seien aber auch in Gräfenroda die alten Holzformen weggeschmissen worden, würden mittlerweile dort statt dessen Gussformen verwendet. Dieser Wandel hat Helga Müller enttäuscht: „Das ist schade, weil mit denen die Figuren nicht so fein ausgearbeitet werden können wie vorher.“ Aber etwas trauert sie der verpassten Chance nach: „Wenn da einer schlau gewesen wäre ...“ Aber was soll’s, bei Gärtnern und Gartenbesitzern seien Gartenzwerge ohnehin aus der Mode: „Heute wollen alle lieber Buddhas.“

Klischees und Anzüglichkeiten ärgern sie

Helga Müller hat noch einige ihre Lieblinge, 30 bis 50 Stück, schätzt sie, verstaut auf der Bühne. Für was der Gartenzwerg alles herhalten muss, als Witzfigur, als Objekt für Veralberung, Klischee für Spießigkeit, mittlerweile sogar für nackte Anzüglichkeiten, auch das ärgert sie. Aber auch vom anderen Extrem, Vereinen, die sich dem Gartenzwergtum widmen, hält sie wenig, obwohl sie selbst Trägerin des „Zwergenverdienstordens“ ist: „Das ist alles nicht mein Geschmack, ich will mich nicht auf dieses Niveau herablassen.“ Lieber erinnert sich die 76-Jährige, wie sie als Kind, eines von sechs Geschwistern, Gartenzwerge beim Nachbarn in Baach zuerst erlebte. Die Beschäftigung später mit ihnen, „das ist nicht einfach nur machen, ich kann mich dabei total vergessen. Während dem halben Tag, an dem ich an einem arbeite, schalte ich völlig ab. Wenn ich Sorgen habe, geht aber nichts, das kann Monate dauern.“