Berglen

Katja Weidlich, Bewerberin für den Berglener Bürgermeister-Posten, sieht sich durch ihren Job als Pflegedienstleiterin gut gewappnet für das Amt

Katja Weidlich
Katja Weidlich wäre die erste Frau auf dem Bürgermeister-Sessel im Rathaus in Oppelsbohm. © ALEXANDRA PALMIZI

Ihr Lieblingsplatz sind die zwei Bänkle beim Wasserhochbehälter Buchs. Die sind zwar nicht arg weit weg vom Wohnort der Familie Weidlich, aber wie es halt bei Hochbehältern nun mal ist: Die liegen oben und der „alte“ Teil von Steinach eben unten im Tal. Es sind also einige Höhenmeter dorthin. Die Familie ist 2015 von Winnenden nach Berglen gezogen und begann, ihr Haus aus- und umzubauen.

Katja Weidlichs Gatte ist der Berglener Wasserwart. Dass sie sich von ihm überzeugen ließ, nach Berglen zu ziehen, hat sie nicht bereut: „Um Gottes willen! Nein!“ Ganz im Gegenteil. Denn wo sonst noch fänden sich so attraktive, ja ideale Wohn- und Lebensbedingungen für eine junge Familie. Wo sonst noch könne man die Kinder alleine unbesorgt ins nahe Kinderhaus und in die nahe Schule schicken, wo sonst hätten die so viele Möglichkeiten, sich unbeschwert auszutoben. Nein, sie habe sich hier sofort heimisch gefühlt, habe ja eine Krabbelgruppe geleitet, und sie ist seit einem Jahr an der Schule Elternbeirätin. Die Familie hat vier Kinder, alles Buben. Oha, wie ist das für sie als Mama? Sie winkt ab, keine Sorge, sie und ihr Mann teilten sich die Erziehungsarbeit, sie ist zwar derzeit in Elternzeit, aber sie sei ja voll berufstätig, als Pflegedienstleiterin eines Betriebs mit Sitz in Schwäbisch Hall, müsse dorthin und nach Stuttgart ständig pendeln, komme aber auch sonst durch ihren Job sehr weit herum, weit über den Rems-Murr-Kreis hinaus.

Katja Weidlich, 37, ist in Thüringen aufgewachsen, „die erste Hälfte“, wie sie sagt, die andere Hälfte war in Berlin-Friedrichshain. Sie kennt also auch Großstadt. Die Zeit dort habe sie sehr geprägt, sie habe da Freiheit, gegenseitigen Respekt, Toleranz, erlebt. Wenn die Anmerkung, mit schwäbischen Ohren sozusagen, erlaubt ist: Ihre Berliner Zeit ist heute noch deutlich rauszuhören. Auf ihre „afrikanischen Wurzeln“, wie sie sagt, kommt sie selbst zu sprechen, „wobei die aber eher optischer Natur und auch vom Temperament her sind“. Ihr Vater stammte aus Mosambik, arbeitete in Deutschland als Maschinenbauingenieur, bis in seiner Heimat der Bürgerkrieg losbrach. Aus diesem kehrte er nicht mehr zurück. Seine Tochter war damals ein Jahr alt. Die Mutter war also alleinerziehend, wobei die aber ohnehin „eine Kämpferin mit jederzeit einem Lachen ist - wie ich. Auch ich mache alles mit Leidenschaft“.

Bereits mit 23 Pflegedienstleiterin geworden

Die Familie kehrte zwar nach Thüringen zurück, wanderte später aber in den Rems-Murr-Kreis aus, wie Katja Weidlich sagt. Sie machte nach dem Realschulabschluss in Waiblingen eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Mit 23 bereits wurde sie Pflegedienstleiterin, darauf ist sie durchaus stolz.

Sie sei unabhängig, gehöre keiner Partei an und sei auch nicht von einer der Fraktionen im Gemeinderat zur Kandidatur aufgefordert worden, versichert Katja Weidlich. Mit zweien von diesen habe sie bislang gesprochen, mit der dritten werde sie es noch, die Rückmeldungen zu ihrer Bewerbung seien positiv, auch aus der Bevölkerung. Durch ihren Mann, dessen Arbeit habe sie natürlich einen Bezug zur Gemeinde und zu deren Verwaltung. Warum kandidiert sie? „Ich denke, es ist an der Zeit, die Ausrichtung der Gemeinde etwas zu ändern.“ Wie meint sie das? Berglen müsse weg vom ständigen, immer weiteren „großen Wachstum. Wir hatten sechs große neue Wohngebiete in den vergangenen neun Jahren.“ Das sei ja zwar gut und richtig so gewesen, aber es habe zum Beispiel auch mehr Verkehr durch die Orte gebracht. Freilich brauche es auch weiterhin neuen Wohnraum, der solle aber eher im Bestand und über Erweiterungen an diesem entstehen.

 Es müsse nun darum gehen, das Bestehende, das Geschaffene zu schützen. Sie fasst es in ein Bild: „Die Gemeinde muss sich nicht mehr nur um die Baumkronen, sondern um die Wurzeln kümmern.“ Ihre Kindergärten, ihre Straßen pflegen zum Beispiel. In der Gemeinde mit ihren rund 6400 Einwohnern gebe es über 50 Vereine, auch um die, deren Förderung, müsse es verstärkt gehen. Und darum, die ortsansässigen Betriebe zu fördern, etwa bei Auftragsvergaben durch die Gemeinde. Dass das öffentliche Vergaberecht da Grenzen setzt, ist ihr bewusst. Sie stellt sich eine Internetplattform, eine App, vor, ein digitales Verzeichnis, da sei noch viel Luft nach oben. Dort könnten auch die landwirtschaftlichen Erzeuger, die Selbstvermarkter stehen oder freie Azubi-Stellen. Sie vermisst einen Wochenmarkt in Berglen.

In ihrer Firma sei sie für 100 bis 150 Mitarbeiter verantwortlich. Das sei ja in etwa auch in der Größenordnung der Berglener Gemeindeverwaltung. Unternehmensführung, Abrechnungswesen, Personalmanagement seien ihr also nicht fremd, sondern ihr tägliches Brot. „Gemeinderecht“, im Falle ihrer Wahl, wäre freilich eine neue Herausforderung, „aber ich traue mir den Job auf alle Fälle zu“. Auch ihr Mann, mit dem sie die Bewerbung besprochen habe, mit dem sie sich die Arbeit daheim teile und der sehr in die Erziehung der Kinder involviert sei. Es ginge auch gar nicht anders, weil die Standorte ihres Betriebs so weit verstreut sind, dass sie öfters außer Haus übernachten müsse. „Arbeit und Familienleben sind bislang ein Spagat für mich.“ Sie war in der jüngsten Gemeinderatssitzung, auch mit Gremienarbeit kenne sie sich aus, das würde ihr liegen, „ganz sicher“. Und die Abendtermine, die das Amt mit sich bringt? Sie lacht: „Die habe ich ja bisher schon. Meine Dienstbesprechungen finden in der Regel immer abends statt.“ Die Unvoreingenommenheit gegenüber sehr verschiedenen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, sieht sie als eine große Stärke von ihr, die habe sie sich bewahrt.

Fehlende Erfahrung? Sie verweist auf die Jahre in leitender Position

Was ist mit der fehlenden Erfahrung in öffentlicher Verwaltung? So arg groß seien die Unterschiede zu dem, was sie im Job mache, da nicht, hält sie dagegen: „Ich habe das zwar nicht studiert, aber ich habe reichlich Berufserfahrung.“ Auch die Mühen der Kommunalpolitik schreckten sie nicht. Berglen sei doch klein, man kenne sich und sie habe ja Kontakt zu dem einen oder anderen Gemeinderat. Und die Gemeinde repräsentieren, was auch zum Amt gehört? Sie sei schlagfertig und sei ja selbst eine Vertreterin der vielen jungen Familien, die mittlerweile in Berglen leben. Sie kommt wieder auf das Haus der Familie zu sprechen, darauf, dass dessen Ausbau durch diese bedeute, Altes zu erhalten und mit Neuem zusammenzubringen. Ihre Wahl würde ja auch bedeuten, dass sie künftig viel mehr vor Ort wäre, oder? „Ja, stimmt. Wir würden uns dann eine Tagesmutter nehmen, damit ich Terminsicherheit habe.“

 Im Übrigen habe sie mit dem Kämmerer gesprochen, über die Verwaltung, die Gemeinde, die Zahlen, die Aufgabenverteilung – und zwar bevor sie ihre Bewerbungsunterlagen abgegeben habe, als Erste, betont sie. „Ich habe ihn gefragt, was auf mich zukommen würde.“ Die Antworten seien so gewesen, dass sie sich das absolut zutraue, sonst würde sie ja gar nicht erst kandidieren, auf jeden Fall nicht abschreckend, „wenn man 150 Mitarbeiter leitet“. Sie sehe die Verantwortung für Berglen und alle seine Bürger, sehe sich dem aber gewachsen, auch wenn sie sicher Unterstützung brauchen werde, „um das familiär und beruflich alles zu stemmen“.

Dass sie die erste Bürgermeisterin wäre, das spricht sie selbst nicht an

Dass sie nach lauter Männern die erste Bürgermeisterin in Berglen wäre (wenn auch nicht die erste Bewerberin für das Amt), darauf kommt sie von sich aus nicht zu sprechen. Als sie im Interview darauf hingewiesen wird, muss sie lachen und macht es kurz. „Vielleicht ist es auch da an der Zeit für eine Veränderung.“

Sie geht davon aus, dass es auch eine „Wahl der Herzen“ wird

Wird sie Wahlkampf betreiben? Plakatieren ja, Flyer verteilen eher nicht. Heutzutage laufe vieles über die sozialen Medien. Sie ist selbst online aktiv, über Whatsapp und auf Facebook. Außerdem trete sie ja nicht für eine Partei an, sondern als engagierte Privatperson, die etwas für Berglen bewegen wolle. Es werde auch „eine Wahl der Herzen, der Sympathien“ neben der Frage, wo es mit Berglen künftig hingehen soll. Der Treffpunkt fürs Interview ist nicht weit vom Gelände des Waldkindergartens. Von dem ist sie begeistert, sie bekamen aber keinen Platz dort, weil schon voll war. Man müsse ihn also ausbauen, einen zweiten Standort finden für einen Ableger, beim Sportgelände in Hößlinswart könnte sie sich den vorstellen.

Ihr Lieblingsplatz sind die zwei Bänkle beim Wasserhochbehälter Buchs. Die sind zwar nicht arg weit weg vom Wohnort der Familie Weidlich, aber wie es halt bei Hochbehältern nun mal ist: Die liegen oben und der „alte“ Teil von Steinach eben unten im Tal. Es sind also einige Höhenmeter dorthin. Die Familie ist 2015 von Winnenden nach Berglen gezogen und begann, ihr Haus aus- und umzubauen.

Katja Weidlichs Gatte ist der Berglener Wasserwart. Dass sie sich von ihm überzeugen ließ, nach

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