Berglen

Migration: Aktualität im Berglen-Film

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Reichle
Reinhold Reichle. © Gabriel Habermann
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Eritreer, die in Lehnenberg wohnen, werden interviewt. © Gabriel Habermann

Reinhold Reichle ist wieder unterwegs. Nicht mehr so auffällig wie einst, mit Stativ, Kamera und Mikro. Mittlerweile reicht ihm ein Smartphone. Die Dinger seien ja mittlerweile so weit entwickelt, dass deren Technik vollkommen für seine Zwecke reiche, so der Heimatfilmer. An diesem Nachmittag ist er aus seinem Stuttgarter Stadtteil Sillenbuch rübergekommen nach Lehnenberg.

Er interviewt dort vier Eritreer, die seit vier Jahren dort leben. Ja, so lange ist die „Flüchtlingswelle“ schon wieder her. Die Männer, im Alter zwischen Mitte 20 und Anfang 40, sind alle alleinstehend, zumindest in Deutschland. Einer von ihnen hat Frau und drei Kinder in der Heimat. Sie sind in der sogenannten „Anschlussunterbringung“, wohnen in einem Haus gegenüber von Blessings Landhotel. Das früher zu diesem gehörte, die Unterkunft für Mitarbeiter dort war, dafür aber schon lange nicht mehr gebraucht wird.

Reichle ist nicht alleine da, er wird begleitet von Christa Jooß, ehemalige Gemeinderätin und seit vielen Jahren ehrenamtlich Flüchtlinge betreuend. Sie hat den Kontakt vermittelt. Die Männer, alle sehr freundlich, ausnehmend höflich, erzählen Reichle vor laufender Handykamera, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Es waren politische Gründe, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben, für sich und für ihre Familien, die fehlende Perspektive, es in Eritrea zu etwas zu bringen, außer man bleibt dort nach der Wehrpflichtzeit in der Armee und wird damit Mittäter bei der Unterdrückung der Landsleute.

Sie haben hier längst alle Arbeit gefunden, verdienen eigenes Geld, erzählen aber auch, wie schwierig es für sie ist, von Lehnenberg aus mit dem Bus zu ihren Arbeitsstätten auswärts zu kommen, aber erst recht, wenn sie schichten und am späten Abend, etwa von Urbach, wieder heimmüssen. Sie haben durchaus mitbekommen und bestätigen das auch, dass es mit dem Fahrplan des ÖPNV besser geworden ist. Aber die Verbindungen seien noch weit davon entfernt, ideal zu sein.

Deutsch ist die Whatsapp-Sprache bei einer syrischen Familie

Eine weitere Station Reichles, ebenfalls von Christa Jooß vorgeschlagen, wird eine Flüchtlingsfamilie mit drei Kindern aus Syrien sein, die in Steinach wohnt. Der Vater arbeitet im Landschaftsgärtnereibetrieb von Ernst Eisenmann in Öschelbronn, ebenfalls ein ehemaliger Gemeinderat. Die Familie, 2016 gekommen, hat, berichtet Christa Jooß, alle „Stationen“ der Flüchtlingsaufnahme in Berglen durchlaufen, war anfangs in der Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen Schulgebäude in Vorderweißbuch. Inzwischen sei sie so integriert, dass die Familienmitglieder, wenn sie untereinander whatsappen, sich auf Deutsch verständigen.

Das Smartphone ist auch Reichles Arbeitsgerät geworden. Der 75-Jährige hat seine Filmkamera vor etwa zehn Jahren verkauft, engagiert nur noch bei entsprechenden Anlässen einen Kameramann, wie etwa bei der Amtseinsetzung des neuen Bürgermeisters in Kernen. Fürs bloße „Nachdrehen“ reiche aber die Qualität der heutigen Handys vollauf. Den Riesenaufwand bloß für eine Szene „im Kasten“ sehe man aber den Filmen nach wie vor nicht an. Im vergangenen Jahr zeigte er seinen Film „Wiedersehn in Rommelshausen“. Der Andrang war so groß, dass er zwei Termine anbieten musste.

Die „alte Zeit“ hatte ihren Charme, aber wirklich gut war sie nicht

Reichle will mit seinem erneuten Drehen in Berglen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, er beteiligt sich an einem Wettbewerb und er will seinen Berglen-Film, den er im Laufe der vielen Jahre immer wieder ergänzt hat, noch einmal aktualisieren. Reichle war Anfang der 70er Jahre nach Berglen gekommen, hatte damals mitten in Oppelsbohm gewohnt, erlebte dort noch ländliche Verhältnisse, die im Remstal schon längst Vergangenheit gewesen seien. Das Remstal war für ihn auch wichtig, weil er auch in Rommelshausen gelebt hatte, auch dort drehte. Er interessierte sich für die Veränderung der Ortsbilder, den Strukturwandel der Landwirtschaft, das Aussterben traditioneller Handwerksberufe, ging der Geschichte des Weinbaus nach, den es ja bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Berglen noch gegeben hatte, ehe er vom Streuobstanbau abgelöst wurde. Die legendäre „Post-Jule“ hat ihm einst davon erzählt, natürlich auch beim Interview für den Berglen-Film. Die „alte“ Zeit habe durchaus ihren Charme gehabt, aber wenn man genau hinsehe – und genau das hat er ja getan, nicht nostalgisch verklärt – „müssen wir doch alle froh sein, dass wir so nicht mehr leben müssen“.

Ja, eigentlich habe er schon längst aufhören wollen mit dem Filmen, aber so richtig klappe das nicht mit dem Ruhestand. Er hat immer noch ein „Standbein“ in Berglen, nämlich seine Freundin, und mittlerweile ein E-Bike, mit dem er es von den Fildern, als Fitnesstraining, regelmäßig herüberschafft. Der neu angelegte Dorfplatz gegenüber dem Rathaus gefällt ihm. So ein Ort der Begegnung, und wenn er noch so klein sei, tue gut.

Landtagsabgeordneter Haußmann hat ihn „reaktviert“

Reaktiviert, wenn man so will, hat ihn der Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann aus Kernen, der ihn aufforderte, unbedingt beim Heimatfilm-Wettbewerb des Landes mitzumachen. In seinem Beitrag porträtiert Reichle auch den Bildhauer Karl-Ulrich Nuss, das Weingut Kuhnle in Strümpfelbach, die erhaltengebliebene Fachwerkkultur dieses Ortes. Dass er wirklich nicht der Verführung der Nostalgie erliegt, zeigt auch sein neues Thema, mit dem er den Berglen-Film fortschreibt: Migration. „Das ist aktuell, auch bei mir daheim in Sillenbuch.“

Als er sich in Berglen umhörte, wer ihm da weiterhelfen könnte, bekam er den Tipp, Christa Jooß zu kontaktieren. Sie wird ihm auch die Unterkunft in der ehemaligen „Krone“ in Steinach zeigen, wo nach wie vor Flüchtlinge leben. Mittlerweile kämen aber immer mehr aus Afrika, kaum noch welche aus Syrien und Afghanistan und auch kaum noch Familien, berichtet sie. Die überwiegend alleinstehenden Männer seien zuvor meist in Gemeinschaftsunterkünften in Städten wie Backnang, Waiblingen und Schorndorf gewesen, die Umstellung sei für sie nicht einfach. Reichle erinnert sich: Als er damals, vor 50 Jahren, nach Berglen gekommen war, da sei er als Auswärtiger auch ein Fremder gewesen. Auch bei ihm hätten die Einheimischen geguckt, was das bloß für einer sei. Es bleibe aber einem in so einer Situation nichts anderes übrig, als ganz offen auf die Leute zuzugehen und dabei auch Misserfolge in Kauf zu nehmen.

Single-Männer und Familien: Unterschied bei der Integration

Die Akzeptanz sei ja mittlerweile gut, nachdem es am Anfang doch ziemliche Vorbehalte gegeben habe, so Christa Jooß: „Mein Eindruck ist, dass die ,Willkommenskultur', wie es damals ja hieß, inzwischen wirklich gelebt wird.“ Wobei, das dürfe man nicht vergessen, es durchaus eine „Win-win-Situation“ sei, weil Flüchtlinge, wie die in Lehnenberg, ihren Lebensunterhalt selbst bestritten und Steuern bezahlten. Was die Integration angehe, gebe es aber einen Unterschied zwischen alleinstehenden Männern und Familien. Letzte hätten es durch die Kinder, wenn diese in den Kindergarten oder in die Schule oder in den Sportverein gehen, deutlich einfacher. Das gegenseitige Kennenlernen ergebe sich da ganz natürlich. Singles dagegen blieben eher unter sich. Reichle wird auch das für die Nachwelt dokumentieren.

Reinhold Reichle ist wieder unterwegs. Nicht mehr so auffällig wie einst, mit Stativ, Kamera und Mikro. Mittlerweile reicht ihm ein Smartphone. Die Dinger seien ja mittlerweile so weit entwickelt, dass deren Technik vollkommen für seine Zwecke reiche, so der Heimatfilmer. An diesem Nachmittag ist er aus seinem Stuttgarter Stadtteil Sillenbuch rübergekommen nach Lehnenberg.

Er interviewt dort vier Eritreer, die seit vier Jahren dort leben. Ja, so lange ist die „Flüchtlingswelle“ schon

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