Berglen

Mittagstisch: Bei Zieglers gibt es schwäbisches Super-Food

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Mittagstisch Ziegler
Kein Chichi: Hausmacher Wurst und Fleisch im Hofladen der Familie Ziegler. © ALEXANDRA PALMIZI
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Mittagstisch Ziegler
Lange Schlangen auf dem Hof: Die Ersten holen sich ihr Mittagessen bereits um 10 Uhr. © ALEXANDRA PALMIZI

Zu Zieglers geht man nicht, um einen Salat mit Putenstreifen, eine Quinoa-Bowl mit Ingwer-Dressing oder einen angesagten Vegan-Burger zu essen. Statt Chichi gibt es regionales, bodenständiges „Super-Food“: jeden Freitag vier verschiedene Mittagessen, schwäbische Kost, hausgemachte Braten, schlachtfrisches Kesselfleisch, äbbes Guads halt. Und auch Vegetarier kriegen was aus den Pfannen, die schon ab dem späten Vormittag heißlaufen. Das Besondere: Alles ist aus eigener Schlachtung und aus Produkten vom eigenen Hof. Oder wie es hier auf Nachfrage heißt: „Wir machet älles selber.“

Irre, was hier los ist. Das gibt’s doch gar nicht: In den B-E-R-G-L-E-N, also mitten auf dem Land, am Freitagvormittag, eine Menschenschlange vor dem Hofladen, an der Kasse Hochbetrieb, vier bis fünf Personen bedienen, um den Ansturm zu bändigen. Es riecht nach lecker gekochtem Essen, vor dem Hofladen ein Kommen und Gehen.

Die Ersten holen schon um zehn Uhr ihr Essen. „Ab halb zehne geht’s hier immer so rund“, sagt Sabrina Ziegler. Sie und ihre Brüder Christoph und Jochen - Metzger und Landwirt - haben im Juli 2019 den elterlichen Betrieb übernommen. Die Geschwister sind von klein auf dabei, kennen es gar nicht anders, als dass alles direkt und frisch auf den Tisch kommt. Sie sind auf dem Hof groß geworden, den sie als Kreislauf betrachten. „Die Kühe werden hier geboren, kommen auf die Weide, wachsen hier auf, bekommen ausschließlich eigenes Futter und werden ohne Transportwege geschlachtet“, so Sabrina Ziegler.

Die Mittagesser kommen aus dem ganzen Remstal

Zu den Kunden des Hofladens, den die Familie 2015 eröffnet hat, gesellt sich inzwischen eine kleine „Invasion“ der Mittagesser, die ab vom Schuss freitags mit Schmackhaftem umsorgt werden. Nach Information von Sabrina Ziegler stehen nicht nur Rentner und Hausfrauen oder Hausmänner aus umliegenden Berglen-Orten vor der Tür. Viele Mitarbeiter von umliegenden Firmen verbringen ihre Mittagspause gerne im geselligen Hofstüble, das Zieglers dieses Frühjahr erweitert und neu eingerichtet haben.

Die Kundschaft steuert im weiten Radius den kleinen Flecken auf den Bergleshöhen an: Vom Remstal bis über den schwäbischen Wald hinaus wollen Menschen die Hausmacherwurst und das Fleisch beim Erzeuger kaufen, viele bleiben gleich zum Mittagessen da. Vorteil an der Selbstbedienung, die auch ohne Corona an der Tagesordnung ist: Es vergeht keine Viertelstunde, bis man sein Essen bekommt.

Kalbsrahmbraten, Spätzle, Ripple, Haxen und Currywurst

Beim Besuch der Zeitung stehen Kalbsrahmbraten mit Spätzle, Schälripple, Haxen und Currywurst mit Soße nach Hausrezept auf der Karte. Astreines Kesselfleisch, die Pökelnote wunderbar ausgelotet, angenehmes Räucheraroma, nicht zu dominant, der Fleischgeschmack mitsamt Saftigkeit wird nicht übertüncht von zu viel würziger Ablenkung. Das Kraut könnte vielleicht etwas mehr Biss haben - das ist freilich Geschmackssache. Schmecken tut es großartig, mit süßsaurer Note im „Abgang“, so muss Sauerkraut schmecken. Der Kartoffelsalat schmatzt und schwätzt schee schwäbisch. Die Schupfnudeln - kernig und herrlich buttrig. Und das Gericht für Vegetarier und fleischsparsame Personenkreise - heute ist’s die Hokkaidopfanne - wird so zusammengestellt, dass Fleisch nur eine Nebenrolle spielt oder ganz ausgeklammert wird.

Seit 50 Jahren auf dem Stuttgarter Wochenmarkt

Derzeit gibt es Mittagessen nur zum Abholen, dadurch haben sich die Abläufe etwas verschoben. Als Erstes wird meist das Essen bestellt. Während der Teller frisch hergerichtet wird - auch Sonderwünsche werden berücksichtigt und es gibt gemischte „Von-ällem-ebbes-Teller“ - kann eingekauft werden, danach geht es mit dem warmen Essen heim oder ins Büro. Vor Corona sind jeden Freitag bis zu 40 Personen im Stüble heimelig und gemütlich zusammengerückt. In den Jahren haben sich hier sogar Freund- und Bekanntschaften entwickelt. Wegen der Einschränkungen hat sich’s aber auch in dieser gemütlichen Umgebung vorerst „ausgemütlicht“. Auch die beliebte Schlachtplatte einmal im Monat wurde während der Winterzeit auf „Schlachtplatte to go“ umgestellt. Zieglers haben seit 50 Jahren an drei Tagen auf dem Stuttgarter Wochenmarkt einen Stand. Auf die Idee mit Hofladen und Mittagstisch seien sie gekommen, um die Selbstvermarktung auch vor ihrer eigenen Haustüre in den Berglen anzukurbeln. „Eigentlich war der Mittagstisch nicht geplant. Die Nachfrage hat’s aber hergegeben“, so Sabrina Ziegler. „Es ist eine tolle Möglichkeit, um unsere eigenen Produkte zu verkaufen.“

Zugekauft wird bei den Zieglers fast nichts

Drum auch keine Quinoa-Bowl und kein Ingwer: Zieglers erzeugen das nicht selbst, und zugekauft wird fast nichts - und wenn, dann wird es nicht aus aller Welt in die Berglen gekarrt, sondern wenn, dann mal von der Schwäbischen Alb, die Albleisa zum Beispiel. Wer sein Salatdressing auslöffelt, kann sicher sein: Der Rohstoff für den Apfelessig hing bis vor kurzem noch an einem Baum irgendwo in den weiten Streuobstwiesen der Berglen.

Auch den Wocheneinkauf erledigen etliche Kunden im Hofladen

Alles schmeckt gut und ist habhaft, der Wanderer und Handwerker wird ebenso satt wie auch Senioren und weitere Wenigesser ihre halben Portionen bekommen. Wobei Seniorenportionen nach Auskunft von Sabrina Ziegler gar nicht so gefragt seien. „Die Rentner nehmen den Rest mit nach Hause oder sie teilen sich zu zweit eine große Portion“, beschreibt Sabrina den „Normalzustand“. Vor der Pandemie hätten sich noch mehr Gruppen blicken lassen, die hier ihren Jour fixe haben. Ebenso hätten sich im Hofstüble viele überhaupt erst beim Mittagstisch kennengelernt und verabreden sich, kaum ist der Teller leer, gleich zum nächsten gemeinsamen Mahl. Viele erledigen ihren Wocheneinkauf. Etliche verbringen den halben Tag auf der Höhe: Sie gehen nach dem Essen eine Runde spazieren und kommen auf einen Kaffee und selbst gebackenen Kuchen am Nachmittag noch mal vorbei. Klar, dass sie sich auch gern ein Stückle vom frischen Zwetschgenkuchen oder Hefezopf fürs Wochenende einpacken lassen. „Weil unser Sach’ so frisch ist, hält es mindestens eine Woche“, sagt Sabrina Ziegler. Die Kunden bekommen auch Gemüse, Eier, Salate und Kartoffeln vom Hof und müssen nicht unbedingt noch woanders hinfahren.

Zu Zieglers geht man nicht, um einen Salat mit Putenstreifen, eine Quinoa-Bowl mit Ingwer-Dressing oder einen angesagten Vegan-Burger zu essen. Statt Chichi gibt es regionales, bodenständiges „Super-Food“: jeden Freitag vier verschiedene Mittagessen, schwäbische Kost, hausgemachte Braten, schlachtfrisches Kesselfleisch, äbbes Guads halt. Und auch Vegetarier kriegen was aus den Pfannen, die schon ab dem späten Vormittag heißlaufen. Das Besondere: Alles ist aus eigener Schlachtung und aus

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