Berglen

Nabu hat im Raum Winnenden Schwalbennester gezählt und ihre Belegung beobachtet

Schwalben
Da wird jemand schon sehnlichst erwartet. © ALEXANDRA PALMIZI

Es geht zu wie im Taubenschlag bei Andreas Hurlebaus und drum herum. Ständig ist An- und Abflug. Auch wenn er an der Adlerstraße in Bretzenacker wohnt, die Namensgeber wurden dort noch nicht gesichtet. Dafür aber Mehlschwalben in Hülle und Fülle. Für den regen Flugverkehr hat er selbst gesorgt und dabei auch seine Nachbarn, wie er schmunzelnd gesteht, „genötigt“. Nämlich auch an ihren Häusern Nisthilfen anbringen zu lassen. Im kommenden Jahr macht noch ein weiterer mit, so dass es dann insgesamt etwa 60 „Destinationen“ für die gefiederten Flugkünstler sein werden. Längst nicht alle sind aber „belegt“ beziehungsweise nicht mehr. Die meisten sind schon auf dem Weg ins Winterquartier, auch auf den Leinen rundherum versammeln, hocken, nicht mehr so viele wie noch jüngst.

Um den Presse-Ortstermin hat William Patrick vom Winnender Nabu nachgesucht. Der hat nämlich nach sieben Jahr wieder eine Schwalbenzählung gemacht, nicht nur in Berglen, sondern auch in Leutenbach, Schwaikheim und Winnenden. Wobei es besser wäre, jährlich zu zählen, räumt Albert Petersen, ebenfalls vom Nabu, ein, das wäre verlässlicher, würde die Veränderung genauer zeigen, es gehe ja nicht nur um die absolute Zahl. Und es gehe ja auch nicht nur um die Schwalben. Deren Zahl sei nämlich ein Indikator auch für den Insektenbestand. Der Nabu hat dazu die Zahl der (ihm bekannten) Nester erfasst und wie viele davon belegt sind, mit vier bis fünf Jungvögeln jeweils nämlich, wenn die Brut gut ist. Das Ergebnis: Die Zahl der belegten Nester ist in etwa gleich hoch, allerdings war deren Anteil an der Gesamtzahl 2015 etwas höher.

Hurlebaus weist darauf hin, dass es nicht erlaubt ist, bestehende Schwalbennester zu entfernen. Wird ein Haus saniert oder renoviert, müsse für vorübergehend dafür beseitigte Nester wieder Ersatz her, an Ort und Stelle oder in der Nachbarschaft. Dass es seit 2015 gleichwohl einen „gewissen Schwund“ gegeben hat, steht auf einem anderen Blatt, der wurde allerdings durch Nisthilfen ausgeglichen, wofür Leute wie Hurlebaus sorgen.

Rund 190 als Niststandorte bekannte Gebäude beobachtet

Der Nabu hat sich in diesem Jahr rund 190 ihm als Schwalbenstandorte bekannte Gebäude angeschaut, wobei das, wie 2015, allerdings eben nur „Momentaufnahmen“ gewesen seien, betont Petersen, der mit am Abstand von allen Zählern am meisten unterwegs war. Um einen wirklichkeitsnahen Gesamteindruck zu bekommen, müsste man die Nester und Nisthilfen eigentlich dauernd, ununterbrochen beobachten, ergänzt Hurlebaus. Denn die Schwalben brüteten eben zu unterschiedlichen Zeiten. Die ersten sind bereits Anfang Juli dran, die Hauptsaison ist von Mitte des Monats bis Anfang August. Es gibt also „Mehrfachbelegungen“, zwei oder sogar drei Bruten in einem Nest.

Belegungsquote ist leicht gesunken

Alles in allem, grob überschlagen, sind die Zahlen von 2015 und 2022 in etwa gleich. Die Belegungsquote beträgt etwa 50 Prozent (vorher 56 Prozent). Das Verhältnis von natürlichen Nestern zu den künstlichen Nisthilfen liegt bei eins zu zehn. Bei Letzten sind in den sieben Jahren rund 100 neue hinzugekommen (insgesamt mittlerweile rund 850). Wobei der Nabu weiterhin Häuser sucht, deren Eigentümer mitmachen, bei sich Nisthilfen aufhängen. Wobei es vor allem dort Sinn mache, wo Schwalben schon sind, weil es zeige, dass sie den Standort annehmen, erklärt Petersen: „Es geht also eher ums Erweitern, nicht um ganz neue Plätze.“

Er habe bei Gesprächen mit den Bewohnern der Häuser, wo Schwalben nisten, die Erfahrung gemacht, dass die ganz stolz darauf seien, sich richtig drauf freuen, wenn die im nächsten Jahr wiederkommen und man zusehen kann, wie die Paare die Jungvögel, die aus dem Nest gucken, füttern. Neuzählerpotenzial (oder als mögliche Nest-Paten) sieht Petersen vor allem bei Hundegassigehern: „Die wissen oft, wo, an welchen Häusern Schwalbennester sind.“

Schwalben seien an Hauswände gewöhnt, darauf konditioniert, bevorzugten den Raum an der Dachtraufe, erklärt Hurlebaus, warum es mit freistehenden „Türmen“ bei deren Ansiedlung nicht klappt. „Schwalben sind im Gegensatz zu den Mauerseglern zwar nicht partner-, aber standorttreu.“ Wichtig, ja entscheidend, sei eine freie Anflug- und Startbahn. Deshalb dürften die üblichen Kotbretter nicht zu dicht am Nest sein (mindestens 40 Zentimeter Abstand). Auch weil etwa Tauben, Elstern oder auch Marder die sonst nutzen, die es mit dem Nachwuchs nicht gut meinen. Leider gebe es aber auch immer noch das verbreitete Vorurteil, dass die Vögel Parasiten, Ungeziefer ins Haus brächten, berichtet Patrick. Das sei aber erwiesenermaßen Unsinn. „Es gibt ja nicht umsonst den alten Spruch, dass Schwalben Glück bringen.“

Kinder sind vor allem übers Füttern für Vögel zu begeistern

Den Füttervorgang zu beobachten, sei vor allem für Kinder eine Attraktion, Natur direkt, ganz nah zu erleben, dafür müsse man also nicht weit wegfahren, so Patrick weiter, der selbst seit zehn Jahren naturpädagogisch unterwegs ist. Seine Erfahrung sei, dass Kinder zwar in der Regel nicht auf das Beobachten von Vögeln „programmiert“ seien, aber wenn ein Nest in der Nähe sei, ändere sich das schlagartig. Im vergangenen Jahr sind an der Winnender Kastenschule Mauerseglerkästen an den Traufkanten integriert worden. Es wäre genial, wenn es gelänge, in diesen Kameras zu installieren und über einen Monitor das Leben dort drin zu zeigen, falls die wie erhofft bevölkert werden, das würde den Nachwuchs garantiert faszinieren, meint Hurlebaus. Bei ihm daheim sind dieses Jahr 25 junge Schwalben ausgeflogen, vier neue Paare sind dazugekommen, die nächstes Jahr dort auch brüten werden, davon geht er aus.

Pro Brut müssen etwa 10.000 Insekten dran glauben

Was ist nun mit den Insekten? Also wenn man von den belegten Nestern auf den Schwalbenbestand und von dem auf die Insekten schließe, dann sei im untersuchten Gebiet insgesamt nicht, wie erwartet oder befürchtet, von einem Rückgang auszugehen, zumindest nicht in den Höhen, in denen Schwalben, ihre Jäger, unterwegs sind. „Die fühlen sich offenbar hier noch wohl“, bringt es Patrick auf den Punkt, „das widerspricht schon etwas den Unkenrufen.“ Er hat dazu eine Zahl: Ein Paar verfüttert pro Brut (zwei bis dreieinhalb Wochen) an den Nachwuchs etwa ein Kilo, das sind rund 10.000 Insekten. Man wisse aber nicht, könne nicht unterscheiden, erfassen, was in der Beute alles dabei ist. Definitiv, in Zahlen nachgewiesen sei allerdings der Rückgang der Rauchschwalben hierzulande. Die nisten nämlich vor allem in Scheunen und Ställen. Bei ihnen wirkt sich der Rückgang der landwirtschaftlichen Viehhaltung aus. Patrick verweist auf Norddeutschland, dort sei die Schwalbenzählung, das Führen von Listen dazu, viel verbreiteter.

Die Berglen seien noch eine insektenfreundliche Landschaft, fasst Hurlebaus zusammen: „Ich bin überzeugt davon, dass wir hier kein Insektensterben haben.“ Aber nur ein paar Kilometer entfernt, etwa zwischen Leutenbach und Affalterbach, auf den dort intensiv von der Landwirtschaft genutzten Flächen, sehe es schon ganz anders aus, von den „Agrarsteppen“, den riesigen Monokulturen, in Norddeutschland ganz zu schweigen. Das Gute sei aber, dass, wenn man Insekten etwas „anbietet“, die ruck,zuck wieder dorthin zurückkehrten. Brütende Schwalbenpaar kehrten übrigens im Schnitt alle fünf Minuten zum Nest zurück, Mauersegler, die nur ein Nachwuchsexemplar im Nest haben, dagegen höchstens zweimal in der Stunde. Deren Flugradius bei der Futtersuche reiche viel weiter.

Es geht zu wie im Taubenschlag bei Andreas Hurlebaus und drum herum. Ständig ist An- und Abflug. Auch wenn er an der Adlerstraße in Bretzenacker wohnt, die Namensgeber wurden dort noch nicht gesichtet. Dafür aber Mehlschwalben in Hülle und Fülle. Für den regen Flugverkehr hat er selbst gesorgt und dabei auch seine Nachbarn, wie er schmunzelnd gesteht, „genötigt“. Nämlich auch an ihren Häusern Nisthilfen anbringen zu lassen. Im kommenden Jahr macht noch ein weiterer mit, so dass es dann

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