Berglen

Gnädiges Urteil nach gefährlichem Überholmanöver

Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW

Berglen/Waiblingen. Der Unfall im Januar auf der Kreisstraße zwischen Steinach und Birkenweißbuch hätte bös ausgehen können. Die Beteiligten kamen glimpflich davon, auch die Unfallverursacherin knapp vier Monate später in der Verhandlung am Amtsgericht Waiblingen. Auf den Führerschein muss sie nur sechs Monate verzichten, vier weniger, als es der Strafbefehl vorgesehen hatte.

Die Frau war damals am späten Nachmittag wohl auf dem Heimweg von der Arbeit. Die 62-Jährige arbeitet seit vielen Jahren am Rems-Murr-Klinikum, seit dem Neubau in Winnenden, und wohnt in einer Gemeinde am östlichen Rand des Kreises. Ob sie in Eile war oder sein musste, wurde vor Gericht nicht thematisiert.

3500 Euro Sachschaden

Auf jeden Fall überholte sie bergauf etwa auf Höhe von Kottweil trotz der unübersichtlichen Straße einen vorausfahrenden Sattelzug. In diesem Augenblick kam ihr von oben ein Daimler entgegen, was die Frau aber zu spät erkannte. Es kam zwar zu keinem Zusammenprall, der durchaus fatale Folgen hätte haben können, doch der Daimler wurde gestreift, so dass an ihm ein Schaden von rund 3500 Euro entstand.

Die Frau hat also an einer ungeeigneten Stelle überholt, Juristen sprechen in so einem Fall von einer „fahrlässigen Gefährdung des Straßenverkehrs“. Dass sie schuldig ist, hat sie auch nicht bestritten, weder bei ihrem Einspruch gegen den Strafbefehl noch bei der Verhandlung.

Die Angeklagte sei auf ihren Führerschein angewiesen

Es ging ihr dabei aber um eine für sie sehr wesentliche Folge, nämlich den Entzug des Führerscheins. Die Frau hat einen relativ frühen Arbeitsbeginn und muss laut ihrer Aussage an ihrer Arbeitsstelle unbedingt pünktlich eintreffen. Ohne Auto sei das aber auf Dauer sehr schwer, versicherte sie dem Gericht, weil mit dem ÖPNV kaum zu schaffen. Sie sei also auf ihren Führerschein angewiesen.

Ihr Anwalt führte, außer dass sie den Vorwurf uneingeschränkt einräume, ins Gefecht, dass ihr völlig klar sei, dass sie an dieser Stelle nicht hätte überholen dürfen, dass sie seit 40 Jahren den Führerschein hat und in all der Zeit nie in einem Unfall verwickelt war. Alkohol sei ebenfalls nicht im Spiel gewesen. Ihr Aussetzer sei also eine einmalige Ausnahme gewesen und seiner Mandantin sei sehr wohl bewusst, dass bei dem Unfall viel mehr hätte passieren können. „Sie ist kein Verkehrsrowdy.“

Führerscheinsperre gilt für sechs Monate

Kurzum: Der Verteidiger beantragte im Namen seiner Mandantin, deren Führerscheinsperre zu verkürzen. Der Führerschein sei für sie aus beruflichen Gründen sehr wichtig, betonte die Frau. Der Unfall sei die Folge einer Fehleinschätzung von ihr gewesen.

Die Frage war also nun, Führerscheinentzug verkürzen und dafür die Geldstrafe erhöhen? Der Ankläger in seinem Plädoyer und die Richterin im Urteil schlossen sich diesem Kompromiss an. Es bleibt zwar bei 60 Tagessätzen, der Tagessatz wird allerdings auf jeweils 50 Euro erhöht. Die Führerscheinsperre gilt für sechs Monate statt für zehn. Sie zu verkürzen, sei mit Rücksicht auf die berufliche Situation der Angeklagten und angesichts dessen, dass sie sich noch nie etwas habe zu Schulden kommen lassen, vertretbar, so die Richterin in ihrer Urteilsbegründung.