Berglen

Initiative in Berglen will die weitere Ausbreitung des Schädlings Mistel stoppen

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Mistelplage
Nach fachgerechter Entfernung. © Gaby Schneider
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Mistelplage
Elsäßer zeigt Fohr, Friedrich und Holzwarth (v. l.), was mit einem Baum passiert, auf dem die Mistel nicht rechtzeitig gestoppt wurde. Fotos: Schneider © Gaby Schneider

Die Mistel breitet sich immer mehr aus, auch im Rems-Murr-Kreis, auch in Berglen, berichtet Naturparkführer Peter Elsäßer von der örtlichen Streuobstinitiative. Auch in der Backnanger Bucht trete sie immer häufiger auf, ergänzt Gerd Holzwarth, Dezernent für Forst und Landwirtschaft im Landratsamt.

Aber was ist das Problem? Um die Mistel gibt es viele Mythen, die aber allesamt falsch seien, betonen Elsäßer und Holzwarth, ohne dabei Obelix zu bemühen, der als Kind in einen Topf mit einem Zaubertrank gefallen ist, der ihm seither sagenhafte Kräfte verleiht. Auch wenn die Rezeptur bis heute ähnlich geheimnisvoll ist wie die von Coca-Cola: Auch Mistel soll in der Mixtur gewesen sein. Die Sache ist den beiden Fachleuten aber zu ernst für solche Comics-Blödeleien. Fakt ist: Die Mistel ist ein sogenannter Halbschmarotzer, der die Bäume, die er befällt, schädigt und sie je nach deren Gesamtzustand sogar zum Absterben bringt. Sie ist also ein Schädling. Die weitere Ausbreitung von ihm im Raum Winnenden will eine Initiative stoppen, die, wieder einmal, von Diethard Fohr ausgeht.

Holzwarth betont bei einem Pressegespräch dazu im Berglener Rathaus, dass die Mistel eigentlich nur frühzeitig und nur von Hand, von Baum zu Baum einzeln, durch Absägen der befallenen Stellen, je nachdem sogar ganzer Äste, bekämpft werden kann. Es gebe bislang kein wirksames Spritzmittel gegen sie. Es sei wie bei einer Epidemie: Ab einem bestimmten Anteil Betroffener beschleunige sich das Wachstum exponentiell, so Holzwarth.

Die Mistel verbreitet sich entweder auf den Bäumen selber oder durch Vögel, die die Beeren fressen und als Kot ausscheiden, der dann wiederum weitere Bäume „infiziert“. Zum Beispiel durch die Misteldrossel, die wegen der anhaltenden milden Winter längst kein Zugvogel mehr ist, erläutert Elsäßer. Er sieht denn auch darin, dass nicht nur sie, sondern auch andere bisherige Zugvögel im Winter nicht mehr wärmere Gefilde im Süden aufsuchen müssen, offensichtlich wegen des Klimawandels, vor allem die Ursache für die massive Ausbreitung der Mistel. Aber auch die Kirschessigfliege verbreite Misteln, indem sie Eier in deren schleimigen Tropfen ablegt, die dann vom Wind auf andere Äste und Bäume weitergetragen werden, an denen sie kleben bleiben.

Etwa 20 Prozent der Apfelbäume sind bereits befallen

Von rund 30 000 hochstämmigen Apfelbäumen in Berglen seien inzwischen etwa 6000, also 20 Prozent, von Misteln befallen, so Elsäßer. Er wisse das nicht nur aus eigener Schätzung durch Augenschein bei Spaziergängen, sondern auch durch Erhebungen der Internetplattform „Naturgucker“, die Teilnehmer explizit dazu aufrufe, Misteln zu melden. Berglen habe insofern Glück, weil es hier alleine vier Obst- und Gartenbauvereine, eine BUND-Ortsgruppe und die Streuobstinitiative gebe. Deren Bestände seien in der Regel „sauber“. Anders sehe es aber auf vielen Privatgrundstücken aus, was Fohr bestätigt.

Die rasante Mistelverbreitung sei auch insofern problematisch, als früher nur alte, knorrige Bäume von dem Schmarotzer befallen worden seien, mittlerweile mache sie sich aber zunehmend auch auf jüngeren Bäumen breit, so Elsäßer weiter. Betroffen seien jedoch nicht nur Apfelbäume, sondern unter anderem Pappeln, Eberesche, Birke, Elsbeere und Speierling, aber auch Nadelbäume. Keine Vorkommen gebe es dagegen bislang auf Birnen-, Kirschen- und Zwetschgenbäumen, ergänzt Holzwarth. Und zwar würden jeweils die Nordseiten der Bäume befallen, auf den Südseiten trockneten der Mistelschleim, die Beeren zu schnell aus. Für Laien leicht erkennbar sind ausgewachsene Misteln durch ihre Kugelform, mit der sie sich nach der Sonne ausrichten. Sie gelten als „Halbschmarotzer“, weil sie zwar immer einen Wirtsbaum brauchen, aber die Fotosynthese selbst machen.

Auf einen Einwohner kommen in Berglen rund fünf Streuobstbäume

Fohr auf die Frage nach seinem Engagement in dieser Sache: „Mein Eindruck ist halt, dass man was machen muss, und deswegen habe ich die Fühler ausgestreckt.“ Und zwar nicht nur in Berglen, sondern auch in Winnenden und Leutenbach. Berglen habe aber ein besonderes Interesse, schließlich kämen auf einen Einwohner dort rund fünf Streuobstbäume, betont Bürgermeister Maximilian Friedrich: „Die Landschaft hier ist sehr stark geprägt von Streuobstwiesen.“ Es gehe also um den Erhalt der hiesigen Kulturlandschaft und damit aber auch den der Artenvielfalt.

Er habe bei den OGVs vor Ort ohnehin offene Türen eingerannt, so Fohr weiter. Es gebe aber ein Problem bei der flächendeckenden und damit wirksamen Bekämpfung: das nach wie vor fehlende „Betretungsrecht“ von Helfern der Vereine für private Grundstücke, solange die ausdrückliche Genehmigung des jeweiligen Eigentümers dafür fehlt. Ein entsprechender Antrag beim Landtag, über die hiesigen Abgeordneten eingebracht, das zu ändern, sei aber vom zuständigen Ministerium gleich vorab abgelehnt worden, weil dieses dem Eigentumsrecht einen höheren Stellenwert einräume. Das Landratsamt werde aber parallel mit dem Dachverband der Obst- und Gartenbauvereine in der Sache noch mal vorstellig werden, um über diese „Schiene“ zu versuchen, zumindest „Gestattungen“ zu erreichen, so Holzwarth. Fohr verweist darauf, dass ja Imker ihre Bienenvölker auch ohne ausdrückliche Erlaubnis der Grundstücksbesitzer auf fremden Stückle „einsammeln“ dürfen.

Der Bürgermeister verweist auf die Pflicht, die Stückle zu pflegen

Friedrich wiederum setzt auf eine entsprechende Auslegung der ohnehin bestehenden Pflegepflicht, die aus seiner Sicht das Betreten für die Mistelbekämpfung zulasse, weil von dem Schmarotzer eben erhebliche Gefahr für Bäume in der Nachbarschaft ausgehe: „Wir sind der Auffassung, dass das ein gangbarer Weg ist, solange kein Widerspruch kommt. Das ist ja im Sinne der Eigentümer.“ Auch Elsäßer betont: „Wir nehmen ja denen nur einen Schädling weg. Wir reden hier von einer realen Bedrohung. Die Gefahr ist, dass die immer mehr zunehmen, so lange, bis wir sie nicht mehr stoppen können.“

In dem Zusammenhang gelte es, noch einen Mythos zur Mistel auszuräumen, so Holzwarth: „Die steht nicht unter Naturschutz, auch wenn es viele glauben.“ Er verweist außerdem darauf, dass auch in der Backnanger Bucht sich organisierter Widerstand regt gegen den Schädling, unter dem Namen „Miraculix“. Elsäßer räumt ein, dass es durchaus Therapien mit Mistelanwendung gibt, sie wirtschaftlich genutzt wird, durch gewerbliche Präparate. Aber dem „Abbau“, der Verwertung sei eine Grenze gesetzt, weil der Wirkstoffgehalt von Pflanze zu Pflanze sehr unterschiedlich sei.

Fohr will der Sache allerdings ohnehin gleich ihre mögliche Brisanz nehmen, betont, dass man keinen Streit wolle, niemand gezwungen werden solle. Es gehe um einen Appell an die Stücklesbesitzer, selbst aktiv zu werden und auf ihre Bitten hin, andernfalls eben mit vereinter Hilfe: „Wir sagen denen also, wenn ihr das nicht könnt, dann machen wir es eben für euch.“ Die Aktion, durch ehrenamtliche Helfer oder OGV-Mitglieder soll im Herbst starten und über den Winter laufen und sie wird davor mehrfach im Berglener Amtsblatt angekündigt und erläutert. Die Vereine werden im Rahmen ihrer Schnittkurse zeigen, wie man Misteln fachgerecht, vor allem wirksam, von betroffenen Ästen entfernt.

Angebot: Für jeden Baum, der gefällt wird, wird ein neuer gepflanzt

Elsäßer erklärt, was der Mistelbefall für die betroffenen Bäume bedeutet: „Die entzieht denen Wasser und Nährstoffe. Je schwächer der Baum vorher schon war, umso eher stirbt er dann ab. Das geht dann so weit, dass der Baum am Ende nur noch aus Misteln besteht.“ Die Streuobstinitiative biete Stücklesbesitzern an, wenn ein Baum wegen starken Befalls gleich ganz gefällt werden muss, einen neuen zu pflanzen. Der BUND habe dazu eine Liste mit alten Sorten, aus denen man auswählen könne. Über dessen Ortsgruppe, gefördert durch die Kurz-Seitz’sche Stiftung, seien in den letzten Jahren über 2000 Bäume bereits gepflanzt worden, ergänzt Friedrich.

Fohr berichtet, dass er selbst an befallenen Bäumen auf zehn Grundstücken Infokarten aufgehängt hat, mit der Bitte an die Eigentümer, sich zu melden. Nur zwei von ihnen seien dem nachgekommen, die Rücklaufquote sei also sehr schwach gewesen. Er bitte allerdings auch Spaziergänger und Wanderer, die Augen offen zu halten. Man werde auch ihnen anbieten, nach einer entsprechenden Schnittanleitung mitzuhelfen.

Kontaktadressen

Es gibt einen mehrseitigen Infoflyer des Landwirtschaftsamts mit dem Titel „Die immer grüne Mistel – Segen oder Plage?“ (erhältlich beim Landratsamt).

Grundstückseigentümer mit Mistelbäumen können sich bei folgenden Kontaktadressen melden: Mail an Mistelaktion2020@aol.com; für die Gemarkung Berglen bei Fohr, Tel.  0 71 95/94 19 30; für die Gemarkung Hertmannsweiler bei Werner Hilt, Tel. 0 71 95/6 03 34; für die Gemarkung Winnenden bei Hartmut Luckert, Tel. 0 71 95/91 00 69.

Fohr verweist auf Filme auf Youtube zu dem Thema (unter anderem sehr unterhaltsam „V-Schnitt“ bzw. „grünzeug tv“ mit dem Direktor des Blühenden Barocks in Ludwigsburg, Volker Kugel, der führt dort anschaulich vor, wie man eine Mistel wirkungsvoll ausschneidet).