Berglen

Mammutprojekt in Berglen: Wie 4500 Stückle auf 800 Hektar neugeordnet werden

Flurbereinigung
Luca Müller und Markus Zinßer (r.) messen derzeit das neue Wegenetz auf. © Benjamin Büttner

Wo steht mittlerweile das Langzeitprojekt Flurbereinigung im Raum Rettersburg-Stöckenhof? Ein Gebiet mit rund 800 Hektar Fläche, verteilt auf rund 4500 Grundstücke im Besitz von etwa 800 Eigentümern. Das Verfahren soll denen unter ihnen, die ihr Stückle noch bewirtschaften, dies erleichtern oder auch wieder ermöglichen, durch geeignetere Zuschnitte, größtmögliche Zusammenlegung, damit neuen „zweckmäßigen“ Grenzen und bessere Erschließungen, vor allem neuen Wegen.

Nach vielen Jahren Vorarbeit und auch „Pause“ drei Bauabschnitte seit 2015

Man sei derzeit gerade beim „Bergfest“, so Gerd Holzwarth, zuständiger Dezernent im Landratsamt launig auf die Nachfrage beim Pressetermin im Alten Rathaus Öschelbronn, bei dem auch Sigurd Quast, der neue Fachbereichsleiter, und Ernst Eisenmann, ehemaliger Gemeinderat und Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft, dabei sind. Das Verfahren sei also in einer Übergangsphase.

2015 wurde nach vielen Jahren Vorarbeit der Wege- und Gewässerplan genehmigt. Seither hat es drei Bauabschnitte gegeben, den ersten von Anfang 2017 bis Frühjahr 2019 (Bauvolumen eine Dreiviertelmillion Euro), den zweiten von Frühjahr bis Herbst 2019 (Bauvolumen rund eine halbe Million Euro) und den dritten von Frühjahr 2021 bis Mitte dieses Jahres (Bauvolumen fast zwei Millionen Euro, wobei der erst noch genau abgerechnet wird). Der Wegebau sei also weitestgehend abgeschlossen, versichern Holzwarth und Quast. Aktuell erfolgt die Aufmessung der Flurstücke, erforderlich, unerlässlich für die spätere Zuteilung. Deswegen sind die Vermesser derzeit draußen unterwegs, arbeiten dabei mit GPS oder Tachymeter (mit dem vor allem im Wald), tun das also nicht wegen eines weiteren Aus- oder Neubaus von Wegen, stellt auch Eisenmann klar, tritt damit Befürchtungen, die es offenbar vor Ort gibt, entgegen. Außerdem sind drei weitere Trockenmauern, als Ausgleichsmaßnahme, zusammen etwa 50 Quadratmeter in den Gewannen Scheuernberg und Großmolte, im Bau.

Die Aufmessung wird auch das ganze nächste Jahr über noch dauern

Die Aufmessung des Wegenetzes, mit der bereits begonnen wurde, als der dritte Bauabschnitt noch lief, wird sich noch bis ins nächste Jahr hineinziehen beziehungsweise das ganze Jahr 2023 dauern. Die Ergebnisse sind das „Gerippe“, die Grundlage für den Zuteilungsentwurf. In 2024 sollen die sogenannten Wunschtermine folgen. Bei ihm soll, ja muss jeder Flurstückeigentümer sagen, was er künftig gerne hätte. Es sei klar, dass sich da manche Vorstellungen „überlagern“ werden, so Holzwarth diplomatisch zu dem spannenden Prozedere.

Der Vorstand der Teilnehmergemeinschaft, weil selbst betroffen, werde an der Zuteilung nicht beteiligt sein, die sei alleine die Aufgabe und die Entscheidung der Flurbereinigungsbehörde, deshalb heißt es auch „Wunsch“. Das Prinzip lautet: Jede(r)m wird „wertgleich“ zugeteilt oder wenn das nicht möglich ist, wird wertgleich „abgefunden“, der Ausgleich könne also auch in Geld erfolgen, so Holzwarth: „Es muss in der Summe passen.“

Es geht also nicht um „gleiche Fläche“, ergänzt Eisenmann. Wenn bei der Zuteilung etwas fehle, es eine „unvermeidbare Minderausweisung“ gebe, wobei da der Rahmen eng gesteckt sein müsse, werde eben in Geld ausgeglichen oder es erfolge an anderer Stelle eine Mehrausweisung, so Holzwarth weiter: „Im Endeffekt ist das ein Nullsummenspiel.“ In der Regel, so seine Erfahrung, gebe es da keinen „Stress“, gibt sich der Dezernent zuversichtlich. Im Vorfeld der Wunschtermine, also der Anhörung der Teilnehmer, findet eine Infoveranstaltung für sie statt. Dazu bekommt jede(r) eine Übersicht seiner Flurstücke und einen Fragebogen, um den Aufwand einzugrenzen. Aber grundsätzlich hat jeder Eigentümer/Teilnehmer Anspruch auf seinen eigenen, persönlichen Wunschtermin.

Gegen Erosion: Künftig wird parallel zum Hang bewirtschaftet

Anfang Juli wurde die mittlerweile achte Änderung des Wege- und Gewässerplans genehmigt. Südlich vom Stöckenhof soll durch das Anlegen von Grünland, die Verlängerung von bestehenden Grasstreifen und vor allem eine Drehung der Richtung des Bewirtschaftens, so dass die künftig parallel zum Hang erfolgt, die Erosion verringert werden und damit, dass bei starkem Regen Oberboden abgeschwemmt wird. Dazu wird demnächst die Änderung der betreffenden Bewirtschaftungseinheiten geregelt und muss noch was am Wegenetz geändert, ergänzt werden. Ein Schotterrasen- und ein Grünweg mit Zufahrten werden im nächsten Frühjahr ausgebaut.

Zu breit und zu viel Asphalt? Das Landratsamt hält dagegen

Apropos Aus- und Neubau. Es ist mitunter Kritik zu hören, da sei zu viel gemacht, zu breit gebaut, über den Bedarf hinaus, zu viel flächenversiegelnder Asphalt verbaut worden. Die Vertreter des Landratsamts halten Zahlen entgegen. Die Asphaltstrecken betragen zusammen 5,6 Kilometer, die der Schotterwege 6,1 Kilometer und die der Graswege 9,2 Kilometer. Es sei also keineswegs überall Asphalt verwendet worden, betont Quast, „aber zum Beispiel dort, wo es ein großes Gefälle gibt und es deshalb nicht anders ging“. Schotter sei verbaut worden, wo Wege stark befahren werden, Gras oder Erde auf „untergeordneten“ Wegen. Die Reihenfolge sei gewesen: Wo immer möglich Erde/Gras, wo nicht Schotter, und wo auch der nicht, dann erst Asphalt, ergänzt Holzwarth. Auch er verweist aber auf die „schwierige“ Topografie der Berglen. Es gebe nun mal Steillagen von Streuobststückle, die vor allem im Herbst, wenn es feucht, rutschig ist, nur auf dem Untergrund Asphalt angefahren werden könnten. Außerdem seien auch Rasengittersteine eingesetzt worden, ergänzt Eisenmann.

Eisenmann: Der neue Weg neben der Straße wird rege genutzt

Holzwarth verteidigt in diesem Zusammenhang auch den neuen (asphaltierten) Rad-, Fuß- und Landwirtschaftsweg entlang der ebenfalls ausgebauten Kreisstraße zwischen Rettersburg und Öschelbronn, der gut angenommen werde: „Der ist auch nicht überdimensioniert, sondern entspricht dem vorgegebenen Standard.“ Man müsse auch ans Interesse der Stücklesbesitzer denken: „Wer fährt denn heute noch da für die Bewirtschaftung mit dem Schlepper hin? Die meisten kommen längst mit ihrem Pkw.“

Die rege Nutzung könne er bestätigen, vor allem als Lückenschluss im Radwegenetz, da gehe es auch um Sicherheit, so Eisenmann, „eingeborener“ Öschelbronner und Landschaftsgärtner, der überall „rumkommt“. Diese Kritik dürfe man nicht überbewerten, das seien vereinzelte Stimmen. Überhaupt habe der anfängliche Widerstand gegen das Verfahren nachgelassen: „Die Leute haben erkannt, für was es gut ist.“ Außerdem gehe es schließlich um 50, 100 Jahre. „Da geht es auch um die nächste und übernächste Generation.“

Dezernent Holzwarth: Gründlichkeit geht vor Eile

Quast betont zwar, dass es auch um einen absehbaren Abschluss, darum, das Verfahren nicht immer weiter zu verlängern, gehe, aber was die Aufstellung des Zuteilungsentwurfs und den entscheidenden Schritt danach, die sogenannten Besitzeinweisung, angeht, vermeiden er und Holzwarth jegliche Jahreszahl. Sie würden sich sonst festlegen und auch garantiert drauf festgenagelt, so die Sorge. „Wir machen das lieber gründlich, weil sonst mit vielen Wider- oder Einsprüchen zu rechnen ist“, so Holzwarth, der dem Ausdruck „auf die Zielgerade einbiegen“ deshalb nicht zustimmt. Das treffe es nicht ganz, weil das Verfahren noch Jahre dauern werde. „Im Idealfall gibt es bei der Zuteilung überall Kompromisse, aber die finden wir selbst. Das muss nachher gerichtsfest sein und deshalb nehmen wir uns dafür die nötige Zeit.“ Das Amt entscheide, das sei wichtig, bringt es Eisenmann auf den Punkt. Das Verfahren habe sich aus seiner Sicht auf jeden Fall gelohnt. Er verweist auch auf den Ausbau der Straße und den neu gestalteten Ortskern von Öschelbronn dank diesem, erinnert auch an den Verdienst des vorherigen Bürgermeisters Maximilian Friedrich daran.

Wo steht mittlerweile das Langzeitprojekt Flurbereinigung im Raum Rettersburg-Stöckenhof? Ein Gebiet mit rund 800 Hektar Fläche, verteilt auf rund 4500 Grundstücke im Besitz von etwa 800 Eigentümern. Das Verfahren soll denen unter ihnen, die ihr Stückle noch bewirtschaften, dies erleichtern oder auch wieder ermöglichen, durch geeignetere Zuschnitte, größtmögliche Zusammenlegung, damit neuen „zweckmäßigen“ Grenzen und bessere Erschließungen, vor allem neuen Wegen.

Nach vielen Jahren

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper