Berglen

Mohammad möchte „sein“ Zimmer

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Khaldoun Alsarakbi mit Sohn Mohammad und Tochter Hazar im Wohnzimmer der Zwei-Zimmer-Wohnung. © Speiser / ZVW

Berglen. „Hauptsache ein eigenes Kinderzimmer“, sagt Khaldoun Alsarakbi. Wenn es nach seiner Tochter Hazar geht, dürften es auch zwei sein. Die Elfjährige versteht sich gut mit ihrem Bruder, dem sechsjährigen Mohammad, aber sie wünscht sich einen eigenen Bereich fürs Lernen. Die syrische Familie, die in Reichenbach lebt, ist seit Monaten auf der Suche nach einer der Familiengröße angemessenen Wohnung.

Die Kinder haben in der Zwei-Zimmer-Wohnung mit den Eltern ein gemeinsames Schlafzimmer. In dem Zweifamilienhaus gibt es zwar eine gemeinsame Küche mit einer anderen Familie, aber Alsarakbis Frau möchte die nicht nutzen. So haben sie eine provisorische Kochstelle mit zwei Herdplatten im Dusch- und Waschraum eingerichtet.

Ganz Baden-Württemberg kommt in Betracht

Die Familie und Christa Jooß, die sie betreut, suchen nach einer neuen, größeren Bleibe, nicht nur in Berglen. Auch Leutenbach, Schwaikheim, natürlich auch Winnenden oder Schorndorf, hält Alsarakbi, 36, für denkbar. Grundsätzlich käme ganz Baden-Württemberg in Betracht. Der Familie ist der Flüchtlingsstatus im Mai 2016 und damit vor dem Stichtag zuerkannt worden, der sie sonst zum Verbleib in der Kommune ihrer Erstaufnahme verpflichtet hätte.

Mohammad besucht das Kinderhaus in Steinach, der aufgeweckte Junge kommt im nächsten Schuljahr in die Schule. Seine Schwester geht in Oppelsbohm in die Nachbarschaftsschule. Auch bei ihr steht im Sommer ein Wechsel an. Christa Jooß hält als weiterführende Schule die Gemeinschaftsschule in Leutenbach für geeignet für das strebsame Mädchen, das bereits sehr gut Deutsch spricht und versteht.

Er war in Syrien Kaufmann, sie Friseurin

Die Familie, seit 2015 in Deutschland, ist aus der Gemeinschaftsunterkunft in Vorderweißbuch nach Reichenbach gekommen. Die Eltern besuchen Deutschkurse der Volkshochschule in Winnenden. Noch darf Khaldoun nicht arbeiten, ein Praktikum allerdings wäre möglich. In seiner Heimat war er selbstständiger Kaufmann. Er könnte sich auch vorstellen, als Krankenpfleger zu arbeiten. Seine Frau, Ende 20, hat in Syrien als Friseurin gearbeitet. Sie wollen aus Reichenbach auch weg, weil die Busverbindung nur spärlich ist. Oppelsbohm könnten sie sich durchaus vorstellen.

Sie brauchen eine Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnung, wollen endlich wieder ein schönes Zuhause für sich. Das Jobcenter übernimmt bei bis zu 90 Quadratmetern Wohnfläche für vier Personen eine Warmmiete von bis zu 833 Euro monatlich.

Mohammad bringt seinen Wunsch nach einem eigenen Reich, zum Spielen, zwar deutlicher zum Ausdruck als seine Schwester, aber mit kaum zu überbietendem Lausbubencharme. Zu Hause hatte doch auch jeder seinen eigenen Bereich, schiebt er mit treuherzigen, großen Augen nach. Nach seinen Freunden gefragt, muss er nicht überlegen, sondern rattert sofort die Namen herunter. Zu Hause, das war die City von Hama, eine Kleinstadt zwischen Aleppo und Damaskus. Beide Eltern waren berufstätig, die Familie konnte sich ein Auto leisten, ein Haus, das mittlerweile zerstört ist.

„Familie würde am liebsten dreimal die Woche Kehrwoche machen“

Christa Jooß, die die Familie gut kennt, berichtet, dass diese, was Sauberkeit angeht, geradezu überschwäbisch sei: „Die würde am liebsten dreimal die Woche Kehrwoche machen, bei denen ist in der Wohnung stets alles picobello.“ Die Familie, die von Syrien her einen gewissen Lebensstandard gewohnt sei, wolle in Deutschland bleiben, weil sie hier eine Chance für eine Zukunft sehe. Gerade aber auch für solche „Fälle“ sei es wichtig, dass in Berglen künftig nicht nur Einfamilien-, sondern auch Mehrfamilienhäuser gebaut werden.

"Auch damit fängt doch Integration an"

  • Christa Jooß inseriert seit Monaten für die Familie im Amtsblatt, mit sehr wenig Resonanz bislang, durchstöbert einschlägige Internetplattformen, antwortete auf Dutzende von Chiffreanzeigen – ohne Rückmeldung. Bei einer Anzeige mit Telefonnummer sagte ihr die Welzheimer Vermieterin, dass sie eine riesige Auswahl habe. Bei einer Wohnung in Winterbach kam sie zu spät. „Wenn ich nach dem Ja auf die Frage, ob die Wohnung noch frei sei, frage, ob sie auch an Flüchtlinge vermieten, kommt die Antwort ,grundsätzlich ja, aber . .’“ Also „nein“ wegen der Nachbarn oder der anderen Mieter im Haus.
  • Khaldoun Alsarakbi sucht auch selbst, hatte schon mal was gefunden. Als Christa Jooß dort anrief, kam sie über „Ich suche für eine syrische Familie ...“ nicht hinaus, da bekam sie von der anderen Seite zu hören, was ihr eigentlich einfalle, deutsche Steuerzahler, zur Last fallen und so weiter, und dann wurde aufgelegt. Eine Vermieterin in Schorndorf erzählte ihr, bevor sie auflegte, sie habe schlechte Erfahrungen mit dem Jobcenter (also dem Zahlen der Miete) gemacht. In Berglen bekam sie als „Erklärung“, dass man von anderen Mietern halt mehr Miete bekommen könne. Christa Jooß berichtet aber auch, dass immerhin eine andere ehrenamtliche Netzwerkerin, Ute Aigner, für eine Flüchtlingsfamilie erfolgreich war bei der Wohnungssuche, in Berglen.
  • „Das ist alles für mich sehr enttäuschend. Es geht ja nicht nur um eine Familie. Integration fängt doch auch mit einer eigenen Wohnung an, mit den Rechten und den Pflichten dazu, ist ein erster Schritt in die Selbstständigkeit, ein Teil davon, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden.“ Christa Jooß kennt auch die Befürchtung „Die werd’ ich doch nie mehr wieder los“. Ihre Antwort darauf: Das ist das Gleiche wie bei einer deutschen Familie, auch bei der kann es Jobverlust und Arbeitslosigkeit geben. Als sie mal darauf hinwies, dass die Miete ja sicher sei, weil das Jobcenter die zahle, kam als „Gegenargument“ die Frage, ja aber, was sei denn, wenn „die“ erst mal eine Stelle gefunden haben und ihr eigenes Geld verdienen.